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Wer nach Lavesum zieht, hat sich bewusst für diesen Halterner Ortsteil entschieden. Die Bewohner machen zwar auch Defizite aus. Die nehmen sie aber für die Vorteile des Ortes in Kauf.

Lavesum

, 14.03.2019 / Lesedauer: 5 min

Sabine Frintrop (40) gerät ins Schwärmen, wenn sie von ihrem Wohnort erzählt. „Für junge Familien ist das hier absolut toll“, sagt sie. Sabine Frintrop und Ehemann Alexander (44) haben vor knapp sechs Jahren im Lavesumer Neubaugebiet gebaut. Sohn Henning ist sieben, Tochter Mariette drei Jahre alt. Es gibt einen Kindergarten, eine Grundschule mit offener Ganztagsschule, einen Spielplatz um die Ecke, einen Fußball- und einen Tennisverein und viele Kinder in der Nachbarschaft. Dazu sei es „grün und weitgehend ruhig“.

Sabine Frintrop schätzt die Sicherheit im Ort, in dem gefühlt jeder jeden kennt. Das bedeutet eben auch ein gewisses Maß an sozialer Kontrolle. Man passt aufeinander auf. „Wir fühlen uns hier pudelwohl“, sagt die 40-Jährige.

„Hervorragende Lebensqualität“

Sabine Frintrop hat eine Teilzeit-Stelle als Projektmanagerin bei Evonik in Marl. Ihr Mann, den sie im Studium in Dortmund kennenlernte, ist Sachverständiger beim dortigen TÜV Nord. Von Oer-Erkenschwick aus waren die beiden auf der Suche nach einem Bauplatz. In Lavesum wurden sie fündig. Die Mutter zweier Kinder machte mit beim Mutter-Kind-Turnen - „da habe ich viele Menschen kennengelernt“. Bis heute engagiert sie sich bei der Kinderkirche, im Förderverein der Grundschule und für das Krippenspiel. Ihr Mann ist Fußballtrainer bei den Minis der DJK Blau-Weiß Lavesum. „Wir sind voll integriert“, schmunzelt Sabine Frintrop. „Wer sich hier ein bisschen einbringt, wird auch herzlich aufgenommen.“ Die Lebensqualität? „Hervorragend“, sagt die 40-Jährige.

Lavesum: „Heile Welt“ für junge Familien - auch ohne Supermarkt

Die Grünflächen in Lavesum und um den Ort herum schätzen die Bürger hier ganz besonders. © Ingrid Wielens

Das meinen viele der 123 Lavesumer, die an unserem Ortsteil-Check teilgenommen haben. Die Lebensqualität in Lavesum wird mit starken neun von zehn Punkten bewertet. Familienfreundlichkeit und Sicherheit erhalten jeweils sieben Punkte. Hier liegt Lavesum insgesamt im Stadtmittel.

Die als hoch empfundene Lebensqualität überrascht dennoch ein wenig angesichts einer als eher schlecht bewerteten Verkehrsanbindung des Ortes, einer fehlenden medizinischen Versorgung im Ort selbst und einer mangelhaften Nahversorgung.

Lavesum: „Heile Welt“ für junge Familien - auch ohne Supermarkt

1731 Menschen lebten 2018 in Lavesum. © Verena Hasken

Das wurde (noch) gut bewertet:

Gastronomie: Obwohl viele Lavesumer mit dem Ende des Biko-Markts und der absehbaren Schließung des Hauses Eggebrecht ein „Sterben von Gaststätten und Restaurants“ ausmachen, werden immerhin insgesamt noch sechs Punkte (sieben in Haltern insgesamt) im Bereich Gastronomie vergeben. Vielleicht liegt es daran, dass das Traditionsgasthaus Eggebrecht noch eine Weile geöffnet sein wird. Etwa einen Kilometer entfernt gibt es zudem den Landgasthof Peters Bauernstube und das Restaurant Tannenhäuschen.

Sauberkeit: Die Lavesumer schätzen ihren sauberen Ortsteil. Dreckige Ecken im Ort, zum Beispiel illegale Müllablagestellen, wurden nicht ausgemacht. Neun von zehn Punkten werden im Mittel vergeben - das entspricht auch dem Durchschnitt in den anderen Ortsteilen. Einzig die Bewohner Holtwicks vergeben stolze zehn Punkte.

Verkehrsbelastung: Ebenfalls immerhin sechs Punkte kommen hierzu aus Lavesum, obwohl sich viele Bewohner über Verkehrslärm insbesondere an den Wochenenden beklagen. Dazu trage der Ausflugsverkehr (Ketteler Hof, Hof Hagedorn, Silbersee, Naturwildpark Granat) in besonderer Weise bei. Insbesondere die Rekener Straße sei daher extrem ausgelastet. Auch über rasende Motorräder gibt es Beschwerden. An den Werktagen dagegen bleibt es an der Ortsdurchfahrt weitgehend idyllisch.

Lavesum: „Heile Welt“ für junge Familien - auch ohne Supermarkt

An den Wochentagen geht es sogar an der Lavesumer Ortsdurchfahrt idyllisch zu, der Autoverkehr hält sich im Rahmen. Am Wochenende ist das anders. © Ingrid Wielens

Fahrradfreundlichkeit: Mit sieben Punkten loben die Lavesumer grundsätzlich die Radwege in und um den Ort. Richtung Reken und Sythen allerdings sowie ganz besonders an der Merfelder Straße sind gesonderte Fahrstreifen für Radler noch erwünscht. Auffallend: Im stadtweiten Durchschnitt wurden neun Punkte vergeben.



Das wurde negativ bewertet:

Drei Punkte stießen hier besonders hervor.

Verkehrsanbindung:
Lediglich vier Punkte (im stadtweiten Durchschnitt sind es acht) haben die Lavesumer für die Verkehrsanbindungen im öffentlichen Nahverkehr übrig. Kein Wunder, denn nur wenige Ziele sind mit dem Bus zu erreichen. Nur die Buslinie 275 verkehrt in Lavesum. Sie verbindet von Ende März bis Oktober den Ketteler Hof über Lavesum mit dem Halterner Bahnhof und ist stündlich in beiden Richtungen unterwegs.

Außerhalb der Saison ist ab Bahnhof Haltern an der Feuerwehr in Lavesum Endstation. Wie Ewelin Reclik, Sprecherin der Vestischen als Betreiberin der Buslinie 275 erklärt, sei keine Verdichtung der Taktung oder gar Erweiterung der Fahrpläne geplant. Reclik verdeutlicht: „Etwa 50 Prozent der Fahrgäste, die am Bahnhof Haltern in die Linie 275 einsteigen, verlassen den Bus in Lavesum, der Rest steigt am Ketteler Hof aus.“ Soll heißen: Ohne die Besucher des Freitzeitparks wäre die Linie nicht ausgelastet. Eine Erweiterung des Nahverkehrsplans würde sich nach Aussage der Sprecherin nicht rentieren. Der Wunsch nach einer Verbindung nach Sythen (Bahnhof, Supermärkte, Freibad) wird dennoch mehrfach von den Lavesumern genannt.

Gesundheit: Nur drei Punkte gibt es für die medizinische Versorgung im Ort. Denn an einer Arztpraxis mangelt es, hier sind die Menschen auf die umliegenden Orte angewiesen. Einen Hausarzt vor Ort wünschen sich dennoch viele Bewohner.

Wie Vanessa Pudlo von der Kassenärztlichen Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) mitteilt, sei der Versorgungsgrad mit Hausarzt-Praxen in einer Kommune 100-prozentig, wenn auf 1671 Einwohner ein Mediziner komme. In der Seestadt liegt der Versorgungsgrad nach ihrer Aussage bei 93 Prozent. „Das ist ein sehr stabiler Wert“, so die KVWL-Sprecherin. Erst ab 75 Prozent sei ein Ort unterversorgt. „Wir können allerdings nicht steuern, in welchem Ortsteil sich ein Hausarzt niederlässt“, erklärte Pudlo weiter. Haltern werde bei der Vergabe von Niederlassungszulassungen als Ganzes betrachtet. Ein Arzt, der sich in Haltern niederlasse, könne frei entscheiden, in welchem Ortsteil er das tun will.

Lavesum: „Heile Welt“ für junge Familien - auch ohne Supermarkt

Mit dem Aus für den Biko-Markt nimmt das Infrastruktur-Angebot in Lavesum weiter ab. Derzeit wird der ehemalige Gastronomie-Betrieb und Direktvermarkter entkernt und später abgerissen. © Ingrid Wielens

Nahversorgung: Im Schnitt vergeben die Lavesumer vier Punkte (stadtweit: 9 Punkte). Das ist zum einen der Tatsache geschuldet, dass es in der Kartoffel- und Gemüsescheune Enstrup, beim Hof Hagedorn und selbst an der Tankstelle (alle Rekumer Straße) viele Artikel des täglichen Bedarfs zu kaufen gibt.

Bernd Reinsdorf, Zweiter Vorsitzender des Schützenvereins Lavesum, bringt es auf den Punkt: „In Lavesum muss niemand verhungern.“ Grundsätzlich hält der 65-Jährige wie auch der Großteil der Umfrage-Teilnehmer die Infrastruktur für „bescheiden“. Häufig wird der Ruf nach einem Supermarkt laut. Reinsdorf gibt zu bedenken: „Der müsste sich erstmal rechnen.“

Auf der anderen Seite haben sich viele Lavesumer auf die Versorgungssituation eingestellt und kaufen in Sythen, Haltern oder auch Dülmen ein. Dass man damit in Lavesum auf ein Auto angewiesen ist und - wie einige Lavesumer es beschreiben - ohne Auto quasi von der Außenwelt abgeschnitten wird - , ist dabei wohl eine wenig bestrittene Behauptung.

„Lavesum ist toll für junge Familien und junge Senioren“ - mit diesem Fazit spricht eine Teilnehmerin unseres Ortsteilchecks sicher das aus, was viele Einwohner denken. Bernd Reinsdorf, seit vielen Jahren Mitglied der Lavesumer Schützen, findet hier zudem noch eine „heile Welt“ vor, in der man sich kennt und sich aufeinander verlassen kann. Und in der man ganz bewusst auf Supermarkt, Arzt und bessere Busverbindungen verzichtet.

Alle Ergebnisse unseres Ortsteilchecks in unserer Übersichtskarte

Erstmalige Beurkundung Lavesums im Jahr 930

Die lange Historie der „Siedlung im Wald“

  • In frühen Urkunden ist der Ortsname Lavesums in alter Form zu finden: Lowesheim, Loshein, Luoshem, Lohsum oder Lorzum. Er setzt sich aus zwei Teilen zusammen: Lo bzw. Loh = Wald und Hem bzw. Heim = Wohnstätte, Siedlung. Der Name Lavesum bedeutet also etwa „Siedlung im Wald“.
  • Die Gegend war bereits in vorchristlicher Zeit bewohnt, beurkundet ist Lavesum erstmals 930 im Güterverzeichnis des Klosters Werden. Weitere Eintragungen in der älteren Geschichte fehlen jedoch. Nach Fertigstellung der Kapelle im Jahre 1467 erhielten 16 Familien die Genehmigung zur Ansiedlung.
Lavesum: „Heile Welt“ für junge Familien - auch ohne Supermarkt

Joseph Schäfer fotografierte Gattin Maria Schäfer und Sohn Hans-Joachim im Mai 1915 am Lavesumer Dorfbrunnen. © Joseph Schäfer/LWL-Medienzentrum für Westfalen

  • Umrandet wurde dieser Siedlungskern von den drei großen Bauerngehöften König, Lohmann und Enstrup.
  • 1837 wurde Lavesum dem Kirchspiel Haltern zugeordnet und 1929 in den Kreis Recklinghausen eingegliedert.
  • Bedeutendster Sohn von Lavesum ist Joseph König, der als Gründer der Lebensmittelchemie gilt. Heute weist ein Gedenkstein an der Kriegergedächtniskapelle auf ihn hin. Das Halterner Gymnasium ist nach ihm benannt.
  • Das historische Foto wurde uns vom Bildarchiv des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe zur Verfügung gestellt. Dieses sammelt und sichert historische Bildbestände zur Kulturgeschichte und Landeskunde Westfalens. Über 400.000 Bilder von 1850 bis heute und 3000 Luftbilder veranschaulichen Vergangenheit und Gegenwart. Die Bestände werden in der Online-Bilddatenbank zugänglich gemacht. Analoge und digitale Bildreproduktionen sind per Download, E-Mail oder Post (Rechnung per Post) zu bekommen. www.bildarchiv-westfalen.lwl.org
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