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Medienhaus Lensing
20.01.2010 05:00 Uhr
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Interview mit Karl-Lauterbach (SPD): Bundesbürger gehen immer öfter zum Arzt

BERLIN Die Bundesbürger gehen immer häufiger zum Arzt, werden aber oft in wenigen Minuten abgefertigt. Im Schnitt suchte jeder gesetzlich Versicherte 18,1 Mal im Jahr einen niedergelassenen Arzt auf, wie aus dem Barmer GEK Arztreport hervorgeht. Darüber sprachen wir mit dem gesundheitspolitischen Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, Karl Lauterbach.Von Christoph Slangen

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Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (Foto: dpa)

18 Arztbesuche im Jahr pro Person - sind die Deutschen ein Volk von Hypochondern?

 Lauterbach: Nein, sie sind Opfer eines kranken Gesundheitssystems. Deutsche Patienten gehen nicht lieber zum Arzt als Holländer, Franzosen oder Italiener. In diesen Ländern liegt die Zahl der Arztbesuche jedoch um mehr als die Hälfte niedriger. Das deutsche Gesundheitswesen leidet an einer Überversorgung. Ein Drittel der Arztbesuche ist unter medizinischen Aspekten vermeidbar.

 

Wo liegt das spezielle deutsche Problem? 

 Lauterbach: In Deutschland fehlt ein funktionierendes Hausarztsystem. Hausärzte müssten erst einmal entscheiden, wer überhaupt einen Facharzt aufsuchen muss. Der größte Teil der überflüssigen Besuche findet beim Facharzt statt. Man könnte so die Zahl der Arztkontakte verringern und die Qualität erhöhen. Denn je mehr Menschen die Fachärzte aufsuchen, desto voller sind die Wartezimmer und desto weniger Zeit bleibt für den einzelnen Patienten. Nach wie vor gilt in Deutschland leider: Masse statt Klasse.

 

Kann man da den Diagnosen der Mediziner immer trauen?

 Lauterbach: Es gibt viele Bagatelldiagnosen, die die Menschen sehr verunsichern. Andere Diagnosen wurden nie gesichert. Die Lebensqualität der Patienten verschlechtert sich, wenn sie glauben, an vielen Krankheiten zu leiden. Auch die Ärzte sind durch das System benachteiligt. Kein niedergelassener Arzt hält Fließbandmedizin für richtig. Jeder will mehr Zeit für den Patienten. Wir brauchen einen Systemwechsel, bei dem der Arztbesuch besser vergütet, die Zahl der Arztbesuche aber auf das Nötige und Sinnvolle beschränkt wird.

 

Die SPD hat jahrelang die Gesundheitsministerin gestellt. Warum ist die von Ihnen geforderte Reform nicht längst umgesetzt?

 Lauterbach: CDU und CSU haben ein wirksames Hausarztsystem blockiert, sowohl über ihre Mehrheit im Bundesrat als auch später bei den Reformen innerhalb der großen Koalition. Die Union ist der Schutzpatron der überflüssigen Facharztbesuche gewesen, die FDP erst recht. In dieser wichtigen Qualitätsfrage wird sich unter Schwarz-Gelb nichts zum Besseren wenden.

 

Die Praxisgebühr von zehn Euro hat anscheinend den Trend zu Arztbesuchen nicht aufhalten können?

 Lauterbach: Die Praxisgebühr muss weg. Sie steuert nicht, sie verhindert keine überflüssigen Arztbesuche und sie ist unbeliebt bei Patienten und Ärzten. Es gibt überhaupt keinen Grund, an ihr festzuhalten. Der Ertrag von 1,5 Milliarden Euro sollte durch Sparmaßnahmen bei der Pharmaindustrie erbracht werden.

 



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