Uraufführung von "Macbeth": Der Tanz mit dem Messer
MÜNSTER Jetzt ist auch der letzte Einstand mit Bravour über die Bühne gegangen: Nach Oper und Schauspiel bekam der Tanz in Münster langen Applaus und Standing Ovations. Chefchoreograf Hans Henning Paar präsentierte dem Publikum etwas, was es beim Tanztheater in diesem Haus lange nicht sah: Er erzählte eine Geschichte.
"Macbeth" feierte eine umjubelte Uraufführung am Theater Münster. bewegend: Ako Nakanome (Lady Macbeth) und Cornelius Mickel (Macbeth). (Foto: Pedro Malinowski)
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Paars Handschrift ist weit entfernt davon, Ballett genannt zu werden, auch wenn manche Unkenrufe nach Münster schallten. Paar zeigt hier zeitgenössische, sehr ästhetische Gesten und Gebärden. Er lässt seine Tänzer zu großen Ensembleszenen sprinten, baut klassische, innige Momente zwischen Macbeth (Cornelius Mickel) und seiner Lady (Ako Nakanome), inszeniert spannungsreiche Dreierkonstellationen mit Macbeths Freund Branquo (Tommaso Balbo). Das Erzählen einer Geschichte steht aber immer im Vordergrund – und das unterscheidet ihn tatsächlich stark von Daniel Goldin, der hier 16 Jahre am Haus tätig war.
Fanatische Bluttat
Eine große Szene überstrahlt den ganzen Abend: das Solo von Mickel. Er lässt sich von einem Messer zum Tanz auffordern. Aus einem ersten angstbeladenen Blick entspinnt sich ein Flirt, schließlich ein fanatischer Kampf, der in der Bluttat gipfelt. Hin- und hergerissen zwischen Faszination und Furcht beschwört Mickel zum aufpeitschenden „Cruel Sister“ von Julia Wolfe allein aus seinen Bewegungen die grausame Tat herauf. Dass dann auf der Bühne tatsächlich noch das Blut spritzt und Macbeth den Schotten-König Duncan abschlachtet, hätte man als Bild gar nicht mehr gebraucht.
Die Lady in High Heels
Neben Mickel hat die vibrierendste Bühnenpräsenz Ako Nakanome. Kalt und herablassend dirigiert sie die Menschen – in High Heels und schwarzem Anzug, unter dem nur ein BH sitzt. Sie führt sie wie Sklaven an unsichtbaren Leinen, den Kopf gebieterisch gehoben, den schmalen Körper wie eine Schlange biegend. Als die Ehrgeizige ihrem Mann den heimtückischen Mord einflüstert, klebt sie ihm an Rücken und Schulter, umschlingt ihn wie eine Boa, die Hände um sein Ohr gefaltet gleitet aus ihrem Mund das Böse in ihn hinein.
Hexen-Szenen
Etwas lang geraten sind die Hexen-Szenen zu Beginn. Ihr wilder, archaischer Reigen, gepaart mit Ur-Lauten und den ebenso urwüchsigen Schlagzeugsounds von Iannis Xenakis ist schnell verstanden. Die Hexen wirken mit ihren Rasta-Frisuren wie Erdgeister, ein letztes Aufbäumen der Natur vor der menschlichen Katastrophe. Der Clou ist Anna Siegrot, für Kostüme und Bühne verantwortlich, allerdings mit ihrem Wald gelungen: Das Bühnenbild besteht aus an Seilen hängenden Holzstäben. Die schweben mal lose über dem Boden, formieren sich mit Licht zu schwarz-weißen Gitterbildern, werden im Schlachtengetümmel laut klackernd aneinander geschlagen – und sorgen auf den Boden aufgesetzt für das eindrucksvolle Schlussbild mit „wandelndem Wald“. Bei Shakespeare verbergen sich die Truppen hinter Bäumen: In Münster umzingeln die Stämme Macbeth. Er wird in ihnen sterben.
Die nächsten Termine: 21., 27. 10., 1.11., 5., 21., 28. 12.. Karten unter Telefon (0251) 5909-100.












