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Götter des Gemetzels: Homers „Ilias“ neu übersetzt

Berlin. Rache, Zorn, Gewalt: Die europäische Literatur nimmt in der „Ilias“ ihren blutigen Anfang. Homers Monumentalwerk über die Belagerung Trojas liegt nun in einer neuen deutschen Fassung vor.

Götter des Gemetzels: Homers „Ilias“ neu übersetzt

Büste des Homer in der Biblioteca Palatina in Parma (Italien). Foto: Sebastian Fischer

Wie kann 2700 Jahre alte Literatur einen neuen Dreh erhalten? Diese Frage beschäftigt immer wieder diejenigen, die Homers „Ilias“ aus dem Griechischen ins Deutsche übertragen.

Das antike Epos über den Trojanischen Krieg, das neben seiner „Odyssee“ zu den größten literarischen Schätzen Europas zählt, ist nun vom Schweizer Kurt Steinmann neu übersetzt worden.

Dabei ist die „Ilias“ (von „Ilios“, einem Beinamen Trojas) ein genauso großes Rätsel geblieben wie ihr Dichter. Über Jahrhunderte herrschte Streit, ob es Homer überhaupt gegeben hat. Oder ob sein Gesamtwerk tatsächlich aus einer Hand stammt - oder nicht eher das Resultat diverser Autoren ist. Und Troja? Ist die unter anderem vom Deutschen Heinrich Schliemann ausgegrabene Stätte in Kleinasien tatsächlich jener Ort, an dem die wohl mythischste aller Schlachten ihren Lauf nahm? Gab es den Krieg überhaupt?

Antworten darauf lassen sich in der Homer-Forschung zuhauf finden. Mit der Übersetzung Steinmanns rückt jedoch der Text erst einmal wieder in den Mittelpunkt - ganz egal ob gänzlich reine Fiktion oder historisches Kriegsvorbild. Sicher ist: Das Werk hat Geschichte und Philosophie, Literatur und Kunst des Westens bestimmt wie nur wenige andere Schriften. Selbst in der Populärkultur hat Hollywood 2004 mit dem Blockbuster „Troja“ der „Ilias“ ein Denkmal gesetzt.

Wer kennt sie etwa nicht, die List mit dem Trojanischen Pferd? Doch kommt die bekannteste Szene gar nicht in der „Ilias“ vor. Homer berichtet von etwa 50 Tagen im zehnten Kriegsjahr. Die Stadt von König Priamos wird von den Griechen belagert. Der Grund: Die schöne Helena, Gattin des Menelaos, schmust mit Troja-Prinz Paris fremd.

Ihretwegen finden die größten Helden beider Seiten ihren Tod. In das drastische Gemetzel („und das Rückenmark spritzte ihm aus den Wirbelknochen“) greifen immer wieder die olympischen Götter um Zeus, Athene und Co ein - die einen aufseiten der Griechen, die anderen für die Trojaner. Hin und wieder gehen sie sich auch gegenseitig an die Gurgeln. Darin sind selbst Götter nur menschlich.

Den Höhepunkt markiert der Zweikampf zwischen Achill, dem größten Kämpfer der Griechen, und Hektor. „Vorwärts schoss er geduckt wie ein luftdurchsegelnder Adler, / der hinab auf die Ebene stößt durch finstere Wolken, / um einen kauernden Hasen zu packen oder ein Lämmlein: / So schoss Hektor heran und schwang das Schwert, das geschärfte.“ Nach dem Kampf um Leben und Tod schleift Achill die Leiche des trojanischen Prinzen hinter seinem Wagen her. Doch ist am Ende der 15 693 Verse nichts vom Krieg entschieden, die Belagerung hält an. Das Holzpferd hat erst in der „Odyssee“ seinen Auftritt.

Steinmann verfolgt mit seiner Neuübersetzung den Anspruch, möglichst nah am griechischen Original zu arbeiten und zugleich den Fluss eines poetischen Textes im Deutschen zu wahren. Damit tritt er in die Fußstapfen seines berühmten Vorgängers Johann Heinrich Voß, der mit seiner „Ilias“-Übertragung in Versform von 1793 selbst schon als Klassiker zu bezeichnen ist. Für den heutigen Leser könnte dessen Sprache aber trotz ihrer Frische zuweilen zu verkrampft erscheinen. So heißt es bei Voß in der eben zitierten Stelle etwas umständlich: „An nun stürmt' er gefasst wie ein hochherfliegender Adler.“

Steinmann versucht es also - wie schon bei seiner Übersetzung der „Odyssee“ von 2007 - moderner, betont allerdings seine strenge Verpflichtung gegenüber Homer. „Die äußere Form des homerischen Epos ist mit ihrem Inhalt untrennbar verschmolzen“, erklärt er in den Anmerkungen seine Entscheidung, den Hexameter beizubehalten und den Text nicht etwa in Prosa zu übertragen. Das Gleichmaß verleihe Rhythmus und Glanz, die sonst nicht zu erreichen wären. An der „Ilias“ arbeitete er neun Jahre - so lang wie Trojas Belagerung.

Ein kleiner Wermutstropfen: In der Neu-Ausgabe bei Manesse fehlen auf den Seiten die Angaben, in welchem der 24 Gesänge man sich befindet. Das macht es umständlich, schnell im aufschlussreichen Kommentarteil zu blättern. Der altgriechisch gebildete Leser wird zudem schmerzlich den Originaltext vermissen. Gerade für einen solch fürstlichen „Ilias“-Prachtband mit seinen 16 Illustrationen wäre eine zweisprachige Ausgabe das Tüpfelchen auf dem i gewesen.

Homer: Ilias. Aus dem Griechischen von Kurt Steinmann, mit Illustrationen von Anton Christian, Manesse, 576 S., 99,00 Euro, ISBN 978-3-7175-9022-4

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