ExxonMobil-Chef im Interview: Gasbohrungen und Fracking: "Dimension unterschätzt"

Hannover Der Streit um Gasbohrungen in NRW geht in eine neue Runde: Eine Studie im Auftrag von ExxonMobil kommt zu dem Schluss: Fracking ist gefährlich, aber kontrollierbar. ExxonMobil-Europa-Chef Dr. Gernot Kalkoffen sprach mit Christoph Klemp über die Technologie, Kirchturmpolitik und Ängste.

  • Dr. Gernot Kalkoffen: »Ich halte die Frage schon für spannend, warum eine Geothermiebohrung oder eine Bohrung des Geologischen Dienstes NRW genehmigt wird und wir als Industrie für die gleiche Bohrung keine Genehmigung bekommen.«

    Dr. Gernot Kalkoffen: »Ich halte die Frage schon für spannend, warum eine Geothermiebohrung oder eine Bohrung des Geologischen Dienstes NRW genehmigt wird und wir als Industrie für die gleiche Bohrung keine Genehmigung bekommen.« Foto: ExxonMobil

Was war für Sie die wichtigste Aussage der Studie?
Kalkoffen: Dass es vom Grundsatz her verantwortbar ist, in Deutschland Erdgas aus unkonventionellen Lagerstätten zu erkunden und zu fördern, auch mit der Fracking-Technologie. Dass aus wissenschaftlicher Sicht Fracking machbar ist, überrascht mich nicht, wir machen das ja seit 50 Jahren. Aber wir müssen schauen, was neu ist, wo wir Neuland betreten. Das sind insbesondere die flacheren Lagerstätten und die Anzahl der erforderlichen Bohrungen. Hier empfehlen die Experten eine Herangehensweise in vorsichtigen Schritten, sozusagen den Gürtel zu den Hosenträgern.
 
In der Studie steht auch, dass Fracking sehr riskant ist und Daten fehlen. Wäre es nicht sinnvoll die Datenlücken erst zu schließen?
Kalkoffen: Datenlücken lassen sich nicht durch Warten schließen. Gerade dafür brauchen wir die Bohrungen. Und der Expertenkreis hat klar gesagt, dass die bestehenden Wissenslücken zum Beispiel zu Stoffbilanzen etc. keinen Anlass geben, die Vorhaben auszusetzen.

Haben Sie den Widerstand in NRW unterschätzt?
Kalkoffen: Ganz ehrlich, wir haben das in der Dimension so nicht gesehen. Im Nachhinein muss ich sagen, ich habe schon eine gewisse Sympathie dafür, dass die Leute da erst mal kritisch sind, weil sie aus ihrem eigenen Erfahrungshorizont die Dinge betrachten. Und in NRW ist der Bergbau ein ganz besonderer Erfahrungshorizont. Viele Leute haben dort gute Erfahrungen mit dem Bergbau gemacht, viele aber auch weniger gute. Wenn dann jemand kommt und nach Erdgas suchen will, denkt man leicht, das sei was ähnliches, vielleicht sogar noch was Schlimmeres als Bergbau. Dann machen sich die Menschen Sorgen.
Das Fracking-Verfahren wird eingesetzt, um Erdgas aus besonders dichtem Gestein zu fördern. Unter hohem Druck wird ein Cocktail aus Wasser, Sand und Chemikalien in große Tiefen geleitet, wodurch Risse in der Gesteinsschicht entstehen und das Gas zum Bohrloch fließen kann. Wegen der eingesetzten Chemikalien befürchten Kritiker Umweltgefahren. In NRW haben sich Unternehmen mehr als die Hälfte der Landesfläche für die Suche nach Erdgas gesichert. ExxonMobil darunter die größte Fläche.

NRW hat sämtliche Bohrvorhaben gestoppt. Wie weit geht da Ihr Verständnis?
Kalkoffen: Dass Politiker sich abwartend verhalten, ist im Grundsatz nachvollziehbar. Ich setze da langfristig auf sachliche Diskussionen und auf vernünftige Lösungen. Wir haben mit dem Gutachten des Expertenkreises ja die sachliche Basis dafür gelegt. Die Studien von NRW und vom Umweltbundesamt (UBA) setzen da quasi auf. Sie versuchen Handlungsanweisungen und Rechtsrahmen zu geben, wie wir mit unkonventionellem Gas umgehen sollen, was die Genehmigungsverfahren angeht. Nur: Wenn man alle diese Schritte gemacht hat, muss man zu einem Ergebnis kommen. Meine Hoffnung und Erwartung ist, dass am Ende dieses Prozesses, im dritten Quartal dieses Jahres, sowohl das UBA-Gutachten, als auch das NRW-Gutachten einen Kriterienkatalog entwickelt haben, der es uns erlaubt, unkonventionelles Erdgas zu explorieren und später auch zu produzieren.

Sie hoffen also, dass Sie noch Ende des Jahres in Nordwalde bohren können?
Kalkoffen: Das wäre schön. Der Antrag in Nordwalde sieht ja auch gar kein Fracking vor. Wir wollen dort lediglich eine Bohrung machen. Ich halte die Frage schon für spannend, warum eine Geothermiebohrung oder eine Bohrung des Geologischen Dienstes NRW genehmigt wird und wir als Industrie für die gleiche Bohrung keine Genehmigung bekommen.

Eine Aufgabe für Juristen?
Kalkoffen: Die juristische Auseinandersetzung ist nicht mein Ziel, und ich suche da nicht die Zuspitzung. Ich setze darauf, dass man mit dem gesunden Menschenverstand unterschiedliche Interessen ausgleichen kann.

Wie wichtig ist Fracking für das Überleben von ExxonMobil in Deutschland?
Kalkoffen: Nicht nur für uns, sondern für die gesamte Gasindustrie ist es schon heute immens wichtig. 30 Prozent des konventionellen Gases geht bereits heute auf das Fracking-Verfahren zurück. Man wird in zunehmendem Maße auch im konventionellen Bereich fracken müssen, nicht nur in Deutschland. Momentan stammen 14 Prozent des in Deutschland verbrauchten Gases aus heimischer Förderung. Das entspricht immerhin knapp der Hälfte der russischen Importe – das ist schon eine Hausnummer. Diese Produktion geht im konventionellen Bereich seit Jahren zurück, wegen der natürlichen Erschöpfung der Felder. Die Frage ist: Können wir das kompensieren. Können wir den Rückgang aufhalten oder können wir den Anteil sogar steigern? Das weiß aber noch keiner.

Die Frage ist aber auch: Muss das Erdgas aus Deutschland kommen?
Kalkoffen: Wir müssen die Energiewende bewältigen. Energiewende heißt: Der Energiemix ist bunt. Man kann sich über den Zeithorizont streiten, aber dass wir die nächsten 20 bis 30 Jahre Erdgas brauchen, steht außer Frage. Deutschland braucht Erdgas, und Deutschland hat Erdgas.

Wie viel?
Kalkoffen: Die Deutsche Rohstoffagentur schätzt die Reserven auf 827 Milliarden Kubikmeter, davon 80 Prozent in unkonventionellen Lagerstätten. Die heimische Erdgas-Produktion bringt an vielen Stellen einen Nutzen für das Land. Neben den wirtschaftlichen Aspekten sind wir als Land ja bekannt dafür, dass wir die höchsten Ansprüche haben. Deshalb finde ich es grotesk, wenn wir Kirchturmpolitik betreiben, nach dem Motto „Bitte nicht bei uns“ – und importieren dann Erdgas aus Ländern, die nicht unsere hohen Standards haben. Ich wäre stolz, wenn wir das hier in Deutschland zu unseren hohen Umwelt- und Sicherheitsstandards hinbekommen.

Sie gehen davon aus, dass man bald ohne giftige Zusätze fracken kann. Warum warten Sie nicht ab?
Kalkoffen: Beim Kohleflözgas, um das es in NRW größtenteils geht, ist überhaupt noch nicht klar, ob wir fracken müssen. Die Chancen stehen 50:50. Und wie gesagt: Wir haben in NRW keinen Frac beantragt und heute auch noch keine Pläne dafür. Unabhängig davon sind wir bei der Weiterentwicklung der Flüssigkeiten aber auf einem sehr guten Weg, und die Experten bestätigen das.

Wie würde eine industrielle Gasproduktion die Landschaft in NRW verändern?
Kalkoffen: Wir wissen ja noch gar nicht, ob wir überhaupt produzieren können. Weil beim unkonventionellen Gas aus den einzelnen Bohrungen weniger rauskommt, braucht man mehr Bohrungen, um die gleiche Menge an Gas zu produzieren. Wir werden aber weiter daran arbeiten, den Eingriff minimal zu halten.

Wie zum Beispiel?
Kalkoffen: Ein Beispiel sind Cluster-Plätze. Das heißt, dass Sie von einem Fußballfeld großen Bohrplatz über verzweigte, spinnennetzartige Bohrungen, ein Gasfeld von der Fläche Düsseldorfs erschließen können. Das würde eine enorme Energiemenge bereitstellen und das, was man oberirdisch sieht, wäre in der Produktionsphase relativ minimal – es würden vielleicht ein bis zwei Meter hohe Rohrarmaturen aus dem Boden ragen, die aus der Entfernung kaum sichtbar sind. In welchen Abständen wir das haben werden, ist schwer zu sagen. Eines ist aber klar: Eine Verspargelung der Landschaft ist nicht zu befürchten.
Autor
Interview: Christoph Klemp
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    30. April 2012, 12:35 Uhr
    Aktualisiert:
    12. September 2012, 19:05 Uhr
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