Hochspannung nach Bremen-Spiel: Der Nerven-Krimi

DORTMUND Hüpfend, singend, tanzend feierte Borussia Dortmund am Samstagabend ab 20.20 Uhr die achte deutsche Meisterschaft der Klub-Geschichte. Der BVB krönte eine überragende Saison durch einen 2:0-Erfolg über Mönchengladbach.

  • Am Ende durfte doch noch gefeiert werden: Der BVB hatte einen mehr als nervenaufreibenden Tag hinter sich. Doch die Spieler behielten die Nerven und holten die Meisterschaft.

    Am Ende durfte doch noch gefeiert werden: Der BVB hatte einen mehr als nervenaufreibenden Tag hinter sich. Doch die Spieler behielten die Nerven und holten die Meisterschaft. Bernd Thissen (dpa)

Zuvor erlebten die Schwarzgelben allerdings den Nachmittag über ein nervenaufreibendes Wechselbad der Gefühle. Ein Spielfilm.

Merkwürdige Stimmung

Es ist eine merkwürdige Stimmung, die um 16.15 Uhr im Signal Iduna Park herrscht. 0:0 steht es zur Halbzeit der Partie Bremen gegen München. Bleibt es dabei, ist Dortmund der achte Meister-Titel der Geschichte schon vor dem Anpfiff nicht mehr zu nehmen. Viele Tausende haben sich zu so früher Uhrzeit im Stadion eingefunden. Sie wollen live dabei sein, wenn die Entscheidung um den Titel fällt – und wenn es im fernen Bremen ist.

Um 16.40 Uhr rauscht dann das erste Stimmengewirr über die Ränge. Die, die ein Radio am Ohr haben, feiern. Rasant breitet sich die Neuigkeit aus, und der Jubel wird größer: Naldo hat Bremen mit 1:0 in Führung gebracht. Kampflos sind die Borussen, die im Mannschaftsbus sitzen, dem Titel wieder einen Schritt näher gekommen.

Dortmund ist noch haarscharf Meister

25 Minuten später ist der Jubel Geschichte und stattdessen ein lautes Raunen zu vernehmen. Wieder hat Naldo in Bremen getroffen, diesmal jedoch ins eigene Tor. Es steht 1:1, Dortmund ist noch immer Meister, wenn es dabei bleibt. Ein Tor der Bayern jedoch würde jedoch die Voraussetzungen für das BVB-Spiel gegen Gladbach gravierend verändern. Nur bei einem eigenen Sieg könnten die Schwarzgelben dann die Schale erneut nach Dortmund holen.

Als die Mannschaft um 17.11 Uhr in die Mixed Zone schlendert, gehen die Blicke zu den aufgehängten Fernseher an der Wand. Es läuft die Konferenzschaltung. Höchst unterschiedlich gehen die Borussen mit der kuriosen Tabellensituation um. Während sich manche mit dicken Kopfhörern auf den Ohren sofort in die Kabine verdrücken, bleiben andere stehen. Mats Hummels plaudert entspannt mit Gladbachs Mike Hanke. Marcel Schmelzer unterhält sich mit den Physiotherapeuten. Ablenkung wird bei den meisten groß geschrieben.

Nervöser Kevin Großkreutz

Kevin Großkreutz, der aufgrund eines Nasenbeinbruchs nicht im Kader steht, ist der Einzige, der sich die komplette Schlussphase auf dem Fernseher ansieht. Nervös tänzelt er von einem Bein auf das andere, wedelt mit den Armen. Der „Dortmunder Junge“ steht dicht vor seinem zweiten Meistertitel, als um 17.20 Uhr aus dem Fernseher der Schrei ertönt, der alles auf den Kopf stellt: „Toooooor in Bremen“, brüllt der Reporter – und als das TV-Bild auf den jubelnden Ribéry umschaltet, ist sofort klar, wer getroffen hat.

Dortmund durfte sich bis zur 91. Minute der 15.30-Uhr-Spiele als Meister fühlen. Doch jetzt liegt es wieder an den Mannen von Jürgen Klopp selbst.

Konzentration in der Kabine

Blitzartig schalten die Borussen, die sich das Geschehen angesehen haben, um, wenden den Blick vom Monitor ab und gehen in die Kabine. Der verletzte Großkreutz läuft durch den engen Kabinentunnel auf den Rasen, informiert die Teamkollegen, die draußen stehen. Doch die haben längst mitbekommen, was passiert ist: Zu deutlich war das Stöhnen zu hören, das die Fans auf der Südtribüne in dem Moment ausstießen, als der Ball nach Ribérys Schuss im Netz zappelte.

69 Minuten bleiben den Borussen nach Ribérys Last-Minute-Tor, um die Konzentration nach dieser Achterbahn der Gefühle wieder hochzufahren. Der Ärger von Jürgen Klopp über die unglückliche Ansetzung wird nach dem Spielverlauf in Bremen noch ein Stück verständlicher. Schwerer kann eine Situation auf mentaler Ebene für eine Mannschaft gar nicht sein.

Große Zuversicht

Der Stimmung im Stadion schadet das jedoch nicht. Bedingungslos peitschen die Dortmunder Fans ihr Team an. Die nervöse Anspannung, die noch zwei Stunden zuvor herrschte, ist großer Zuversicht gewichen. Es herrscht eine meisterliche Atmosphäre, als die Teams um 18.29 Uhr den Rasen betreten.

Bis zur völligen Explosion dauert es nur 23 Minuten, dann köpft Ivan Perisic einen wunderschönen Freistoß von Marcel Schmelzer zum 1:0 ins Gladbacher Tor. Der Freudenschrei, der anschließend von den 72 000 Dortmunder Fans im Stadion ausgestoßen wird, ist wohl noch hinter den Stadtgrenzen zu hören. Der Signal Iduna Park schwelgt in schwarzgelber Ekstase.

Watzke: „Perfekter Tag“

Doch das Ergebnis ist tückisch, ein Gegentor, und der schöne Meistertraum ist dahin. Auf den Rängen kehrt die Anspannung zurück. Bis zur 59. Minute müssen die Borussen auf den Rängen noch zittern, dann erlöst sie Shinji Kagawa mit dem 2:0. Keinen hält es jetzt auf dem Sitz, auch Jürgen Klopp mutiert zum Sprinter, fällt bei seinem Jubellauf Richtung Kagawa fast hin. Erst in den Armen des kleinen Japaners kommt der BVB-Trainer zum Stehen. Die Meisterschaft, das steht in diesem Moment fest, gehört Schwarzgelb.

Die letzte halbe Stunde ist eine einzige große Party, nur die Spieler auf dem Rasen müssen mit dem Feiern noch warten. Dann erlöst sie Schiedsrichter Florian Meyer mit dem Schlusspfiff. Der Rest ist ekstatischer Jubelrausch. BVB-Boss Hans-Joachim Watzke erklärte Minuten nach dem Schlusspfiff: „Das ist ein perfekter Tag. Da gehen die ganzen Jahre an einem vorbei, das ist so emotional.“ BVB-Trainer Jürgen Klopp betonte: „Diese Mannschaft hat einfach Charakter.“

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Autor
Matthias Dersch
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    21. April 2012, 21:36 Uhr
    Aktualisiert:
    21. April 2012, 21:50 Uhr