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19.03.2010 16:59 Uhr
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Heynckes im Interview: "Jürgen Klopp hat ein gutes Händchen"

DORTMUND LEVERKUSEN Bayer Leverkusen hat seinen kurzzeitigen Abwärtstrend trotz der Missgeschicke von Torhüter René Adler einfach wegstürmen können. Am Samstag (18.30 Uhr) tritt der Tabellendritte beim Vierten Borussia Dortmund an. Von Sascha Fligge

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Jupp Heynckes strebt mit Bayer die Champions League an.  (Foto: mis)

Im Interview spricht Bayer-Trainer Jupp Heynckes (64) über Schatztruhen, Wellness-Bereiche und Millionen-Lasten.

Herr Heynckes, empfinden Sie es als Zufall, dass Franz Beckenbauer über Ihren Torhüter René Adler in der entscheidenden Meisterschaftsphase sagt: „Wenn einer in der Schülermannschaft so einen Fehler macht, dann sagt man ihm: ‚Such dir eine andere Sportart!’“?

Jupp Heynckes: Den gleichen Satz hat der Franz doch vor 30 Jahren schon gesagt. Er ist überall präsent und muss so viel über Fußball reden, dass ihm manchmal eben so eine Aussage aus dem Mund schlüpft.
 
Sie vermuten kein Kalkül?

Heynckes:
Kein Kalkül, keine Strategie. Das sind Sätze aus Franz Beckenbauers Schatztruhe. Ich habe sie vor 30 Jahren unaufgeregt zur Kenntnis genommen und tue das auch heute.
 
Stört die Torhüterdiskussion im WM-Jahr Ihre Arbeit?
Heynckes: Nein! Allerdings ist das ganze Thema völlig überhitzt. Auch in seiner medialen Darstellung. René Adler ist ein absoluter Top-Torwart. Und hätte er im Länderspiel gegen Argentinien nicht gepatzt, wäre die Aktion in der Hamburg-Partie als das gewertet worden, was sie in der Realität war…
 
…als was denn?

Heynckes: Als ein Missverständnis mit unserem Abwehrspieler Sami Hyypiä. Nicht mehr, nicht weniger.
 
Ist Adler der beste deutsche Torwart?
Heynckes: Er ist in dieser Saison jedenfalls die unumstrittene Nummer 1 in Leverkusen. Es gehört nicht zu meinen Aufgaben, die Torhüter anderer Klubs zu bewerten.
 
Leverkusen war im Vorfeld der Saison kein Titelkandidat. Sind Sie im Moment so etwas wie ein Opfer Ihrer eigenen guten Taten?
Heynckes: Nein. Wenn man 24 Spiele ohne Niederlage geblieben ist, dann darf man ruhig auch mal verlieren. Wenn man es dann tut, ist das Anspruchsniveau von Fans und Medien einfach ein höheres. Dann wird kritisiert, und das empfinde ich auch als produktiv. Ich mag das sogar.
 
Warum?
Heynckes: Wenn man Zweiter oder Dritter ist und dennoch kritisiert wird, dann zeigt das, dass man als Kandidat für die direkte Champions League-Qualifikation richtig ernst genommen wird.
 
Das Wort Meisterschaft vermeiden Sie ja, wo sie können...
Heynckes: Die anderen Trainer sprechen ja auch nicht vom Titel. Warum sollte ich das tun?
 
Louis van Gaal spricht schon vom Titel.
Heynckes: Das kann er auch. Die Bayern gehören doch immer zu den Favoriten auf die Meisterschaft – egal, was passiert. Etwas anderes würde van Gaal auch niemand abnehmen.
 
Sie empfangen die Bayern und Schalke noch in der BayArena. Der entscheidende Trumpf im Kampf um die Schale?
Heynckes (lacht): Jedenfalls ein Fakt, der im Kampf um die direkte Qualifikation für die Champions League nicht von Nachteil sein wird. Aber es geht nicht ausschließlich um diese beiden Spiele. Da sind noch sechs andere, die auch noch bestritten werden müssen. Übrigens war Leverkusen im vergangenen Jahr Tabellen-Neunter, Schalke Achter. Bei beiden Klubs hat sich viel zum Positiven entwickelt. Was Schalke aus seinen Möglichkeiten gemacht hat, ist ja sensationell.
 
Ihrer Mannschaft wird stets viel Talent, aber zugleich ein Mangel an Konstanz und Erfahrung zugeschrieben. Wie versucht der 36 Jahre alte Sami Hyypiä Letzteren zu kompensieren?
Heynckes: Sami hat mit seiner Professionalität eine Duftmarke gesetzt. Er ist ein Spieler, an dem sich die anderen orientieren können, auf dem Platz und auch in der Kabine. Es ist gut, solch einen Profi in seinen Reihen zu haben.
 
Und doch müssen Sie sich mit dem Worst-Case-Szenario beschäftigen. Also damit, was passiert, wenn Hyypiä mal nicht mehr führen kann.
Heynckes: Ich war, was das anging, nie blauäugig. Hyypiä ist 36 und hat 15 oder noch mehr Jahre Profifußball hinter sich. Um ihn auf seinem gegenwärtigen Level zu halten, dosieren wir seine Belastungen sehr sorgsam und verschaffen ihm Regenerationszeiten. Allerdings ist Sami so professionell und kennt seinen Körper so gut, dass er oft im Gymnastik- und Kraftraum trainiert und auch viel und zielgerichtet im Wellnessbereich arbeitet. Er tut ständig etwas für sich.
 
Am Samstag tritt Ihr Team als Dritter beim Vierten Dortmund an. Hat der BVB Sie in der laufenden Spielzeit überrascht?
Heynckes: Nein. Jürgen Klopp hatte ja längst bewiesen, dass er im Umgang mit einem Fußball-Team ein sehr gutes Händchen hat und die richtigen Kriterien für dessen Zusammenstellung findet.
 
Welche sind das?
Heynckes: Dortmund verfügt über sehr viele hungrige, talentierte Leute. Von Manndecker Mats Hummels, der zurzeit leider verletzt ist, halte ich zum Beispiel eine ganze Menge. Und dass Dede, der die linke Defensivbahn in der Bundesliga über mehr als ein Jahrzehnt mit geprägt hat, von einem jungen Mann wie Marcel Schmelzer verdrängt wurde, sagt ja alles. Außerdem ist Dortmund als sehr laufstark bekannt.
 
Viele Bundesligisten setzen verstärkt auf junge, athletisch exzellent ausgebildete Profis. Neben Leverkusen und Dortmund zum Beispiel auch Schalke und der FC Bayern. Vollzieht sich gerade ein strategischer Wandel?
Heynckes: Ja. Und den braucht die Liga auch. Schließlich haben wir in Deutschland unheimlich viel Qualität. Wir sind nicht umsonst U21-, U19 und U17-Europameister. Die eigenen Leute machen die Liga noch attraktiver, gerade auch qualitativ.
 
Glauben Sie daran, dass mittelfristig mehr internationale Stars den Weg in die Bundesliga finden?
Heynckes: Ich denke schon. Wir haben in Deutschland die beste Fußball-Infrastruktur aller europäischen Länder. Und hier werden die Gehälter pünktlich gezahlt, was längst nicht überall der Fall ist.
 
Trotzdem spielen die Top-Stars auf dem Zenit ihres Könnens bei den hochverschuldeten Klubs aus Spanien oder England.
Heynckes: Aber es kann jetzt ein Umkehreffekt stattfinden. In Spanien und England sind Steuerprivilegien gefallen. Es ist schon ein Unterschied, ob ein Spieler 15 Prozent Steuern zahlt oder 40. Bislang haben die Klubs die Steuern für die absoluten Super-Stars in der Regel übernommen. Aber vielleicht können sie es bald nicht mehr.
 
Sie konnten es auch bisher nicht, haben es aber trotzdem getan.
Heynckes: Die Schuldenlasten werden aber doch astronomisch. Das geht nicht mehr lange gut. Beim FC Valencia sollen es 500 Millionen Euro sein, von Real Madrid will ich gar nicht reden, Manchester United drückt angeblich eine Milliarden-Last. Und bei anderen Klubs wird irgendwann der Zeitpunkt kommen, an dem die Mäzene einfach aussteigen. Dann gehen diese Vereine pleite, und die Bundesliga könnte künftig für noch mehr große Stars interessant werden.


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