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109 Kilo Lebensmittel pro Haushalt landen in Deutschland jährlich im Müll. Das wollen einige Halterner nicht hinnehmen. Und gründen eine Plattform, auf der sie Lebensmittel retten.

von Eva-Maria Spiller, Petra Herrmann

Haltern

, 12.03.2019 / Lesedauer: 5 min

In der Obstauslage im Supermarkt reiht sich Apfel an Apfel. Der Kunde hat die freie Auswahl: Granny Smith, Braeburn, Kanzi, Gala. Rot, Gelb, Grün. Aber bitte auf keinen Fall die mit den braunen Druckstellen. Einige Zeit später reiht sich der damals so schöne Apfel aus der Auslage neben Eierschalen und den gebratenen Nudeln von gestern in den Biomüll ein.

Über 18 Millionen Tonnen Lebensmittel landen pro Jahr in Deutschland im Müll, schätzt der World Wide Fund For Nature (WWF) in Deutschland. 4,38 Millionen Tonnen haben allein die deutschen Privathaushalte zwischen Mitte 2016 bis Mitte 2017 weggeworfen, heißt es in einer Studie des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Der WWF schätzt die Wegwerfmenge in Privathaushalten mit etwa 7,2 Millionen Tonnen heute noch höher ein.

Laut der BMEL-Studie landen 109 Kilogramm pro Haushalt im Jahr in der Tonne. Dabei seien 44 Prozent des Abfalls - etwa 48 Kilogramm pro Jahr - vermeidbar gewesen, sagen die 6000 Studienteilnehmer selbst.

Eine, die das nicht länger so hinnehmen will, ist die Halternerin Tanja Hartmann-Lücke. Eigentlich ist sie die Administratorin einer Flohmarkt-Seite bei Facebook. Weil dort aber immer mehr Menschen auch Lebensmittel anboten, gründete sie im vergangenen Somme die Gruppe „Foodsharing Haltern am See“. Hier können Halterner Lebensmittel, die sie nicht mehr brauchen, kostenlos oder gegen eine kleine Gebühr anbieten.

„Wenn jemand etwas will, meldet er sich“

Babynahrung, Tee, Zwetschgen und Trauben zum Selberpflücken oder ungeöffnete Rote Grütze, die übrig geblieben ist - das alles haben Halterner in der Gruppe seither schon miteinander getauscht. „Wenn jemand etwas haben will, meldet er sich. Dann kann man per privater Nachricht die Adresse austauschen, wo die Lebensmittel abgeholt werden können“, erklärt Hartmann-Lücke. „Das funktioniert in Haltern fast immer stressfrei und sehr unkompliziert.“

Doch warum werfen wir überhaupt so viele Lebensmittel weg? In 36,6 Prozent der Fälle gaben die Teilnehmer der BMEL-Studie an, die Lebensmittel seien schlecht geworden, gefolgt von der Tatsache, dass zu viel gekocht wurde (18,2 Prozent). Knapp jeder Zehnte gab an, eine zu große Menge eingekauft zu haben. Als Ursachen nennen die Teilnehmer hier zu große Packungen (5,4 Prozent), Sonderangebote für große oder mehrere Packungen (1,7 Prozent) und falsche Einkaufsplanung (2,6 Prozent).

Kurz erklärt

Das ist Containern

  • Containern bezeichnet man als das Entwenden von Lebensmitteln aus Mülltonnen von Supermärkten.
  • So wollen Menschen Lebensmittel, die oft noch in gutem Zustand sind, retten.
  • Rechtlich gesehen kann es sich dabei allerdings um Diebstahl oder Hausfriedensbruch handeln.
  • Vor Kurzem wurden zwei Münchener Studentinnen wegen Diebstahls verurteilt, da sie die Mülltonnen eines Supermarktes aufgebrochen und Lebensmittel gerettet hatten.
  • Beide fordern mithilfe einer Petition eine Gesetzesänderung, um das Containern zu entkriminalisieren.
  • Die Linke im Bundestag hat bereits 2017 versucht, das Containern zu entkriminalisieren, waren aber am Bundestag gescheitert.

„Billig ist das Problem“, sagt Tanja Hartmann-Lücke. „Weil man zu viel zu billig einkaufen kann, kauft man zu viel.“ Sie selber kaufe heute lieber zehn Mandarinen für sechs Euro auf dem Markt, als von einem Kilo für zwei Euro saure, verfaulte oder zerquetschte Exemplare wegzuschmeißen. Andere wiederum hätten einfach nicht die Zeit, frisch auf dem Markt einzukaufen und kauften dann eher auf Vorrat.

So können Verbraucher Lebensmittelverschwendung vorbeugen

Ein anderes Problem sei aber auch die falsche Lagerung, sagt die Halternerin. Dadurch würden Lebensmittel schneller schlecht, als sie eigentlich müssten. So sieht es auch das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL). Ein Beispiel: der Kühlschrank. Hier rät das BMEL bei der Lagerung zu Folgendem:

Eine weitere Möglichkeit, Essen vor der Tonne zu bewahren, sind Koch-Apps wie die „Beste Reste“-App des BMEL. Hier können Nutzer bis zu drei Lebensmittel eingeben, die sie noch übrig haben. Die App schlägt dann ein passendes Rezept zur Resteverwertung vor.

So rettet die Halternerin Tanja Hartmann-Lücke (45) Lebensmittel vor der Mülltonne

Über den QR-Code gelangen Nutzer zur App. © Quelle: BMEL

Bleibt beim Kochen dann eine Portion übrig, bietet sie Tanja Hartmann-Lücke in ihrer Facebook-Gruppe an. So wie im vergangenen Sommer, als eine Portion Spargel übrig geblieben sei, erinnert sich die Halternerin. Tanja Hartmann-Lücke postete ein Bild von dem Essen in die Gruppe. Kurz darauf holte ein Nachbar den Teller ab, der an diesem Tag zufällig allein zu Hause war.

60 Prozent der weggeworfenen Lebensmittel gehen auf ein anderes Konto

Der weitaus größere Teil der weggeworfenen Lebensmittel - etwa 10,8 Millionen Tonnen jährlich - geht allerdings auf ein ganz anderes Konto. Rund 60 Prozent gingen auf dem Weg vom Produzenten bis zum Großverbraucher wie Gastronomien oder Großküchen verloren, schätzt der WWF Deutschland. Ein Thema, mit dem Tanja Hartmann-Lücke als Mitarbeiterin in der Jugendbildungsstätte Gillwell St. Ludger auch beruflich zu tun hat. Hier übernachten Jugendliche für schulische und außerschulische Bildungsprogramme wie den Tagen der religiösen Orientierung. Und werden hier auch verpflegt. „Von den Wurst- und Käseplatten, die es da gibt, wird oft die Hälfte weggeschmissen“, sagt Tanja Hartmann-Lücke. „Wir bemühen uns schon sehr, dass wir lieber nachlegen. Aber wenn es einmal draußen ist, dürfen wir es nicht mehr anbieten.“

Noch, sagt Tanja Hartmann-Lücke, sei ihre Foodsharing-Gruppe klein. Rund 90 Personen in Haltern tauschen darüber Lebensmittel aus. „Für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass noch mehr Halterner ihre Lebensmittel in der Gruppe anbieten und sie noch mehr genutzt wird.“

Halterner machen bei „Too good to go“ mit

Der Betreiber des Istanbul-Grills an der Rekumer Straße ist nun Mitglied der Bewegung „Too good to go“. „Eine junge Studentin hat mich auf die Idee gebracht. Sie erzählte begeistert von positiven Erfahrungen aus Münster“, berichtet Becet Atac. „Klar, Haltern ist kleiner als Münster. Aber warum soll man nicht versuchen, so eine gute Idee auch in Haltern in die Tat umzusetzen?“

Wer oder was ist „Too good to go“? Dabei handelt es sich um einen Zusammenschluss von Lebensmittelrettern, die ihr Konsumverhalten kritisch hinterfragen möchten und fest davon überzeugt sind, dass es dabei auf jeden einzelnen ankommt.

So rettet die Halternerin Tanja Hartmann-Lücke (45) Lebensmittel vor der Mülltonne

Becet Atac macht mit seinem Istanbul-Grill bei „Too good to go“ mit. © Petra Herrmann

Wie funktioniert das konkret? Becet Atac vom Istanbul-Grill erzählt: „Ich habe mich im Internet bei ‚Too good to go‘ angemeldet. Das ist ganz einfach und kostet auch nichts. Von nun an biete ich ab 21.30 Uhr, also eine Stunde bevor ich den Imbiss schließe, meinen Döner und anderes für die Hälfte an. Das freut die späten Kunden und ich muss nichts wegwerfen. Meine Döner sind zu schade für die Tonne.“ Ihm ist es wichtig zu betonen: „Das sind keine Restedöner, sondern die gleiche hohe Qualität, die wir immer bieten.“

Über eine App kann jeder erfahren, welche Betriebe in ihrer Nähe Mitglied bei „Too good to go“ sind, und was sie konkret anbieten. Über die App kann er sehen, ob sein Bäcker heute beispielsweise Brötchen günstiger anbietet, damit diese nicht im Müll landen, oder ob es im Imbiss noch eine günstige Salattasche gibt. Sind alle Brötchen ausverkauft, dann sorgt der Hinweis „Heute kein Angebot“ dafür, dass man sich nicht vergebens auf den Weg macht.

Neue Kunden

In Haltern ist außer dem Istanbul-Grill bisher das Reformhaus Kaubisch Mitglied bei „Too good to go“. Auch hier sind Erfahrungen durchweg positiv. „Wir zeigen den Kunden, die Mitglied bei ‚Too good to go‘ sind, was wir ihnen aktuell anbieten können. Diese Angebote liegen stets 30 bis 50 Prozent unter dem üblichen Verkaufspreis“, so Hiltrud Frede-Storp, Inhaberin des Reformhauses an der Merschstraße. Auch sie betont: „Alle Produkte sind ohne Qualitätsabstrich und stammen aus unserem regulären Sortiment.“ Durch diese Initiative haben einige neue Kunden den Weg ins Reformhaus gefunden, aber auch langjährige Kunden nehmen das Angebot gerne an. Gemeinsam sei allen: Sie sind total begeistert und zufrieden. Frede-Storp: „Unsere Kunden freuen sich nicht nur über den günstigen Preis. Sie freuen sich auch, dass sie persönlich einen Beitrag leisten können, die Lebensmittelverschwendung zu reduzieren. Und darüber freuen wir uns selbstverständlich auch.“ www.toogoodtogo.de/de

  • Ob euer Kühlschrank richtig eingeräumt ist, könnt ihr auf dieser Seite selbst testen.
  • Übrigens: Auch Lebensmittel, die das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben, dürfen noch verkauft werden. Oft seien Lebensmittel auch nach Ablauf des Datums noch verzehrbar, so der Bund für Lebensmittelrecht und Lebensmittelkunde in Berlin.
  • Voraussetzung hierfür ist, dass der Verkäufer durch Stichproben sicherstellt, dass die Ware noch genießbar ist.
  • Anders sieht es beim Verbrauchsdatum aus, das etwa auf verarbeitetem Fleisch zu finden ist: Hier, so der Bund, solle man das Datum unbedingt einhalten.
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