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Ein Tennislehrer aus Dorsten lässt Frauen „Sklavenverträge“ unterschreiben und bringt sie dazu, ihm Nacktfotos ihrer Kinder zu schicken. Ein extremer Fall von subtiler psychischer Gewalt.

Dorsten

, 27.01.2019 / Lesedauer: 4 min

Seit Anfang des Jahres muss sich ein 39-jähriger Tennislehrer aus Dorsten wegen Kindesmissbrauchs vor dem Essener Landgericht verantworten. Er suchte im Internet gezielt nach Müttern, die er so lange erniedrigte und manipulierte, bis sie für ihn Nacktbilder ihrer eigenen Kinder machten. Wie es so weit kommen konnte und wie man sich vor psychologischem Missbrauch schützen kann, erklärt der psychologische Psychotherapeut Thomas Schregel aus Wulfen.

Herr Schregel, gibt es in der Psychologie eine Bezeichnung für diese Art der psychischen Manipulation?

Ich verfolge den Fall sehr interessiert. Bei aller Vorsicht mit Diagnosen: Mit den Informationen, die mir vorliegen, denke ich, dass Gaslighting die richtige Einordnung ist.

Was ist Gaslighting?

Das ist eine Form von psychischer Gewalt, mit der Menschen gezielt manipuliert, desorientiert und verunsichert werden. Der Begriff geht zurück auf ein Theaterstück aus dem Jahr 1938, in dem ein solches Geschehen exemplarisch dargestellt wurde.

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Wie kann es passieren, dass Frauen einem Mann dermaßen hörig werden?

Vermutlich hat der Angeklagte erkannt, welche Bedürfnisse die betroffenen Frauen haben und es dann geschafft, diese zu bedienen. Als erstes Bedürfnis sehe ich da Sehnsucht nach Bindung, aber auch Anerkennung und Wertschätzung sind wichtige Bedürfnisse.

Wie bei jedem anderen Bedürfnis entsteht ein Mangelzustand, wenn es nicht bedient wird. Fehlt mir Flüssigkeit, bekomme ich Durst. Sehne ich mich nach Bindung, entsteht Einsamkeit. Wenn dann jemand kommt und man denkt „endlich habe ich jemanden“, dann kann es passieren, dass man demjenigen gefühlsmäßig so verbunden ist, dass man sich auch Schlimmes gefallen lässt, um den Zustand zu erhalten. Nach dem Motto: Ich muss nur freundlich bleiben, dann werde ich auch bald wieder gut behandelt.

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Eine Frau hat vor Gericht ausgesagt, sie könne ihr Handeln heute nicht mehr nachvollziehen. Was passiert da im Kopf während so einer Manipulation?

Unser Handeln ist gesteuert von Verstand und/oder Gefühlen. Mal bestimmt mehr der Verstand, mal die Gefühle. Je intensiver Gefühle sind, desto stärker steuern sie mein Handeln.

Also ist viel Wahres dran, wenn es heißt, dass Liebe blind macht?

Ob das nun Liebe war, kann ich nicht beurteilen. Aber die Frauen haben sich in einem Zustand der Abhängigkeit befunden, in dem ihr Handeln offenbar allein von Gefühlen gesteuert war. Der kritische Verstand ist dann quasi blockiert. Heute können sie wieder über diesen Verstand verfügen und fragen sich: Was war nur mit mir los?

Wenn intensive Gefühle vorhanden sind, gerät der Verstand ins Hintertreffen. Das ist zum Beispiel bei Angst auch so: Man entscheidet sofort zwischen Flucht oder Kampf, obwohl vielleicht eine ganz andere Reaktion viel sinnvoller wäre. Das wird uns aber meist erst im Nachhinein bewusst. Gefühle sind wichtig, aber sie sind oft nicht genau und können Tatsachen verfälscht widergeben. Da ist der Verstand nun mal besser.

Woran erkenne ich, dass ich betroffen bin?

Man erlebt ja den Schaden oder die unangenehmen Gefühle. Deshalb halte ich es auch für möglich, zu erkennen, dass man Opfer ist. Viel schwieriger ist es für Betroffene, dann entsprechend zu handeln. Ich halte es deshalb nicht für ein Problem des Erkennens, sondern sehe die Schwierigkeiten eher darin, sich aus diesem Opfersein zu befreien. Es gelingt nicht mehr, Grenzen zu setzen und sich aus dieser Rolle zu lösen. Betroffene können sich der Macht der Manipulation nicht mehr entziehen, weil es auf der anderen Seite auch etwas gibt, das ihnen in irgendeiner Weise gut tut.

Wie kommt man aus so einer Beziehung raus?

Wenn ich erkannt habe, dass ich selbst nicht rauskomme, muss ich mir Hilfe suchen bei Menschen, denen ich vertraue, oder professionelle Hilfe bei Menschen wie mir. Es hängt auch davon ab, ob ich Menschen um mich herum habe, denen ich vertraue. Ich kann mir vorstellen, dass die Opfer in diesem Fall sehr einsam gewesen sind. Wenn ich ins Internet gehe und dort Kontakte suche, habe ich in meiner Lebenswelt wahrscheinlich zu wenige oder nicht die, die ich mir wünsche. Hier geht es um Beziehungen, die von Abhängigkeit geprägt sind. Und gegen Abhängigkeit hilft nur Abstinenz. Das ist natürlich einfach gesagt.

Wie kann man sich schützen?

Indem man auf sich aufpasst und ein gesundes Misstrauen an den Tag legt. Also erst mal Menschen prüft, bevor man nähere Beziehungen eingeht. Dass man sich verliebt, kann sehr schnell passieren. Wichtig ist dann, bei aller Verliebtheit nicht zu vergessen, den Menschen kennenzulernen und zu schauen, ob er einem wirklich gut tut. Und wenn das nicht der Fall ist, muss man klar „Stopp!“ sagen. Ob das gelingt, hängt wiederum viel mit Selbstbewusstsein zusammen, das man entweder haben oder sich antrainieren muss.

Vor Extremfällen können wir uns letztlich alle nicht schützen. Wenn es regnet, nehme ich einen Regenschirm mit. Der hilft mir aber auch nicht, wenn plötzlich eine Monsterwelle kommt. Wir schützen uns gegen die Fälle des Lebens, die in unserem Vorstellungsbereich liegen. Kann man sich etwas nicht vorstellen, kann man sich auch nur eingeschränkt dagegen schützen. Einen Fall wie diesen kann man kaum erfinden, aber das Leben erzählt eben auch solche Geschichten.

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