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Reise nach Istanbul mit Fazil Say

Er ist Pianist, Komponist, Dirigent. Und manchmal alles auf einmal. Fazil Say (40) ist ein eigenwilliger Musiker, der das Publikum immer wieder erstaunt. Ein Typ. Vier Jahre war er Exklusivkünstler des Dortmunder Konzerthauses. Seine Residenz endet mit dem Festival „Zeitinsel“ vom 10. bis 13. März. Höhepunkt ist die Uraufführung von Fazil Says Istanbul-Sinfonie, ein Auftragswerk des Konzerthauses und vom WDR, das dann auf „Kulturhauptstadt-Tour“ nach Istanbul geht.

Als Fazil Say 2005 beim Klavierfestival Ruhr in der Folkwang Hochschule auftrat, war nicht nur dieses Konzert, sondern auch der Zusatztermin ganz schnell ausverkauft. Das Publikum bestaunte einen der verwegensten Pianisten der Klassikszene. Einen Musiker, der den Mut hat, unkonventionell zu sein.

Es folgte eine Blitzkarriere. 2006 wurde Fazil Say Exklusivkünstler des Dortmunder Konzerthauses. In diesem Jahr ist er auch „Artist in Residence“ der Hamburger Elbphilharmonie.

Oft ein wenig zerknautscht wirkt Say, der im Januar 40 Jahre alt geworden ist. Das, was er macht, ist immer emotional und spontan. Auch, wenn er mitdirigiert beim Klavierspielen, mitsingt, mit den Füßen stampft, selten still sitzt, so spielt, wie es ihm gerade einfällt. Dafür liebt ihn das Publikum oder es wundert sich. Fazil Say regt an und auf. Das ist das Spannende an seinen Konzerten.

Wie er alleine vierhändig Strawinskys „Sacre“ im Konzerthaus mit einem zweiten Klavier vom Band gespielt hat, wie er als Solist in einem Beethoven-Klavierkonzert Siegfried Köhler das Dirigieren abgenommen hat, wie eigenwillig er Mozart musizierte, wie lustvoll er mit Barfuß-Geigerin Patricia Kopatchinskaja Kammermusik gemacht hat, wie vergeblich er versucht hat, mit Renaud Capucon eine gemeinsame Musiksprache zu finden – all‘ das sind Abende der Residenz, die man nicht vergisst. Und oft gab‘s Says Lieblingszugabe: „Black Earth“, ein Flirt mit dem Jazz, eines seiner schönsten Werke, das auch einen Saisonfilm des Konzerthauses untermalt.

Fazil Say war nie angepasst und für manche unbequem. Als er 2007 in Paris die politische Situation in der Türkei beklagte, sorgte das für viel Wirbel in seiner Heimat. Dort hat aber auch die Universität Bahcesehir ihre Konzerthalle nach Fazil Say benannt.

Der Heimat Ankara, wo der Sohn eines Musikwissenschaftlers und Schriftstellers mit fünf Jahren Klavierspielen lernte, kehrte Fazil Say mit 17 Jahren den Rücken. David Levine und Aribert Reimann holten ihn an die Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf. Seine Studien setzte er mit 22 Jahren an der Universität der Künste in Berlin fort. Mit dem Gewinn des „Young Concert Artists International“ in New York begann 1994 seine internationale Karriere.

Inzwischen lebt Fazil Say in Istanbul, mit Frau, Tochter (9), Katzen und Retriever Pascha (11). Im Film zur Istanbul-Sinfonie bringt er dem Hund das Dirigieren bei. Mit Brotstückchen. – Ein liebenswerter Fazil Say, ist der, den wir da sehen.

Als er zurück in die Türkei ging, hatte Fazil Say schon ein paar Dutzend Klavier- und Kammermusikwerke komponiert. 2001 folgte sein Oratorium „Nazim“, dem 8000 Zuhörer im römischen Amphitheater lauschten. 2006 komponierte er zum Mozart-Jahr in Wien ein Ballett, 2008 das Violinkonzert „1001 Nacht im Harem“. Und jetzt seine erste Sinfonie, die Istanbul-Sinfonie, ein Auftragswerk von Konzerthaus und WDR, das Abschiedsgeschenk der Residenz.

Sieben Sätze hat das 45-minütige Werk – so viele wie Istanbul Hügel. Spätromantisch klingt die mit Riesenorchester besetzte Reise durch die Stadt, die in den 1950er Jahren beginnt. Türkische Rhythmen, Tonleitern und Instrumentarium geben den Ton an. In eine Moschee führt uns Fazil Say, in orientalische und Rachmaninowsche Klangwelten. Und auch „Black Earth“ klingt im dritten Satz an. Das, was man bisher hören konnte, ist große, tolle Musik.

„Ich bin nicht so, wie sie mich darstellen“, hat Fazil Say in seinem zweiten Buch in einem Brief an seine Tochter geschrieben. Bei der „Zeitinsel“ lernen wir ihn vielleicht besser kennen.


Zeitinsel im Konzerthaus
10. März: „1001 Nacht im Harem“
Patricia Kopatchinskaja (Foto) hat Fazil Say sein Violinkonzert gewidmet. Sie spielt ab 20 Uhr die Deutsche Erstaufführung mit dem WDR Sinfonieorchester unter Howard Griffiths.
11. März: Kammermusik
Fazil Say (Klavier) spielt ab 20 Uhr mit einem Streichquartett Werke von Haydn, Schostakowitsch, Erkin und die Uraufführung eines eigenen Kammermusikwerks.
12. März: Fazil Say & Friends
Mit Patricia Kopatchinskaja und Burhan Öcal (Percussion) schlägt Fazil Say ab 20 Uhr Brücken zwischen Orient und Okzident, Jazz und Klassik.
13. März: Istanbul-Sinfonie
Das WDR Sinfonieorchester unter Howard Griffiths spielt um 20 Uhr die Uraufführung von Fazil Says „Istanbul-Sinfonie“. Fazil Say ist Solist in Beethovens 5. Klavierkonzert.
 
Karten: Tel. (0231) 22 69 62 00.
» www.konzerthaus-dortmund.de

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