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Die Millatu-Ibrahim-Moschee in Solingen: Behörden haben den Treffpunkt der Salafisten im Visier. (dpa)
Nach Ägypten hätte es gehen sollen, zum Studium der arabischen Sprache und der Scharia, der strengen islamischen Rechtsordnung. Doch als die beiden Salafisten Robert B. und Christian E. im Juli vergangenen Jahres aus Solingen bis nach Brüssel gekommen waren, merkten sie plötzlich: Das Geld reicht nicht.
An die Themse statt an den Nil
Flugs waren die Reisepläne geändert: Statt an den Nil sollte es an die Themse gehen und später nach Birmingham, per Fähre vom französischen Hafen Calais aus. Wenn sich die beiden heute 24 und 28 Jahre alten Männer mit britischem statt mit islamischem Recht beschäftigt hätten, wäre ihnen einiges erspart geblieben. Denn nach dem „Terrorism Act“ ist auf der Insel schon der Besitz von Material strafbar, das in irgendeiner Weise für Terrorakte nützlich sein kann. Die Briten sind nach den Anschlägen in London von 2005 mit über 50 Toten besonders sensibel.
Nach mehr als einem halben Jahr in U-Haft in einem Londoner Hochsicherheitsgefängnis wurden sie nun zu Haftstrafen von zwölf und 16 Monaten verurteilt. Die Hälfte davon müssen sie absitzen. Schon als sich die beiden Solinger kurz nach der Einreise nach Großbritannien im Fährhafen von Dover zur Weiterfahrt mit dem Bus in die Schlange stellten, kam die Polizei. Laptops und externe Festplatten wurden konfisziert, die beiden Männer landeten in der Polizeizelle. Sie hatten Hetzschriften der islamistischen Zeitschrift „Inspire„ abgespeichert. Das Blatt wird von einer Al-Kaida-Splittergruppe verlegt.
"Die ultimative Mähmaschine"
Ein Text mit dem Titel „Die ultimative Mähmaschine“ etwa war dabei. Darin wird datailliert erläutert, wie man an der Front eines Jeeps Klingen befestigt und damit in eine Menschenmenge fährt, um „die Feinde Allahs“ zu beseitigen. Oder die achtseitige Anleitung zur Herstellung von Sprengstoff unter dem Titel „Wie ich in Mutters Küche ein Bombe baue“. Dies sei schon eine andere Liga als die vergleichsweise harmlose Hetzschrift „39 Wege zur Unterstützung des Dschihad“, befand Richter Peter Rook. Darin werden die angehenden Heiligen Krieger etwa dazu aufgerufen, schwimmen zu lernen.
Christian E. konnte sich am Montag ein Grinsen nicht verkneifen, als er von einem Wachmann in die Angeklagten-Box des Gerichtssaals im altehrwürdigen Old Bailey geführt wurde. Für die Prozessbeobachter machte er fast den Eindruck eines Touristen, der sich am Anblick der hölzernen Wandvertäfelung erfreut. Selbst das britische Essen im Belmarsh-Gefängnis scheint ihm zu munden - zuletzt wurde keine passende Gefängniskleidung mehr in der Größe des Solingers aufgetrieben. Sein Anwalt dagegen zeichnet ein komplett anderes Bild: „Er will nichts anderes als nur noch nach Hause nach Deutschland.“
Hälfte der Strafe in U-Haft abgesessen
Für seinen Kumpel Robert B. dürfte die Odyssee mit Ziel Ägypten dagegen sehr schnell wieder in Solingen enden. Er sollte spätestens am Dienstag nach Deutschland überstellt werden, weil er bereits die Hälfte seiner Strafe während der 193 Tage U-Haft abgesessen hat. „Die Hoffnung der Mutter ist, dass er zu ihr kommt und nicht direkt wieder zur Moschee fährt“, sagte der Marler Anwalt Burkhard Benecken, der die Interessen der Mutter vertritt.
In der Moschee in Solingen ist seit einiger Zeit ein neuer Hassprediger aktiv, der bereits in Wien zu vier Jahren Haft verurteilt worden war. Und Robert B. hatte sich erst vor einiger Zeit im Internet über „Ungläubige“ ausgelassen und gelobt, dass er in der britischen Haft Islamunterricht nehmen durfte. Benecken hält die Internet-Botschaft für authentisch.
Die Salafisten gelten in Deutschland als besonders gefährliche islamistische Strömung. Der Salafismus ist nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes ein Sammelbecken für gewaltbereite Islamisten und hat in Deutschland rund 2500 Anhänger. Salafisten vertreten einen rückwärtsgewandten Ur-Islam und lehnen jede theologische Modernisierung ab. Sie vertreten diskriminierende Positionen gegen Frauen und bestehen auf deren Vollverschleierung. Als Rechtsordnung hat für sie nur die Scharia Gültigkeit.
Sauerland-Gruppe unter salafistischem Einfluss
Die terroristische Sauerland-Gruppe etwa stand unter salafistischem Einfluss. Fast alle Islamisten aus Deutschland oder in Deutschland, die den Dschihad befürworten oder sich ihm angeschlossen haben, sind nach Erkenntnissen der Verfassungsschutzbehörden mit dem Salafismus in Berührung gekommen.
Salafisten wollen eine Gesellschaft nach Regeln der islamischen Rechtsordnung Scharia. Zu den bekanntesten Vertretern hierzulande gehört Pierre Vogel, ein deutscher Konvertit. Der radikal-islamische Verein „Einladung zum Paradies“ hat sich in Mönchengladbach aber aufgelöst. Solingen gilt als weiteres Zentrum der Salafisten. Von dort kommen die beiden Terrorverdächtigen, die in London vor Gericht landeten. Die salafistische Propaganda richtet sich an junge Muslime in einer schwierigen Lebenssituation und an junge Nicht-Muslime mit dem Ziel, sie zur salafistischen Strömung des Islam zu bekehren.