Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

726 Flüchtlinge leben zurzeit in Haltern. Alle müssen sich in ihrem neuen Leben zurechtfinden. Dass die Integration ins Rollen kommt, zeigt ein Blick auf den Ausbildungsmarkt in der Stadt.

Haltern

, 13.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Vorsichtig balanciert Saidou Saw aus Guinea ein Tablett mit Weingläsern durch das Restaurant Pfeiffer in Sythen. „Jetzt in den großen Saal“, gibt Chefin Monika Pfeiffer die Richtung vor. Noch haben sich bei dem 21-jährigen Westafrikaner die Arbeitsabläufe nicht automatisiert, aber er ist unheimlich motiviert, seine Aufgaben bestens zu erledigen.

Das zeigt gerade seine konzentrierte Miene, mit der er sich vorsichtig durch das Lokal bewegt. Saidou absolviert eine einjährige Einqualifizierung in dem Sythener Gastronomie- und Hotelbetrieb. Danach möchte er dort eine Ausbildung zum Restaurantfachmann beginnen.

Während Saidou anschließend hinter dem Tresen Gläser poliert, schnippelt Faiz Mohammed Faizi in der Restaurant-Küche Gemüse. Der 22-Jährige kommt aus Afghanistan und wird bei Küchenmeister Michael Pfeiffer zum Koch ausgebildet. Im Moment ist er im Vorspeisen- und Beilagenbereich tätig.

Die Gäste reagieren offen

Der junge Mann befindet sich bereits im zweiten Ausbildungsjahr und ist vor kurzer Zeit zur Zwischenprüfung angetreten.

Vielfalt ist in Pfeiffer´s Sythener Flora Trumpf, und das nicht nur auf den Tellern der Restaurantbesucher. Die Gäste reagieren offen und positiv auf die neuen internationalen Mitarbeiter, wie Monika Pfeiffer erklärt. „Sie merken auch, ob du als Arbeitgeber dahinter stehst oder nicht“, ergänzt sie.

Faiz ist nicht der einzige Geflüchtete in Haltern, der es in eine Ausbildung geschafft hat. 50 Menschen aus aller Welt im Alter zwischen 18 und 43 Jahren sind den Weg angetreten, sich über die Qualifikation ein eigenständiges Leben aufzubauen. 44 absolvieren eine duale Ausbildung in einem kleinen oder mittelständischen Betrieb, sechs besuchen eine Fachschule, wie sie beispielsweise für den Erzieherberuf eingerichtet wurde.

Arbeitgeber in Haltern, die einen freien Ausbildungsplatz für einen Flüchtling anbieten könnten, erhalten unter folgenden Kontakten weitere Informationen:
  • Sabine Tietze, Vermittlungsservice „jobcenter“, Tel. 02364//10544-158, Mail: sabine.tietze@vestische-arbeit.de
  • Rebecca Srebny, ELNet plus, 0151/27 64 70 66, r.srebny@caritas-dattelnhaltern.de

Handwerk und Gastronomie gehen der Nachwuchs aus

Anna Haverkamp, Koordinatorin im Patenschaftsprojekt beim Caritas Centrum Haltern, hat den Überblick über die einzelnen Beschäftigungsverhältnisse. Zurzeit werden Flüchtlinge in folgenden Betriebszweigen ausgebildet: Friseurhandwerk, Sanitär- und Heizungsbau, Baugewerbe, Kfz-Unternehmen, Hotel- und Gaststättengewerbe, Maler- und Lackierer, Pflegeberufe und kaufmännische Berufe sowie IT-Bereich.

Jung und motiviert - 50 Flüchtlinge werden in Haltern und Umgebung ausgebildet

Arbeiten in Haltern Hand in Hand, um Flüchtlinge in eine Ausbildung zu vermitteln (v.l.): Ines Bellers und Sabine Tietze vom Jobcenter, Anna Haverkamp vom Caritas Centrum und Arno Huesmann vom Asylkreis. © Silvia Wiethoff

Dass es in Haltern gelungen ist, 50 Menschen durch eine Ausbildung eine Perspektive zu geben, ist der Zusammenarbeit des Caritasfachdienstes Integration und Migration, für den auch Anna Haverkamp tätig ist, mit der Bezirksstelle des Jobcenters in Haltern, den Ehrenamtlichen vom Asylkreis Haltern und dem Projekt „ELNet plus“ zu verdanken.

Durch Letzteres werden Geflüchtete in Arbeit, Ausbildung oder schulische Bildung vermittelt, aber auch Arbeitgeber beraten.

Sabine Tietze und Ines Bellers halten für das Jobcenter alle fachlichen Fäden in der Hand und sind für Asylbewerber zuständig, deren Antrag anerkannt wurde. Dabei geht es beispielsweise um die Fördermöglichkeiten, die von Betrieben abgerufen werden können. Wenn individuelle Hemmnisse bei den Bewerbern vorliegen, kann von den Arbeitgebern ein Zuschuss bis zu 200 Euro zur tariflichen Ausbildungsvergütung beantragt werden.

Die Sprache ist meist das größte Problem

Das gilt für deutsche junge Menschen bis zum Alter von 25 Jahren, bei Geflüchteten bis 35 Jahre. „Die Sprache ist bei den Flüchtlingen oft das größte Problem“, begründet Sabine Tietze diesen Unterschied. Die Kommunikation auf deutsch macht auch Saidou und Faiz zu schaffen.

Der junge Mann aus Guinea hat einen Sprachkurs auf dem Level A2 bestanden, das reicht aber noch nicht aus, um in der Berufsschule zurechtzukommen. Deshalb wird er jetzt im Rahmen seiner Einstiegsqualifizierung noch weiter unterstützt.

Sein Kollege aus Afghanistan, der es schon bis zum Level C1 gebracht hat, machte bei seiner Zwischenprüfung gerade die Erfahrung, wie sehr ihm Sprachbarrieren noch im Weg stehen. In seiner praktischen Prüfung sollte er Rührei mit Schinken darin anrichten. Er bereitete das Ei pur zu und legte den Schinken obenauf. „Ist doch auch Ei mit Schinken“, hofft er nun, dass er trotzdem bestanden hat.

Kooperation arbeitet in Haltern sehr erfolgreich

Wenn die Zuständigkeit des Jobcenters endet, oder wenn es wie bei Saidou und Faiz um Flüchtlinge aus sogenannten sicheren Herkunftsländern geht, steigt Arno Huesmann vom Asylkreis Haltern gemeinsam mit weiteren Ehrenamtlichen mit in die Betreuung ein. Der ehemalige Berufsschullehrer und gelernte Maschinenschlosser kümmert sich um individuelle Schwierigkeiten der Geflüchteten, hilft bei Behördenangelegenheiten, besucht aber auch Betriebe in Haltern und klärt über die Möglichkeiten auf, einen Menschen mit Fluchthintergrund zu beschäftigen.

Meistens wird ein Arbeitsverhältnis über ein mehrwöchiges Praktikum angebahnt. So war es auch bei Faiz im Hotel Pfeiffer. Drei Bewerber haben im Betrieb mitgearbeitet, neben Faiz auch noch zwei deutsche Kräfte. „Wir haben uns bewusst für Faiz entschieden. Durch unsere Kontakte im Lokal verfügen wir über einige Menschenkenntnis. Wir haben gleich gemerkt, welche Motivation Faiz mitbringt“, erläutert Monika Pfeiffer.

„Die Geflüchteten nehmen keinem geeigneten deutschen Bewerber einen Ausbildungsplatz weg“, macht Arno Huesmann deutlich. Generell reagieren die Unternehmen in Haltern durchaus offen auf Bewerber mit Fluchthintergrund, denn längst ist der Fachkräftemangel auch hier angekommen. Es wird immer schwieriger, geeignete junge Menschen vor allem für eine Ausbildung im Handwerk oder in der Gastronomie zu gewinnen und auch dauerhaft in den Unternehmen zu halten.

Es ist eine gesellschaftliche Verantwortung

Darüber hinaus sieht der eine oder andere Firmenchef vielleicht auch seine gesellschaftliche Verantwortung, die Integration der Geflüchteten durch einen Arbeitsplatz zu fördern. Aus diesem Grund engagiert sich auch Arno Huesmann in der Flüchtlingshilfe: „Ich habe in meinem Leben sehr viel Glück gehabt und möchte nun etwas zurückgeben“, sagt er.

Ihm ist klar, dass der Weg nicht für alle Geflüchteten in Deutschland enden wird. Dennoch sei die Ausbildung für alle eine große Chance. „Sie können ihr Leben besser in die Hand nehmen. Später haben wir Menschen, die in unser Sozialsystem einzahlen. Sollten sie nach einigen Jahren wieder in ihre Heimatländer zurückkehren, können sie sich dort durch ihre Qualifizierung etwas aufbauen.“

Auch für Saidou aus Guinea und Faiz aus Afghanistan steht nicht fest, ob sie in Deutschland bleiben dürfen. Im Moment ist ihr Aufenthalt durch die Ausbildung beziehungsweise die Aussicht darauf abgesichert. Danach werden ihnen noch zwei Jahre in Deutschland gewährt.

Faiz staunt über die Gemüsesorten

Erst einmal werden beide weitere Herausforderungen in Deutschland meistern. Faiz staunt beispielsweise immer noch über die zahlreichen Gemüsesorten, die in der Küche vom Hotel Pfeiffer zubereitet werden. In Afghanistan sind Broccoli, Chicoree, Wirsing, Spitz- und Rotkohl oder Spargel nicht bekannt.

Für sein Ziel, die Ausbildung erfolgreich abzuschließen, macht der Moslem übrigens auch vor dem deutschen Schweineschnitzel nicht halt. „Ich bereite es zu, aber esse nicht“, sagt er lächelnd über den Kompromiss, den er für sich gefunden hat.

  • Das Projekt „ELNet plus“ wird durch das Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie den Europäischen Sozialfonds gefördert. Es bietet in der Region Emscher-Lippe differenzierte Angebote zur Unterstützung und Beratung von Asylbewerbern und Flüchtlingen.
  • In Haltern leben zurzeit 726 Flüchtlinge. Die meisten (432) sind zwischen 18 und 65 Jahre alt, 123 sind 0 bis 6 Jahre alt, 129 sind 7 bis 14 Jahre, 35 sind 15 bis 17 Jahre alt und 7 sind über 65.
  • 2018 haben sich in NRW 9.088 Geflüchtete auf einen Ausbildungsplatz beworben. Versorgt werden konnten davon 8280 junge Menschen. Von diesen konnten 3279 Bewerber eine betriebliche Ausbildung antreten. Die übrigen haben sich als „versorgt“ abgemeldet, weil sie z.B. entweder weiter zur Schule gehen oder eine Förder- und Qualifizierungsmaßnahme oder eine schulische Ausbildung bspw. in der Pflege- und Gesundheitsbranche begonnen haben.
Lesen Sie jetzt