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Stasi-Akten bringen noch immer neue Erkenntnisse.
Der Pfarrer hatte der Stasi jahrelang Informationen aus dem bischöflichen Generalvikariat geliefert, wie am Dienstagabend in Münster der renommierte Wissenschaftler Helmut Müller-Enbergs von der Bundesbehörde für Stasi-Unterlagen berichtete.
Agent Neu horchte damals den Personalleiter des Vikariats und heutigen Erzbischof von Hamburg, Werner Thissen, aus. In drei konkreten Fällen habe Neu Gespräche mit Thissen an die Stasi übermittelt. Es sei um Polen gegangen und um Joseph Ratzinger, sagt Müller-Enbergs.
Agent Erich Neu war offenbar Josef Frindt
Der Forscher, der in Haltern geboren ist und seit fast zehn Jahren für die Unterlagenbehörde in Berlin arbeitet, beruft sich auf eine Datenbank der Stasi. Aus ihr gehe hervor, dass Agent Erich Neu dem DDR-Geheimdienst insgesamt 95 Mitteilungen zugespielt hat.
Die Datenbank gebe auch Hinweise darauf, wer der Mann in Wirklichkeit war. „Alles deutet darauf hin, dass sein Name Josef Frindt ist“, sagt Müller-Enbergs.
Er sagt es auf einer öffentlichen Veranstaltung und drückt sich dabei betont vorsichtig aus. Denn: Ein juristisch anerkannter Beweis fehlt. Die Datenbank lasse jedoch keinen anderen Schluss zu. Pfarrer Josef Frindt selbst kann dazu nichts mehr sagen. Er ist 2009 im Alter von 81 Jahren gestorben. Aber das Bistum Münster wusste nach eigenen Angaben, dass Frindt „vor Jahrzehnten einmal als Inoffizieller Mitarbeiter der Stasi geführt wurde“.
Anfang der 1990er Jahre habe eine Überprüfung seiner Person stattgefunden. Es sei aber nichts „Schwerwiegendes“ gefunden worden, so ein Bistumssprecher gegenüber unserer Zeitung. Die Berichte von Forscher Helmut Müller-Enbergs werfen jedoch ein neues Licht auf diesen Fall.
20 Jahre lang als Pfarrer in Dorsten
Josef Frindt hatte in Münster studiert, ehe er Anfang der 1960er Jahre Kaplan in Recklinghausen wurde. Der heutige Erzbischof Thissen bekam vier Jahre später den gleichen Posten in Dorsten. Beide kannten sich. Im Dorstener Stadtteil Deuten war Frindt anschließend als Pfarrer tätig. 20 Jahre lang leitete er die Gemeinde Herz Jesu. Nebenher ging er Lehraufträgen an einer katholischen Hochschule in Münster nach. In dieser Zeit wurde Frindt laut Müller-Enbergs von der Stasi angeworben.
Doch was interessierte den DDR-Geheimdienst überhaupt die Kirche in Münster? „Die Stasi wollte wissen, wie sich die Katholische Kirche entwickelt“, sagt Müller-Enbergs. Weil ihre Quellen im Vatikan – Agenten mit Decknamen „Antonius“ und „Lichtblick“– zu versiegen drohten, schnüffelte die Stasi in Münster.
Sie hatte die Katholische und die Evangelische Studierendengemeinde im Visier. Sie überwachte einen kleinen christlichen Verlag und legte über diesen eine sogenannte „Feindobjektakte“ an. Die Stasi fing Post ab und spionierte Adressen von Spendern aus. „Das ist so schräg“, kommentiert Müller-Enbergs am Dienstagabend diesen Fall und deutet damit an, was all die Informationen tatsächlich gebracht haben: Offenbar nicht viel.
Wie der Kalte Krieg zwischen Ost und West ausgegangen ist, ist hinlänglich bekannt. Und dennoch: Die Dienste Josef Frindts alias Agent Neu müssen der Stasi einiges wert gewesen sein. „Die Zusammenarbeit verlief auf materieller Basis“, berichtet Müller-Enbergs aus den Unterlagen.
"IM Priol" gründete in Münster eine Obdachlosenzeitung
Der Forscher nannte noch einen anderen Namen: Peter Wolter alias „IM Pirol“. Er gründete 1994 eine Obdachlosen-Zeitung in Münster. Vor der Wende allerdings arbeitete er 17 Jahre lang für den Auslandsgeheimdienst der DDR in Bonn. In der alten Bundeshauptstadt beschäftigte die Stasi die meisten Mitarbeiter. BRD-weit konnte sie noch im Jahr 1989 auf rund 3000 Agenten zurückgreifen.
Der Wissenschaftler Helmut Müller-Engbers hält seinen Vortrag noch einmal am Donnerstag, 14. April, um 19.30 Uhr in Dorsten im Alten Rathaus.