Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Schlachtfest in Alstätte mit Tradition und ohne Peta

hzHeimatverein

Der Heimatverein Alstätte feierte Schlachtfest und zerlegte der Tradition gemäß fachgerecht ein Schwein. Dabei kamen Erinnerungen hoch. Veggi-Würstchen von Peta gab es nicht.

von Andreas Bäumer

Ahaus

, 11.02.2019 / Lesedauer: 4 min

Rund 70 Gäste wollen dabei sein, wie beim Heimatverein Alstätte Metzger Hubert Vortkamp ein Schwein fachgerecht zerlegt. Und dann probieren sie es gleich gegrillt. Dabei werden Erinnerungen ausgetauscht. Und auch über die Peta-Aktion wird gesprochen.

Am Samstagmorgen hängt ein Mastschwein an einer Leiter am Högers Hues in Alstätte, Kopf nach unten, die Hinterbeine an einen Schwengel gehakt. Es ist enthaart, aufgeschnitten, ausgenommen und ausgeblutet. Seine Nieren sind als einzige Organe noch an ihrer Stelle, eingepackt in eine Fettschicht. Der gelernte Metzger Norbert Frankemölle zeigt dies interessierten Gästen. Er ist froh um das trockene Wetter, „das letzte Mal schneite es.“ Es ist das Schlachtfest des Heimatvereins in Alstätte. Alle zwei Jahre findet es statt, an diesem Samstag zum dritten Mal. Ungefähr 70 Gäste sind da, vom Heimatverein, von Alstätter Stammtischen, aber auch Auswärtige.

Erst einmal ziehen die Heimatfreunde zur nahen ehemaligen Hofstelle Lütke Glanermann. Die Familie Wielens hat hier ein Mehrfamilienhaus errichtet. Gemeinsam mit dem Heimatverein haben sie hier einen Findling mit Kreuz wieder aufgestellt. Den weiht Pastor Matthias Wiemeler in einer kleinen Andacht ein.

Wagenbauer

Irene Render hat für die begleitende Informations-Tafel zur Geschichte der Hofstelle recherchiert. Sie erzählt, dass hier auch drei Generationen lang die Familie Nienhaus gewohnt hat: „Sie waren Rademacher und Stellmacher, also Wagenbauer, aber haben hier auch das Standesamt betrieben.“

Schnell geht es zurück zum Högers Hues. Dort wetzt Metzger Hubert Vortkamp sein Messer. In einer kleinen Ansprache nimmt der Vorsitzende des Heimatvereins, Heinrich Holters, Bezug auf den Brief von Peta. Die Tierschutzorganisation hatte angeboten, Veggie-Würstchen zu spenden, wenn auf die Schlachtung des Mastschweins verzichtet würde. Ein solches Schlachtfest wäre einer aufgeklärten Gesellschaft nicht gemäß, hatte Peta den Alstättern geschrieben. Heinrich Holters sagt: „Die haben natürlich ein Recht, ihre Meinung zu äußern. Aber auch wir gehören zur aufgeklärten Gesellschaft und dies können sie uns nicht absprechen.“

Währenddessen legt Vortkamp Hand an das Schwein, sodass bald nur noch eine Schweinehälfte an der Leiter hängt. Norbert Frankemölle und Andreas Feldmann machen die Bräter bereit. Vortkamp zerlegt vom Schwein geschnittenen Stücke und bringt den Kollegen immer wieder neue Portionen – Speck-Häppchen, Filet-Stücke, Schnitzel für den Grill und Braten für den Ofen. Bald riechen auch die Kleider nach Rauch und verbranntem Schweinefett.

Schlachtfest in Alstätte mit Tradition und ohne Peta

Grillmeister Andreas Feldmann hatte einen wichtigen Job beim Schlachtfest. © Andreas Bäumer

Das ausgenommene Mastschwein ist rund 90 Kilogramm schwer, lebendig wog es wohl 120 Kilogramm. Es war sechs Monate alt, zwei Monate davon hat es im Zuchtbetrieb verbracht und vier Monate im Mastbetrieb von Günter Wielens, der es dem Heimatverein spendete. Bereits nach zwei Stunden Schlachtfest hängt nur noch die Hinterkeule an der Leiter.

Die Gäste freuen sich an den Grill-Variationen, nach ein paar Stunden Garzeit auch am Schweinebraten aus dem Ofen. Um 17 Uhr werden die letzten Portionen serviert. Brigitte Hassels und Irene Render versorgen die Gäste mit reichlich Glühwein, Bier und sonstigen Getränke.

Erinnerungen an früher

Das Schwein an der Leiter gemahnt manche hier an Hofschlachtungen bis in die 70er-Jahre. Bernhard Göring berichtet, wie er dabei dem Metzger Heinrich Ellerkamp zur Hand ging – bis er 35 Jahre alt war, parallel zu seinem Job als Volksbänker. „Auf den Höfen schlachteten wir dienstags. Eine harte Arbeit, es ging Hand in Hand und fast ohne Worte“, berichtet Göring. Zwei Senior-Landwirte erinnern sich an die zwei Dreschtage im Winter, an denen viele Helfer versorgt werden mussten. Dann wurde jeweils ein Schwein geschlachtet. Der eine erinnert sich: „Der Schweinekopf landete in einem sehr großen Kochtopf, der sonst fürs Aufkochen des Schweinefutters genutzt wurde.“ Aus der Brühe, zerkleinertem Fleisch, Blut und Schrot wurde Wurstebrot gemacht. „Die Frauen hatten an solchen Schlachttagen die meiste Arbeit“, betont er.

Jutta Hohmann erzählt aus ihrer Ahauser Kindheit in den 60ern. Ihr steht noch vor Augen, wie die Nachbars-Oma an solch einem Schlachttag die Arme bis zu den Ellbogen ins Blut tauchte. Sie rührte es, um das Gerinnen zu verhindern. Tim (9) dagegen hat noch nie gesehen, wie ein Schwein zerlegt wurde. Dies ist sein erstes Schlachtfest. Er schaut gebannt zu, wie Vortkamp seiner Arbeit nachgeht. Was er wohl dereinst seinen Kindern und Enkeln von den Münsterländer Schweinen erzählen wird?

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt