Der BVB-Gegner: Jan-Ingwer Callsen-Bracker über Realismus in Augsburg

DORTMUND Es hat einige Zeit gedauert, bis sich der BVB-Gegner FC Augsburg in der Fußball-Bundesliga akklimatisiert hatte. Mittlerweile ist der Aufsteiger angekommen in der höchsten deutschen Spielklasse, und das gilt auch für Jan-Ingwer Callsen-Bracker (27), der mit 20 schon im Achtelfinale der Champions League auf dem Platz stand, lange aber auf den Durchbruch als Profi warten musste.

  • Suche nach der Balance: Jan-Ingwer Callsen-Bracker (r.), hier im Luftduell mit Mönchengladbachs Torhüter Marc-Andre ter Stegen, ist endgültig angekommen in der 1. Bundesliga.

    Suche nach der Balance: Jan-Ingwer Callsen-Bracker (r.), hier im Luftduell mit Mönchengladbachs Torhüter Marc-Andre ter Stegen, ist endgültig angekommen in der 1. Bundesliga. Foto: dpa

Herr Callsen-Bracker, Augsburg hat in der Rückrunde bereits sieben Zähler geholt. Der statistische Beleg für den spürbaren Aufschwung?
Jan-Ingwer Callsen-Bracker: Ich habe auch das Gefühl, dass es deutlich aufwärts geht. Das hat sich aber schon vor der Winterpause abgezeichnet.

Gab es die eine Situation, in der es „Klick“ gemacht hat?
Callsen-Bracker:  Als wir am neunten Spieltag in Mainz endlich unseren ersten Sieg in der Bundesliga auf dem Konto hatten, wussten wir, dass wir in dieser Liga Spiele gewinnen können. Dann gab es noch das Heimspiel gegen die Bayern. Das haben wir zwar mit 1:2 verloren, wir hatten aber die Riesenchance zum 2:2. Das wäre auch nicht unverdient gewesen. Dieses Spiel hat uns enorm angespornt.

Was macht Augsburg heute besser als in der Hinrunde?
Callsen-Bracker: Wir haben uns gesagt, Fehler zu machen ist gut, weil man daraus lernen kann. Niemand war so blauäugig, nicht zu wissen, dass es für einen Verein wie den FC Augsburg in der 1. Liga sehr schwer werden würde.

Aus der Ferne betrachtet hatten wir das Gefühl, dass bei Ihnen immer Ruhe herrschte …
Callsen-Bracker: Das war auch so, selbst in der Phase, als wir auf den ersten Sieg warten mussten.

Wie wichtig war diese Ruhe für die Mannschaft?
Callsen-Bracker:  Wenn man vergleicht, wie viel Unruhe zum Beispiel in Köln oder Berlin herrscht, weiß man auch, dass diese Ruhe für uns ein Riesenvorteil war. Die Fans honorieren unseren Kampf. Für mich unvergessen ist die Situation nach dem 1:4 gegen Leverkusen. Da waren wir 70 Minuten nahezu ebenbürtig. Nach dem Schlusspfiff sind alle aufgestanden und haben applaudiert. So etwas habe ich noch nirgendwo erlebt.

Am Samstag kommt Borussia Dortmund, eine Mannschaft, die 18 Mal hintereinander nicht verloren hat. Haben Sie ein Rezept, wie man den BVB besiegen kann?
Callsen-Bracker:  Wenn ja, würde ich es hier nicht verraten. Der BVB ist die derzeit beste Mannschaft Deutschlands. Aber wir haben keine Punkte zu verschenken. Das Spiel ist eine riesige Herausforderung.

Shinji Kagawa ist im Dortmunder Mittelfeld der überragende Mann. Wie bereitet man sich auf ihn vor?
Callsen-Bracker:  Die Dortmunder Offensive besteht ja nicht nur aus Kagawa. Aber man schaut sich Szenen an und versucht, daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Das macht aber jeder Bundesliga-Spieler.

Mit Ihren 27 Jahren sind Sie erst in Augsburg zum Stammspieler in der Bundesliga gereift. Haben Sie auch das Gefühl, noch im ersten Drittel Ihrer Karriere zu stehen?
Callsen-Bracker: Ich hoffe, dass ich noch sieben, acht Jahre spielen kann. Von daher passt das sicher. Vor allem aber, weil ich in meinen Anfangsjahren viel Verletzungspech hatte und sehr wenig gespielt habe.

Aber Sie haben mit 20 an der Anfield Road in Liverpool im Achtelfinale der Champions League auf dem Platz gestanden …
Callsen-Bracker:  Und zwar 90 Minuten! Das war ein Highlight meiner Karriere. Ich habe aber auch die negativen Seiten des Geschäfts kennengelernt. Da habe ich Erfahrungen gesammelt, von denen ich auch als Mensch profitieren kann.

Sie spielen auf die Zeit in Leverkusen und Gladbach an. Warum passte es dort nicht?
Callsen-Bracker: In Leverkusen kam ich als 18-jähriger Innenverteidiger zu den Profis. Da standen Spieler wie Lucio, Boris Zivkovic oder Jens Nowotny sowie Juan und Chris vor mir. Da ist man froh, denen zuschauen zu dürfen. Ich habe 2006/07 relativ viele Spiele gemacht, doch dann wollte der Verein Thiago verpflichten. Das war ein Signal. Ich bin dann nach Gladbach gegangen, weil ich endlich Stammspieler werden wollte.

Und dann kam das Verletzungspech...
Callsen-Bracker: Das war eine Katastrophe. Ich hatte acht Monate nicht gespielt, doch dafür konnte ich ja nichts. Dann wurde ich quasi abgeschoben. Ich war froh und habe schnell zugegriffen, als sich mir die Chance in Augsburg bot.

Hatten Sie Befürchtungen, dass es nichts mehr werden würde im Profi-Fußball?
Callsen-Bracker: Fragen Sie, wen Sie wollen: Ich bin kein Typ, der sich hängen lässt. Mir hat die Zeit in der Amateur-Mannschaft Gladbachs viel Spaß gebracht. Das waren alles super Jungs. Ich wollte aber höher spielen. Dafür habe ich mich täglich reingehängt.

Sie stammen aus der schleswig-holsteinischen Provinz. Wie schaffte ein Jugendlicher von dort aus den Sprung nach Leverkusen?
Callsen-Bracker:  (lacht) Ich bin beim TSV Bollingstedt groß geworden. Da hat mich bestimmt keiner gesichtet. Das ist später passiert, als ich in die Nähe von Bonn gezogen bin. Dort habe ich in der Kreisauswahl gespielt, und damit stand ich auf der Liste.

Leverkusens Jugendarbeit genießt einen sehr guten Ruf. Zu Recht?
Callsen-Bracker:   Ja. Ich war ja sozusagen einer der Pioniere, einer der ersten, der in die damals gerade entstehenden Leistungszentren aufgenommen wurde. Ich habe da sehr viel gelernt und mitgenommen.

Eine Frage können wir Ihnen nicht ersparen. Ihr Vorname Jan-Ingwer …
Callsen-Bracker:  (lacht) … ist außergewöhnlich?

Nun ja, im Ruhrgebiet bringt man Ingwer hauptsächlich mit der Küche in Verbindung.
Callsen-Bracker:  Meine Mutter fand die Kombination schön. Es ist kein Allerweltsname, 30 Kilometer von der dänischen Grenze entfernt aber auch kein so unbekannter. Tatsächlich kenne ich noch drei andere Jungs aus unserer Gegend, die so heißen.

Wissen Sie, wo Bollingstedt am Samstag spielt?
Callsen-Bracker:  Ich weiß, dass sie in der Kreisliga zu Hause sind. Der Kontakt ist nicht mehr so intensiv. Aber ich weiß, dass in Bollingstedt viele mitfiebern, wenn ich spiele. Und ich bin bei Dorffesten schon mal live zugeschaltet worden.
 
 
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Autor
Dirk Krampe
ZUM ARTIKEL
  • Erstellt:
    10. März 2012, 09:04 Uhr
    Aktualisiert:
    30. März 2012, 17:36 Uhr