Claus Peymann blitzt in Bochum ab - ein Gespräch
BOCHUM Theaterintendant Claus Peymann ist im Ruhrgebiet eine Legende. Die Rosen flogen und die Tränen flossen, als er 1986 das Schauspielhaus Bochum verließ. Inzwischen ist er Direktor des Berliner Ensembles und kommt zurück - wenn auch nur für eine Lesung aus dem neuen Buch "Peymann von A-Z" am 28. Februar. Im Gespräch mit Bettina Jäger verriet er, warum er in Essen und nicht in Bochum auftritt.
Claus Peymann, einst Intendant in Bochum, warnt vor Kulturabbau im Ruhrgebiet. (Foto: dpa)
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Herr Peymann, Sie kommen zur Lesung nach Essen - ausgerechnet an das Theater, dessen Intendant Anselm Weber gerade einen Brandbrief geschrieben hat, weil er eine Schließung der Bühne oder eine Fusion befürchtet.
Peymann: Die Theaterwelt schaut aufmerksam nach Essen. Man entdeckt einen großen Widerspruch zwischen dem Anspruch, die Kulturhauptstadt Europas zu sein, und der Gefahr, dass die eigene blühende Kultur durch die Hintertür eingeschnürt und gefährdet wird. Ich finde das einen sehr bezeichnenden Vorgang. Ich hatte solche Erlebnisse auch in Bochum. Wenn man im Ruhrgebiet nicht aufpasst, schließen die einem nach den Theaterferien plötzlich das Theater, weil da eine Turnhalle hingebaut werden soll. Essen kann sich da gehörig blamieren.
Was halten sie grundsätzlich von Theaterfusionen?
Peymann: Für mich ist Theater Umwelt. Und die Zerstörung von Theatern ist Umweltzerstörung. Fusionen sind problematisch und bringen meistens nichts. Hände weg von den kulturellen Errungenschaften! Die Künstler sorgen für das Gesicht einer Stadt, nicht die Industriellen. Bochum zum Beispiel ist neben der Kohle- und der Opel-Stadt eben auch eine Stadt des Schauspiels.
Warum lesen Sie eigentlich nicht in Bochum?
Peymann: Elmar Goerden, der Bochumer Intendant, wollte uns nicht. Er hat uns abblitzen lassen. Natürlich hätten wir das in den Kammerspielen machen müssen. Da hat er angeblich keinen Termin gefunden. Ich finde das sehr kleinlich und eifersüchtig. Deswegen gehen wir nach Essen in die Emigration und hoffen, dass viele Bochumer kommen.
Sie selbst waren schon ganz früh der Verfechter einer Kulturhauptstadt Ruhrgebiet.
Peymann: Ja, und ich habe auch so gelebt. Ich bin nach Recklinghausen ins Konzert oder zum Tanztheater Pina Bausch nach Wuppertal gefahren. Eigentlich so ähnlich wie die jungen Leute heute. Die fahren zum Pop-Konzert nach Dortmund oder in die Disko nach Bochum. Irgendwann wird das Ruhrgebiet sicher eine Metropole werden - aber bestimmt nicht durch Kulturabbau.
Aber es gibt ja nicht nur die Sorgen ums Essener Theater, sondern auch viele gute Pläne für 2010.
Peymann: Ja, ich soll auch etwas machen. Michael Gruner, der Dortmunder Schauspielchef, hat mich gefragt, ob ich einen Teil der "Odyssee Europa" inszenieren will - und zwar den Text, den Christoph Ransmayr für Dortmund schreibt. Ich weiß aber nicht, ob ich das zeitlich schaffe. Ransmayr ist ein toller Autor, ich bin mit ihm sehr befreundet. Wir gehen zusammen klettern.
Wie blicken Sie auf Bochum zurück?
Peymann: Das war für mich eine wichtige Lebensstation nach den blutigen Krächen in Stuttgart. Da dachte ich, ich kriege gar keinen Job mehr. Und dann kamen die Bochumer und haben gesagt: "Ach, wenn Sie da etwas Geld für die Zahnbehandlung von Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin gegeben haben, das stört uns nicht."
Das neue Buch "Peymann von A-Z" ist sehr amüsant. Der Autor Hans-Dieter Schütt hat zum Beispiel "Hausmitteilungen" aus Bochum abgedruckt - also Anweisungen an Ihre Mitarbeiter, in denen es um die Möbel im Foyer geht oder um eine Palme auf der Bühne, die aussieht "wie ein Klobesen". Sind Sie pingelig?
Peymann: Total. So pingelig, wie Sie hoffentlich zuhause sind. Das Theater ist mein Leben. Das was wir jetzt in der Politik erleben oder in den Banken, was da für Dilettanten am Werk sind, das ist in meinen Theatern nie so gewesen. Meine Theater haben immer 90 Prozent Auslastung, ich musste nie entschuldet werden, ich habe nie das Budget überzogen.
Sie geben in dem Buch aber auch zu, dass sie in Bochum einen Fehler gemacht haben, nämlich sich von Herbert Grönemeyer zu trennen.
Peymann (lacht) : Das kann man wohl sagen. Den habe ich rausgeschmissen. Grönemeyer war bei Zadek engagiert, und dann habe ich ihn gefragt: "Was wollen Sie eigentlich hier?" Er hat geantwortet: "Ich weiß auch nicht, was ich hier soll." Aber der noch größere Fehler passierte, als er zwei Jahre später seine neue CD im Schauspielhaus vorstellen wollte. Die hieß "Bochum". Da habe ich gesagt: "Herr Grönemeyer, wir machen doch hier kein Schlagertheater." "Bochum" wurde dann ein Welthit und quasi eine Nationalhymne. Dass ich nicht gesehen habe, was das für ein wunderbares Lied ist, das werfe ich mir vor. Inzwischen bin ich aber mit Grönemeyer befreundet.
Ich spreche mit Ihnen, während Sie die Koffer packen. Wo geht es hin?
Peymann: Wir gastieren eine Woche lang in Tel Aviv. Da eröffnen wir die Feierlichkeiten zum 100-jährigen Stadtjubiläum mit der "Dreigroschenoper" in der Inszenierung von Robert Wilson. Ich fahre mit - mitten in den Krieg.
Glauben Sie, dass Sie damit politisch ein Zeichen setzen?
Peymann: Das weiß ich nicht. Bei uns ist die Stimmung in der Truppe und bei mir selbst total gespalten. Ich verstehe beide Seiten, die Israelis und die Palästinenser. Für einen Linken wie mich ist es aussichtslos, da Position zu beziehen.












