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RAG-Chef Bernd Tönjes war als Jugendlicher illegal in Dorsten unter Tage

hzAbschied vom Bergbau

Den Grundstein für seine Karriere hat Bernd Tönjes, Chef der RAG-Stiftung, in Dorsten gelegt. Im Interview gesteht er, dass er seine erste Grubenfahrt nicht hätte machen dürfen.

Dorsten

, 08.11.2018 / Lesedauer: 5 min

Bernd Tönjes ist noch immer regelmäßig in Dorsten, um seine Mutter zu besuchen. Das sind schöne Momente, doch es gab auch einen ganz bitteren für den Vorstandsvorsitzenden der RAG-Stiftung. Über 17 Jahre ist das her, da war er gerade erst im Amt.

Herr Tönjes, ich habe bei meinen Recherchen festgestellt, dass Sie als 14-Jähriger schon unter Tage waren. Ich glaub’s nicht: Der heutige Chef der RAG-Stiftung ist damals illegal angefahren!

(lacht) Das kann man so sehen. Ich habe meinen Vater sehr bedrängt, er möge mich doch mal mitnehmen. Das war eine geheimnisvolle Welt, die ich aus Erzählungen kannte. Meine Neugier war wirklich sehr groß, und dann hat er mich tatsächlich auf einer Nachtschicht mitgenommen. Wir sind auf Fürst Leopold angefahren, bis auf die dritte Sohle, und haben uns links und rechts umgeschaut. Ich kann mich noch sehr genau an die Geräusche erinnern, auch an die Gerüche. Nach einer Viertelstunde war das schon wieder vorbei, und mein Vater hat mich nach Hause gebracht. Das war nicht ganz den Spielregeln entsprechend, aber das ist mittlerweile verjährt.

Kann man sagen, dass damals, als 14-Jähriger in Dorsten, ihre Bergbau-Karriere angefangen hat?

Man könnte sagen: Meine erste Grubenfahrt habe ich in Dorsten gemacht, meine ersten bergmännischen Eindrücke auf Fürst Leopold gewonnen. Das ist schon fast 50 Jahre her, in der Tat ein sehr langer Zeitraum.

Und das hat sie so nachhaltig beeindruckt, dass Sie unbedingt das machen wollten, was Ihr Vater und Großvater gemacht haben?

Überhaupt nicht. Ich habe 1974 mein Abitur am Petrinum gemacht, war dann bei der Bundeswehr und habe mir in der Zeit überlegt, welchen Beruf ich ergreifen möchte. Ich war sehr davon angetan, Mathematik zu studieren. Es kamen die Erdölkrisen, der Bergbau hat intensiv für eine „Branche mit Zukunft“ geworben, und dann habe ich mich umentschieden und in Aachen mein Bergbau-Studium begonnen.

… und Vater und Großvater haben gejubelt?

Natürlich, mein Vater fand das toll. Mein Großvater hat das nicht mehr miterlebt, er ist 1965 gestorben.

Was würde Ihr Großvater denn sagen, wenn er wüsste, dass Sie 2001 Vorstandsvorsitzender der RAG geworden sind?

Er hätte sich bestimmt sehr gefreut und wäre stolz gewesen. Er selbst hat bis zu seinem 60. Lebensjahr unter Tage gearbeitet, in der Ausbildung.

Sie haben später auch in Dorsten gearbeitet.

Stimmt. Man musste ja als sogenannter Bergbaubeflissener 200 Schichten unter Tage nachweisen, um sein Studium beenden zu können. Ich habe die Schichten zum Teil auf Fürst Leopold verbracht, sogar weit mehr als 200 Schichten, weil ich mir damit einen Teil meines Studiums finanziert habe. Auch meine Diplomarbeit habe ich 1981 auf Fürst Leopold geschrieben, anschließend habe ich dort ein Jahr als Steiger gearbeitet.

RAG-Chef Bernd Tönjes war als Jugendlicher illegal in Dorsten unter Tage

Bernd Tönjes hat seine Bergbau-Karierre in seiner Heimatstadt Dorsten begonnen. © RAG

Warum sind Sie nicht geblieben?

Ich bin als Fahrsteiger unter Tage zum Bergwerk Ewald nach Herten versetzt worden. Dagegen wollte ich mich nicht wehren, es war ja ein beruflicher Aufstieg. Ich war sehr gerne Reviersteiger auf Fürst Leopold, aber Fahrsteiger auf Ewald war natürlich eine noch größere Herausforderung.

Jetzt sitzen Sie am Schreibtisch, tragen meistens Anzüge. Fehlt Ihnen die Maloche auf dem Pütt und dieser Zusammenhalt, der für die Kumpel immer selbstverständlich war?

Ja, das habe ich alles erlebt und es hat mich während der gesamten beruflichen Laufbahn immer wieder begleitet. Dass man immer da, wo man gearbeitet hat, auch Freundschaften geschlossen hat. Fehlen tut es mir heute nicht, denn ich arbeite ja immer noch im Bergbau – wenngleich die Kameradschaft unter Tage immer etwas ganz Besonderes bleibt. Es gibt aber immer noch feste Kreise von damals, die sich heute noch treffen. Wir haben zum Beispiel 1995 gemeinsam eine Exkursion in die Vereinigten Staaten gemacht, um den dortigen Bergbau kennenzulernen. Diese Truppe trifft sich noch immer regelmäßig.

Wir beide sind uns am 17. August 2001 begegnet, dem letzten Tag der Kohleförderung auf Fürst Leopold. Welche Erinnerungen haben Sie an diesen Tag?

Da war ich gerade frisch gebackener Vorstandsvorsitzender der Deutschen Steinkohle. Insofern war das schon eine Besonderheit, denn einerseits war es ja mein Heimat-Pütt und anderseits die erste Schachtanlage, die ich als Vorstandsvorsitzender schließen musste – ein sehr emotionaler und belastender Moment.

Ende des Jahres läuft die Kohleförderung endgültig aus. Wie gehen Sie als RAG-Macher und auch als Mensch damit um?

Das hat sicher zwei Seiten. Als Bergmann bin ich da natürlich sehr berührt. Ich halte es nach wie vor für keine gute Entscheidung. Wenn man aus dieser Technologie komplett aussteigt und den Zugang zu heimischen Energiequellen aufgibt, ist das höchst bedauerlich. Auf der anderen Seite bin ich derjenige, der die Verantwortung dafür hat, dass dies erfolgreich gelingt. Und ich bin wirklich stolz, sagen zu können, dass wir den Auslauf Ende 2018 sozialverträglich geschafft haben. Dass wir keine Massenentlassungen vornehmen mussten, keine betriebsbedingten Kündigungen. Und dass das Auslaufen des Bergbaus nicht auf den Schultern der letzten Kumpel ausgetragen wurde. Das ist sicherlich ein Trost in dieser schwierigen Angelegenheit.

RAG-Chef Bernd Tönjes war als Jugendlicher illegal in Dorsten unter Tage

Als Vorstandsvorsitzender der Deutschen Steinkohle (heute RAG) musste Bernd Tönjes 2011 seinen Heimat-Pütt in Dorsten schließen. © RAG

Waren die Proteste auch der Dorstener Kumpel Ende der 90er-Jahre für die Katz‘?
Nein, das waren sie nicht. Ich kann mich gut an die Menschenkette 1997 erinnern, als sich 300.000 Menschen solidarisiert haben. Eine Resonanz, die größer war als erwartet. Ich erinnere mich auch an Tisa von der Schulenburg, die bei den Bergleuten in Dorsten stand, bei den Betriebsräten und Mahnfeuern. Das hat bestimmt dazu beigetragen, den Fokus auf die Belange der Bergleute, aber auch auf die der Industrie zu richten. Der Aufwand hat sich mit Sicherheit sehr gelohnt.

Wenn die Kohleförderung dann doch endet: Wofür braucht es die RAG eigentlich noch?

(lacht) Man könnte ja meinen: Der Letzte wirft den Schlüssel weg, macht das Licht aus und dann ist der Bergbau beendet – das ist natürlich nicht so. Zum einen werden wir noch einige Rückbauarbeiten unter Tage vornehmen, Maschinen, die man noch verwerten kann, ausbauen und veräußern. Es sind bis 2021 noch viele Maßnahmen zu ergreifen, um die Wasserhaltung unter Tage vorzubereiten, damit das Wasser später den richtigen Lauf nimmt.
Ab 2022 wird die RAG endgültig in die eigentliche Nach-Bergbauphase eintreten. Aber ab nächstem Jahr bereits zählen die Wasserhaltung unter Tage, die Polderwasserhaltung über Tage und die Wasseraufbereitungreinigungsanlagen zu den Aufgaben der RAG.
Außerdem hat die RAG noch Rest-Bergschäden und die Altersversorgung für ehemalige Mitarbeiter zu gewährleisten. Und nicht zu vergessen die Flächenentwicklung. Die RAG hat noch knapp 10.000 Hektar Grundbesitz, der schrittweise in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt werden soll. Auf diesen Flächen sollen möglichst viele Arbeitsplätze entstehen.

Das alte Revier in Dorsten ist inzwischen ein neues: Wie beurteilen Sie die Entwicklung der Hervester Zechenfläche?

Es ist sicherlich ein vorbildliches Quartier geworden. Die Entwicklung ist erstaunlich schnell gegangen. Es ist alles noch nicht ganz fertig, aber ich finde es sehr positiv, dass neues Leben eingekehrt ist, dass ein Teil der Bestandsgebäude erhalten werden konnte, aber auch viel Neues entstanden ist.

Und welche Unterstützung kann die RAG dem Bergbauverein in Dorsten geben, um die Erinnerung an den Bergbau lebendig zu halten?
Dies ist eher eine Aufgabe der RAG-Stiftung, weil die RAG im kommenden Jahr keine Fördermittel mehr haben wird. Grundsätzlich wird sich die RAG-Stiftung künftig auch weiterhin um den Erhalt der Bergbautradition kümmern. Gleichzeitig wollen wir aber auch Impulse für die Zukunft in den bald ehemaligen Bergbauregionen setzen.

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