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Medienhaus Lensing
01.03.2010 17:15 Uhr
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Projekt "Odyssee Europa": Sind wir nicht alle ein bisschen Odysseus?

ESSEN/DORTMUND Sind wir nicht alle ein bisschen Odysseus? Immer unterwegs, und oft müssen wir mit Ungeheuern wie Schuld oder Schicksal kämpfen. Das lehrt uns die "Odyssee Europa" - auch wenn nach 36 Stunden die Augen brennen, der Kopf dröhnt und der Reisende allen Ernstes von einer Thrombosespritze träumt.Von Bettina Jäger

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Groteskes Maskenspiel: Odysseus (Jakob Schneider) und Penelope (Monika Bujinski) im Theater Dortmund. (Foto: Horn)

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Was für ein Projekt! 400 Menschen haben den Mut, sich zwei Tage nichts als Theater antun zu wollen. Da ist es gut, dass keine der sechs Aufführungen länger als zwei Stunden dauert. Und dass sich der Gast zwischendurch einer Herde anschließen kann, die zur Futterkrippe oder zu den Toiletten strebt (von denen immer zu wenig da sind).

Natürlich hat das was von Klassenfahrt oder Gruppenreise. Ist dann aber doch ganz anders. Schon der Empfang am Schauspiel Essen erinnert an das Check-in einer Luxuskreuzfahrt, so freundlich und edel ist alles. Hier bekommen die Reisenden ihr Info-Paket, hier werden die Übernachtungsgäste ihr Gepäck los. Aber der Unterschied ist vor allem das Gastgeberprinzip. Jeder Teilnehmer trifft nach der ersten Vorstellung in Essen seinen Gastgeber (wenn man eine Übernachtung gebucht hat) oder seinen Weggefährten (wenn man die Reise ohne Übernachtung absolviert).

Unterwegs mit Gastgebern und Weggefährten

Zweieinhalb Stunden gondelt man langsam nach Bochum, Gastgeber und Weggefährten entscheiden, wo die jeweilige Mini-Gruppe stoppt. Der Weg ist das Ziel. Ein Tässchen Kaffee in der Bochumer Jahrhunderthalle? Oder Pommes im bekannten Wattenscheider Profi-Grill? Eine Gastgeberin fährt mit ihren Gästen zu einem Pferdehof, eine andere lädt zum Picknick in die 9. Etage der Sparkasse Essen ein, weil sie den herrlichen Blick vorführen möchte. Heimat ganz subjektiv.

Den Blick aufs Ruhrgebiet verändern

"Den Blick aufs Ruhrgebiet schärfen und verändern", möchten Jan Liesegang und Matthias Rick vom raumlabor berlin, die die Reise von Essen nach Dortmund über Bochum, Oberhausen, Mülheim und Moers organisiert und kleine, kaum merkbare Irritationen eingebaut haben. Die Unsicherheit, die Unbehaustheit sind Prinzip. "Der Weg zum Schiff soll unbequem sein", lächelt Rick freundlich, wenn die Gäste mühsam über eine Treppe zum Ausflugsschiff "Santa Monika" hinaufsteigen. Ein Hund verbellt die Gruppe. Ist das öde hier. In welcher Stadt sind wir überhaupt? "Geh' nicht zu weit links", ruft eine Frau ihrer Freundin zu. Denn da schimmert dunkel der Rhein-Herne-Kanal.

Das große Abenteuer findet auf der Bühne statt 

Das kleine Abenteuer ist die Reise, das große findet auf den Bühnen statt. Sechsmal Odysseus, aber kein Held dabei. Schmutzig und traurig hockt Andreas Grothgar in Essen am Bühnenrand. Ein stiller, gefährlicher Mann. Ein Verzweifelter ist auch Wolfgang Michael als Odysseus in Bochum, Katja Stockhausen als Titelheldin in Moers liegt schließlich nackt und geschändet in der Fremde.

Die Fährnisse der Heimatlosigkeit, die grässlichen Folgen des Krieges und der unmögliche Weg zurück haben die sechs Autoren aus ganz Europa umgetrieben - vielleicht taucht deshalb das Ende von Homers Odyssee immer wieder in den Stücken auf. "Es ist nicht die Zeit, die dich verändert hat, du warst es selber", lässt Christoph Ransmayr die Penelope in Dortmund sagen. So aktuell kann ein Mythos sein oder auch so überzeitlich gültig. Und so verschieden können sechs Dramen, sechs Regie-Handschriften zum gleichen Thema sein.

400 Menschen haben 400 Meinungen. Überall diskutieren sie - im Bus, beim Essen, sogar in der Warteschlange vor der Damentoilette. Wann ist je so intensiv über Theater gestritten worden? Auch das macht das Ruhr.2010-Projekt "Odyssee Europa" zum Ereignis.



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