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„Bei Jimi Hendrix brannte die Kerze auch noch in der Mitte“

Berlin. Von früh gestorbenen Künstlern heißt es, da sei die Kerze von zwei Seiten abgebrannt - hell und schnell. Für Hendrix-Biograf Klaus Theweleit war das kurze Leben des Rockgitarristen noch extremer.

„Bei Jimi Hendrix brannte die Kerze auch noch in der Mitte“

Für Klaus Theweleit bleibt Jimi Hendrix auch heute noch essenziell. Foto: Patrick Seeger

Jimi Hendrix ist als einer der besten Gitarristen aller Zeiten längst legendär. Aber ist der am 27. November vor 75 Jahren in Seattle geborene schwarze Rockmusiker auch heute noch relevant?

Die Deutsche Presse-Agentur sprach mit Professor Klaus Theweleit (75), dem Kulturwissenschaftler und Autor von „Jimi Hendrix - Eine Biographie“ (2008).

Frage: Gab es seit dem Erscheinen Ihrer Hendrix-Biografie neue Einblicke, die Sie heute einer Neuauflage hinzufügen müssten?

Antwort: Ich würde sagen: Nein. Nach seinem Tod sind bis 2008 ja sehr viele hochwertige Konzertmitschnitte und Neuabmischungen seiner Musik herausgekommen, aber es ging zuletzt nicht mehr in unbekanntes Gelände. Hendrix' Werk hat sich also erweitert, aber nicht in Neuland hinein, sondern in punkto Quantität.

Frage: Nun wäre Hendrix 75 geworden, und man fragt sich: Fehlt es heutzutage an breiter Wertschätzung für diesen Künstler?

Antwort: Die alten Fans gibt es ja immer noch etwa in der gleichen Größenordnung wie früher. Und wer jemals Hendrix-Fan war, hört nicht auf, einer zu sein. Aber er ist und bleibt halt ein Rockmusiker für Erwachsene. Die Drogen als Teil seiner Musik, die damalige Politik der USA, der große Pop-Aufbruch - um das alles in sich aufzunehmen und zu verarbeiten, muss man wohl mindestens 25 bis 30 sein. Als jüngerer Mensch fühlt man sich bis heute davon überfahren. Hendrix hatte ja auch nie einfache Hits zum Abtanzen. Daher ist es kein Wunder für mich, dass Hendrix heute für viele eine Größe unter vielen ist.

Frage: War Hendrix, wie Sie geschrieben haben, bei seinem Tod als Rockmusiker „wirklich vollendet“? Oder welche Entwicklungen könnte man sich für ihn vorstellen, hätte er länger gelebt?

Antwort: Andere Musik in einer größeren Band - das wäre das eine. Außerdem hatte er bereits eine Zusammenarbeit mit Miles Davis angefangen, der dann diese Fusion-Geschichte von Jazz und Rock durchgebracht hat. Da hätte Hendrix gut reingepasst. Ich denke, es wäre eine Menge möglich gewesen, weil er einer dieser Typen war, die ich mal als Hochenergetiker bezeichnet habe. Seine beste Musik in Bereichen, wo er noch nicht war, stand uns vielleicht tatsächlich noch bevor.

Frage: Lassen Sie uns weiter spekulieren. Kann man sich heute Jimi Hendrix als Rock-Opa vorstellen, mit grauem Afrolook, auf Festivals mit Eric Clapton oder Mick Jagger? Wäre er heute vielleicht nur eine weitere Legende, die vom alten Ruhm lebt?

Antwort: Also ich kann ihn mir schwer als Altrocker vorstellen, der von seinem frühen Material zehrt. Der Horizont seines Spiels hätte sich mit Sicherheit erweitert. Und er hätte auf Teufel komm raus Neues probiert - auch als alter Mann.

Frage: Der Mythos Jimi Hendrix hat viel zu tun mit dem Bild von der Kerze, die an zwei Seiten extrem hell und viel zu schnell abbrennt. Ein kurzes und intensives Leben. War er ein Getriebener, auch durch skrupellose Manager?

Antwort: Das kann man unterstreichen. Er hat sich ja beklagt, dass er oft gar nicht mehr wusste, in welcher Stadt er gerade auftritt. Eigentlich wollte er stattdessen gern im Studio sein. Aber die Drogengeschichte ist für mich nach wie vor ein Rätsel. Da brannte die Kerze nicht nur an zwei Enden, sondern auch noch in der Mitte. Es gab so gut wie kein Konzert von ihm ohne LSD. Und doch ist er im Konzert fast immer perfekt da - das ist eine Art körperliches Wunder, das ich nicht begreife.

Frage: Zu seinem Tod im September 1970: Selbstmord oder gar Mord gehören wohl eher in den Bereich der Verschwörungstheorien.

Antwort: Nach allem, was ich weiß, deutet nichts auf Selbstmord oder verdeckten Selbstmord durch Drogenüberschuss hin. Letzteres war bei Brian Jones von den Stones anders. Und man kann etwa bei Jim Morrison oder Amy Winehouse eher suizidale Tendenzen erkennen - weil sie mit der Situation, in der sie künstlerisch waren, nicht mehr klarkamen. Hendrix war dagegen nicht ausgebrannt oder überfordert. Er wusste, dass er auf Top-Level spielt.

Frage: Können Sie die Auffassung heutiger Pop-Theoretiker nachvollziehen, dass Gitarrenmusik von gestern ist - und damit auch die Leute, die sie jetzt noch machen?

Antwort: Diesen Propheten würde ich widersprechen. Von wegen: Die Gitarre ist überholt - alles Quatsch. Im Moment ist die Szene allerdings auch eher erfindungslos. Da muss man eben etwas Neues erfinden. Hendrix hätte das gemacht.

Frage: Also Hendrix ist und bleibt essenziell?

Antwort: Auf jeden Fall. Einen Gitarristen, der heute nicht irgendwie Hendrix verarbeitet hat, kann ich mir nicht vorstellen.

ZUR PERSON: Der Kultur- und Literaturwissenschaftler Klaus Theweleit (75) wurde in Ostpreußen geboren und studierte in Kiel und Freiburg. In den 60er Jahren war er Teil der Außerparlamentarischen Opposition. Der bis 2008 in Freiburg und Karlsruhe lehrende Professor ist auch ein profunder Kenner der Rock- und Popmusik.

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