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Seidls „Böse Spiele“ - Filmemacher hat noch viele Ideen

Wien. Seine Filme lassen niemanden kalt. In ihnen geht es um Sextouristen, Waffennarren und auch bizarre Gottesanbeterinnen. Ulrich Seidl will verstören, aber nicht anklagen. Bald folgt ein neues Werk.

Seidls „Böse Spiele“ - Filmemacher hat noch viele Ideen

Ulrich Seidl (M) bei Dreharbeiten zu seinem neuen Film mit dem Arbeitstitel „Böse Spiele“. Foto: Ingo Pertramer

Ulrich Seidl ist im Stress. Er steckt mitten in den Dreharbeiten zu einem neuen großen Spielfilm. Der für seine entlarvenden Filme bekannte österreichische Regisseur arbeitet an einer bitteren Geschichte zweier Brüder.

Der eine sei ein abgehalfterter Schlagersänger, der in der Nebensaison im italienischen Badeort Rimini Bustouristen unterhält. Der andere habe Job und Freundin in Rumänien verloren und versuche sich nun als Judo-Lehrer, erzählt Seidl, der an diesem Freitag (24.11.) seinen 65. Geburtstag feiert. „Im Grunde geht es um die Sehnsucht nach Liebe“, sagt Seidl.

Im Film mit dem Arbeitstitel „Böse Spiele“, der 2019 in die Kinos kommen soll, geht es auch um die Nazi-Vergangenheit des Vaters. Das Stichwort „Nazi“ weckt Erinnerungen an einen politischen Wirbel.

Eine Nazi-Episode hatte in Seidls Essayfilm „Im Keller“ 2014 in Österreich für einen Skandal gesorgt. Im Streifen über die als Hobby getarnten Abgründe in österreichischen und deutschen Kellern - diverse Sexpraktiken und Waffenliebe inklusive - berauschten sich singend fünf Männer unter Hitler-Bild und neben Hakenkreuz-Fahne. Zwei davon entpuppten sich als Gemeinderäte der konservativen ÖVP, die daraufhin Amt und Parteibuch abgaben. „Meine Absicht hat nicht darin bestanden, Leute zu denunzieren oder sie auszustellen“, meinte Seidl zur Aufregung damals. Es sei darum gegangen zu zeigen, wie normal die Verharmlosung der Vergangenheit geworden sei.

Seidl, der aus einem streng katholischen Elternhaus stammt und eigentlich Priester werden sollte, hatte mit seinem ersten großen Dokumentarfilm „Good News“ (1990) seine filmische Handschrift gefunden. Mit schmerzhafter Nüchternheit, mit langen distanzierten Einstellungen fing er die Trostlosigkeit im Leben der Zeitungsverkäufer ein. Der Spielfilm „Hundstage“ über die tristen Episoden im Leben sozial verwahrloster Bewohner Wiener Vorstädte brachte Seidl 2001 den Jury-Spezialpreis bei den Filmfestspielen von Venedig und den internationalen Durchbruch. „Seidls Welt ist ein perfekt gestylter inhaltlich intensiver und packender Alptraum. Und dennoch spürt man in jeder Minute seines Films, dass Seidl seine Figuren mehr liebt als hasst“, befand „Arte“.

In der Tat sieht sich Seidl nicht als Be- oder gar Verurteilender. Auch bei seiner jüngsten Dokumentation „Safari“ (2016) über die Jagd- und Trophäenleidenschaft der Waidmänner habe er niemanden an den Pranger stellen wollen, meint der Filmemacher. „Ich bin auch nicht der Meinung, dass die Menschen der Lächerlichkeit preisgegeben werden“, betont der Österreicher. Er nähere sich seinen Figuren mit Respekt. „Ich verführe sie nicht. Die Menschen sind so, dazu stehen sie auch“, sagt er. Die Jäger und Jägerinnen aus „Safari“ hätten wegen der treffenden Darstellung im Film sogar Privatvorführungen organisiert. Kritiker werfen ihm oft Voyeurismus und Sozialpornografie vor.

In der preisgekrönten Filmtrilogie „Paradies“ (2012) ging es um eine Sex-Touristin in Afrika und um eine streng katholische Krankenschwester, die ein masochistisch-lustvolles Verhältnis zum angebeteten Jesus hat. „Ich schätze seine Radikalität“, meinte Realismus-Fan und Oscar-Preisträger Michael Haneke über Seidl.

Die Ideen-Schublade ist voll. Unklar sei aber noch, was er nach den „Bösen Spielen“ angehen werde, sagt Seidl, dessen 34-stündiges Gesamtwerk nun als Komplett-Box vorliegt. Ein von ihm schon mehrfach angekündigtes Lebensprojekt wäre ein historischer Film über das Räubertum zur Zeit der napoleonischen Kriege. Das spuke ihm seit 25 Jahren durch den Kopf. „Es ist aber bis dato nicht finanzierbar.“

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