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Bauern haben es satt, die Prügelknaben zu sein

hzLandwirtschaft

Jungbauer Martin Hagemann (28) führt seinen Familienbetrieb in Haltern-Sythen mit viel Herz. Doch seine Stimmung ist manchmal getrübt. Das liegt am Verhältnis zu den Verbrauchern.

Haltern

, 14.09.2018 / Lesedauer: 5 min

Ein Foto im neuen Stall von Martin Hagemann (28) in Uphusen ist nicht möglich. Besucher dürfen das Herz des Mastbetriebs nicht betreten. So schützt der Jungbauer seine 1400 Schweine auf dem Sythener Hof vor fremden Keimen und verringert den Einsatz von Antibiotika, um eingeschleppte Bakterien abzutöten.

In den letzten Jahren haben sich Hagemann und seine Kollegen intensiv mit dem Einsatz von Medikamenten in der Viehzucht auseinandergesetzt. Sie haben die Haltungsbedingungen verändert, die Hygienemaßnahmen verstärkt und die Fütterung optimiert. „Wir haben den Einsatz von Antibiotika mindestens halbiert“, sagt Ludger Winkelkotte (54), der in Holtwick einen Betrieb mit 1200 Mastschweinen führt. Die deutschlandweite Statistik bestätigt diese Aussage. 2011 wurden noch 1706 Tonnen Antibiotika an Veterinäre abgegeben, 2017 waren es 733 Tonnen. „Wir Landwirte sind bestrebt, unsere Tiere gesund zu halten“, betont Ludger Winkelkotte, der die Interessen seines Berufsstandes als Vorsitzender des landwirtschaftlichen Ortsvereins Haltern-Sythen-Lavesum vertritt.

Die Bauern fühlen sich manchmal unverstanden und zu Unrecht an den Pranger gestellt. Es sei beispielsweise zu einfach, die konventionelle Landwirtschaft zu verteufeln und die ökologische in den Himmel zu heben. Dieses Schwarz-weiß-Denken bringe nicht weiter.

„Mir fehlt da manchmal die Wertschätzung“

Aus Sicht der Landwirte ist die einstige enge Verbindung zwischen ihnen und den Verbrauchern verloren gegangen. Letztere hätten sich daran gewöhnt, bis in die späten Abendstunden alle gewünschten Produkte im Supermarkt einzukaufen. Sie machten sich aber nur selten Gedanken darüber, unter welchen Bedingungen die Landwirte diese Nahrungsmittel, darunter auch das Fleisch, produzieren.

„Mir fehlt da manchmal die Wertschätzung“, lässt Martin Hagemann in seine Gefühlswelt blicken. Die Leute verlangten viel, kauften dann aber doch lieber die billigen Trauben aus Indien. Das bezeichnet er als „Doppelmoral“. Für die Schachtel Zigaretten zahle der Verbraucher sechs Euro, das Kilogramm Fleisch dürfe aber nur 2,50 Euro kosten.

„Die Landwirte sind auf die Akzeptanz der Gesellschaft angewiesen. Bauern und Verbraucher müssen sich wieder näherkommen, wird Peter Breunig, Professor im Studiengang Landwirtschaft an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf in einem Beitrag der „Süddeutschen Zeitung“ zitiert, der sich ganz aktuell mit der Entfremdung von Landwirtschaft und Verbrauchern auseinandersetzt.

Veränderungen gemeinsam durchsetzen

Martin Hagemann will seinen Teil für mehr Transparenz und auch für künftige Veränderungen leisten. Er hat sich mit seinem Betrieb für die Aufnahme in die Initiative Tierwohl beworben. Hier sollen Land- und Fleischwirtschaft, Lebensmitteleinzelhandel und letztlich auch die Verbraucher gemeinsam konkrete Veränderungen in Gang setzen. Finanziert wird die Initiative Tierwohl vom teilnehmenden Lebensmitteleinzelhandel.

Große Lebensmittelunternehmen führen pro verkauftem Kilogramm Schweine- und Geflügelfleisch und -wurst 6,25 Cent an die Initiative ab. Mit diesem Geld, jährlich rund 130 Millionen Euro, werden Tierhalter für die Umsetzung von Tierwohlmaßnahmen honoriert. Martin Hagemann hat es nicht geschafft, in das Programm aufgenommen zu werden. „Es hatten sich zu viele Landwirte beworben. Über die Absage war ich enttäuscht“, verrät er.

„Ich hätte damit überhaupt kein Problem, meine Ställe nur zur Hälfte zu belegen. Aber ich muss am Ende das gleiche verdienen können“, erklärt Ludger Winkelkotte und verweist damit auf den globalen Wettbewerb, dem sich die deutschen Bauern stellen müssen. Konkurrenten sitzen nicht nur in ganz Europa, sondern mittlerweile auch in Asien und in den USA. Am strengsten seien die Produktionsvorschriften in Deutschland, betonen die Halterner Landwirte.

Berufsbild des Tierarztes hat sich verändert

Diese haben dazu geführt, dass sich auch das Berufsbild des Veterinärs verändert hat. Früher sei der Tierarzt erst auf den Hof gekommen, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen war. Heute habe jeder Landwirt einen Beratungsvertrag mit einem Veterinär. Bei der Zusammenarbeit gehe es vor allem um die Vorbeugung, um die Vermeidung von Krankheiten und die Minimierung von Medikamenten.

„Bei mir ist der Tierarzt schon bei der Einstallung neuer Schweine dabei“, beschreibt Georg Dopp (49) aus Sythen. In seinem Betrieb stehen 380 Mastschweine, außerdem Kälber für die Fresserproduktion. „Ich erkenne zwar, dass Tiere krank sind“, führt Michael Stockhofe (28) aus Lavesum aus, „aber letztlich entscheidet der Tierarzt über die Behandlungsmethode“. Stockhofe hält in seinem Betrieb 140 Sauen und ihre Ferkel im geschlossenen System. Dabei liegt das gesamte Management vom Ferkel bis zum Mastschwein in der Hand des Bauern.

Jeder Einsatz von Antibiotika muss heute dokumentiert und an eine Datenbank weitergegeben werden. Ihre Verwendung zur Leistungssteigerung ist verboten. Aus der Zahl der Tiere auf einem Hof und den verwendeten Antibiotikamengen wird ein Index errechnet und ein Vergleich unter allen Betrieben angestellt. Wer zu den schlechtesten 25 Prozent gehört, muss mit seinem Tierarzt ein Maßnahmepaket erarbeiten, um den Einsatz der Medikamente zu verringern.

Antibiotikaeinsatz wird streng kontrolliert

Der sachgerechte Antibiotikaeinsatz geht uns alle an. Es handelt sich um das wichtigste Instrument zur Behandlung von bakteriellen Infektionskrankheiten. Aber durch zu leichtfertigen Umgang kommt es immer häufiger zu sogenannten Resistenzen. Das bedeutet, die Mittel wirken nicht mehr, weil sich die Bakterien angepasst haben und immun geworden sind. Dies betrifft sowohl die Human- wie auch die Veterinärmedizin. Die Landwirte fordern übrigens ein ebenso konsequentes Handeln im Human- wie im Veterinärbereich. „Wenn man beispielsweise die Ausscheidungen der Menschen in den Krankenhäusern sammeln und kontrolliert entsorgen würde, wäre schon viel gewonnen“, meint Dr. Marianne Lammers, Geschäftsführerin einer Kooperation zwischen Bauern und Gelsenwasser AG.

Seit Jahren arbeiten Land- und Wasserwirtschaft daran, schädliche Einträge ins Wasser zu verringern. 900 Betriebe gehören zu dieser Kooperation, auch die Höfe von Georg Dopp, Martin Hagemann, Michael Stockhofe und Ludger Winkelkotte liegen im Einzugsgebiet.

2015 wurde das Trinkwasser im Einzugsgebiet der Talsperre Haltern im Auftrag von Gelsenwasser auf Antibiotika und multiresistente Bakterien untersucht. Zu diesem Zeitpunkt wurde die eingesetzte Menge dieser Medikamentengruppe in den Betrieben der Steverkooperation auf 21 Tonnen geschätzt. Eine akute Gefährdung der Oberflächengewässer konnte nicht nachgewiesen werden. Die ermittelten Rückstandskonzentrationen waren gering. „Aktuell kein zwingender Handlungsbedarf zur Verminderung der Veterinärpharmaka“, meldete Gelsenwasser. „Wir haben damals gestaunt, wie viel die Landwirte schon unternommen hatten“, sagt Ulrich Peterwitz, Leiter der Abteilung Wasserwirtschaft/Umweltmanagement beim Versorgungsunternehmen Gelsenwasser und gleichzeitig stellvertretener Vorsitzender der Steverkooperation, im Gespräch mit der Redaktion.

Wasserqualität im Halterner Stausee ist ausgezeichnet

Durch eine neue Studie zu Antibiotika-Rückständen und resistenten Bakterien in Badegewässern wurde bestätigt: Das Wasser im Halterner Stausee (Probenentnahme am Seebad Haltern) weist eine ausgezeichnete Wasserqualität auf.

Martin Hagemann und seine Kollegen werden weiter an der Vereinbarkeit von Intensivtierhaltung und nachhaltiger Produktion arbeiten. Bestimmt werden sie sich auch in Zukunft rechtfertigen müssen, während die Mehrheit der Verbraucher an der Fleischtheke im Supermarkt nach günstigen Angeboten schaut. „Ich weiß nicht, ob ich jungen Leuten noch zur Landwirtschaft raten soll“, sagt Ludger Winkelkotte.

Der Strukturwandel geht weiter. In Haltern hat sich die Zahl der landwirtschaftlichen Betriebe in den letzten 20 Jahren halbiert. 2016 waren es noch 133.

Die 133 Betriebe, die 2016 in Haltern gezählt wurden, bewirtschafteten eine Fläche von insgesamt 4601 Hektar. Die meisten von ihnen (46) hatten eine Größe von 20 bis 50 Hektar, 15 waren kleiner als fünf Hektar und sechs mindestens 100 Hektar groß. Auf 53 Höfen wurden knapp 45.000 Schweine gehalten. Die Zahl der Betriebe sank in ganz NRW zwischen 1991 und 2016 um 45 Prozent.
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