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Tattoos - schon Ötzi hat sie getragen, zwischendurch war die Hautbemalung in die raue Welt der Seefahrer verbannt. Warum liegen Tattoos heute wieder im Trend und was sind ihre Risiken?

Haltern

, 30.01.2019 / Lesedauer: 6 min

Dieser Termin geht unter die Haut: „Das sind die Nadeln“, sagt Aneke Steffan (34) und holt zwei Exemplare aus der Schublade, original verpackt, das Verfallsdatum ist noch lange nicht erreicht. „Okay“, reagiert Hendryk Hellmich (25) nach einem prüfenden Blick und lehnt sich entspannt auf dem schwarzen Behandlungsstuhl zurück.

Hier wird gerade kein medizinischer Eingriff, sondern eine Sitzung im Tätowierstudio „Tattooga“ am Gantepoth in Haltern am See vorbereitet. Kunde Hendryk Hellmich ist kein bisschen nervös, denn er weiß schon, was ihn erwartet. Der erste Termin für sein Oberarmtattoo, es ist das insgesamt dritte Körperbild des Halterners, fand vor einigen Wochen statt.

Während Aneke Steffan mit ihrem Kunden letzte Deteils bespricht, saugt ihr Partner Marco Schäfer noch schnell den Eingangsbereich der Geschäftsräume. Er ist der Piercer in dem kleinen Studio und rundet damit das Angebot in Sachen Körperschmuck in Haltern ab.

Tattoos - wenn der Körper zur Leinwand wird

Tattookünstlerin Aneke Steffan (v.l.) betreibt das Studio „Tattooga“ in Haltern gemeinsam mit Piercer Marco Schäfer. Hendryk Hellmich war zur zweiten Behandlung gekommen. © Silvia Wiethoff

Beide Betreiber von „Tattooga“ sind sich einig, dass Sauberkeit bis hin zur absoluten Hygiene zu den Merkmalen eines guten Studios gehört. „Schon der Thekenbereich sollte aufgeräumt sein. In ein verrauchtes Studio würde ich nicht gehen“, beschreibt Aneke Steffan für Kunden, worauf sie bei ihrer Auswahl achten sollten.

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Tattoos - Wenn der Körper zur Leinwand wird

Bevor sie am Oberarmtattoo von Hendryk Hellmich weiterarbeitet, hat sie seine Haut desinfiziert sowie Handschuhe und Mundschutz angelegt.

Wichtig sei außerdem der Zeitfaktor. Die Beratung und anschließende Entscheidung für ein Tattoo sollte niemals in Eile erfolgen. „Man darf nicht vergessen, dass wir ein Bild für die Ewigkeit schaffen. Wenn ein Kunde nach einer Beratung das Studio verlässt, müssen alle seine Fragen geklärt sein“, erklärt die Tätowierkünstlerin, die eine Ausbildung zur Fachkosmetikerin absolviert hat und sich vor fünf Jahren beruflich neu orientierte.

Mit Hendryk Hellmich hat sie in ihrem Studio, das es seit dreieinhalb Jahren am Gantepoth in Haltern gibt, schon vor einem halben Jahr das erste Mal über seinen Wunsch für ein Oberarmtattoo gesprochen. Gemeinsam wurde das Motiv entwickelt. Um seiner Wanderlust Ausdruck zu verleihen, entschied sich der junge Halterner für ein Armband, das eine Bergkette zeigen soll.

Im persönlichen Gespräch fand Aneke Steffan heraus, dass Hendryks erste Alpentour ins Berchtesgadener Land führte. „Deshalb habe ich als Grundmotiv den Watzmann vorgeschlagen, der jetzt seinen Arm zieren wird“, verrät sie. Die Herausforderung wird sein, das Motiv künstlerisch umzusetzen und dabei der Anatomie seine Trägers anzupassen.

Tattoos - wenn der Körper zur Leinwand wird

Surrend transportiert die feine Nadel die Farbe in die Haut. © Silvia Wiethoff

Sein erstes Tattoo hat sich Hendryk Hellmich als 18-Jähriger gemeinsam mit einem Freund stechen lassen. Die Körperkunst liegt im Trend. Laut einem Bericht der Süddeutschen Zeitung soll jeder fünfte Deutsche tätowiert sein, bei den Frauen zwischen 25 und 34 Jahren soll es bereits jede Zweite sein.

Tattoos gehören zur Menschheitsgeschichte. Auf der Gletschermumie Ötzi, die vor rund 5000 Jahren vom Eis begraben wurde, entdeckten die Wissenschaftler beispielsweise 61 Körperbilder.

Körperschmuck dient der persönlichen Darstellung

Damals wie heute diente der Hautschmuck der individuellen Inszenierung. „Jedes Tattoo hat seine Geschichte“, weiß Aneke Steffan, deren älteste Kundin 72 Jahre alt ist.

In der Moderne kommen die Kunden der Tätowierstudios aus allen gesellschaftlichen Schichten und Berufsgruppen. Hendryk Hellmich hat an seinem Arbeitsplatz als Tattooträger zwar keine Probleme, möchte über seinen Job aber nicht in den Medien Auskunft geben.

Mit unglaublicher Geschwindigkeit sticht sich die in Farbe getränkte Nadel während seiner Sitzung im „Tattooga“ surrend durch die Haut. Der 25-Jährige verzieht dabei keine Miene.

Tättowieren ist mit Schmerzen verbunden

„Es ist natürlich ein schmerzhafter Prozess. Am Anfang herrscht die Euphorie vor. Das Glücksgefühl lässt aber nach und dann tut es irgendwann weh,“ erklärt seine Tätowiererin. Besonders schmerzhaft sei das Tätowieren überall dort, wo das Bindegewebe locker werde, zum Beispiel im Nierenbereich, am Kopf oder Hals.

„Das erste Tattoo sollte man sich an einer nicht-öffentlichen Stelle seine Körpers stechen lassen“, sagt Aneke Steffan. Unter 18-Jährige nimmt sie nicht als Kunden an, außerdem tätowiert sie jungen Leuten keine Bilder auf den Unterarm. „Sie wissen schließlich noch nicht, wo es beruflich hingehen soll“, begründet die 34-Jährige ihre Haltung.

Etwa einmal wöchentlich kommen Kunden in ihren Laden, die nach einem sogenannten Cover-up fragen. Dabei wird ein altes Tattoo aufgehübscht, das nicht (mehr) gefällt.

Nur ein Mediziner darf Tattoos entfernen

Wer ein Körperbild gänzlich bereut und sich beispielsweise vom aus der Mode gekommenen „Arschgeweih“ trennen will, muss sich seit Kurzem zum Mediziner begeben. Das hat der Bundesrat so entschieden. Aneke Steffan hat mit diesem Gesetz kein Problem. „Man sollte sowieso nicht beides anbieten“, ist sie überzeugt.

Täglich 20 reumütige Tattooträger werden in der Abteilung für ästhetisch-operative Medizin und kosmetische Dermatologie von Dr. Klaus Hoffmann an der Uniklinik in Bochum behandelt. Bei den Patienten sei „die Anzahl derer, die tatsächlich schlechte Tattoos haben, relativ groß“.

Tattoos - wenn der Körper zur Leinwand wird

Dr. Klaus Hoffmann leitet die Abteilungen für ästhetisch-operative Medizin und kosmetische Dermatologie am St. Josef-Hospital - Uniklinikum Bochum. © Uniklinik Bochum

„Im Gegensatz zum Glauben so mancher, sind die Menschen, die ganz viele bunte Tattoos haben, glücklich mit diesen. Bekommen wir große bunte Tattoos zur Entfernung, sind dies meistens Dinge, die bei der Größe dann nicht ganz korrekt gestochen wurden und dann perfektioniert werden sollen“, so Klaus Hoffmann.

Bei der Auswahl eines Mediziners sollten Patienten auf gewisse Standards achten, rät der Bochumer Facharzt. „Zumindest sollte derjenige, der ein Tattoo entfernt, über spezielles Fachwissen verfügen. Der bloße Erwerb eines Tattoo-Lasers und die Approbation als Arzt reichen hier eindeutig nicht. Wir beobachten zunehmend, dass auch fachfremde Gruppen, wie zum Beispiel Radiologen, die sagen, dass sie sich auch mit Strahlen auskennen, Laser in Betrieb nehmen und Tattoos entfernen“, erläutert Klaus Hoffmann.

Darüber hinaus sollte jeder, der eine Tattoo-Entfernung wünscht, auf die Qualität des Gerätes achten. „Insbesondere Geräte, die eine amerikanische Zulassung der entsprechenden Behörden (FDA) haben als auch Geräte, die die Zulassung der europäischen Behörden (CE) haben, sind in aller Regel gute Geräte. Man kann also in einer Praxis nachfragen, ob das Gerät, das im Angebot ist, sowohl eine CE- als auch eine FDA-Zulassung hat, wohl gemerkt beides gleichzeitig“, sagt Klaus Hoffmann.

Neuartiger Laser mindert Nebenwirkungen

In seinem Bochumer Institut kommt ein neuartiger Laser zum Einsatz, der „in kürzester Zeit die Energie eines Kernkraftwerkes freisetzt“. Die Energie werde auf einen so kurzen Zeitraum komprimiert, dass keine Möglichkeit bestehe, dass sich das getroffene Gewebe aufheizt.

Klaus Hoffmann: „Der Vorteil ist, dass Tattoos schneller und besser entfernt werden als auch, dass es zu weniger Nebenwirkungen kommt. Der Nachteil der Geräte ist, dass diese sehr teuer sind.“

Langzeitstudien über mögliche Gesundheitsrisiken durch Tattoos gibt es bisher nicht. Wissenschaftler sind beispielsweise in den Farben auf Nanopartikel gestoßen, deren Wirkung auf den menschlichen Körper schwer vorherzusagen ist.

„Die Diskussion zur Gesundheits- gefährdung durch Tattoos ist berechtigt.“
Dr. Klaus Hoffmann, Uniklinik Bochum

„Die Diskussion zur Gesundheitsgefährdung durch Tattoos ist berechtigt“, meint Klaus Hoffmann. Es sei allerdings auf der anderen Seite so, dass bislang, bei circa acht bis zehn Millionen Menschen in der Republik, keine größeren Krankheitsfälle oder epidemiologisch relevante Risiken aufgefallen sind.

Bekannt sei allerdings, „dass es, wenn man ein Tattoo bestrahlt, zu einer Umwandlung in schädliche Stoffe kommen kann, die krebserregend oder zellschädigend sein können und andere gesundheitsgefährdende Dinge auslösen können“. Es scheine aber so zu sein, dass dies in der Masse der Menschen ganz offensichtlich nicht zu Krankheiten führt.

„Nichtsdestotrotz müssen alle Anstrengungen weiter dahin gehen, Tattoofarben möglichst sauber zu machen“, fordert Klaus Hoffmann. Die Bochumer Initiative, ein Gesprächsforum für Dermatologen und Tätowierer als auch Hersteller von Geräten und Farben zu schaffen, um hier größere Sicherheit zu schaffen, wird vom Halterner Studio „Tattooga“ unterstützt.

Vielen Branchenkennern geht die Deutsche Verordnung für Tätowiermittel, die seit 2009 unter anderem die gefährlichen Acopigmente aus den Farben verbannt, nicht weit genug. Aneke Steffan setzt sich mit anderen Berufsvertretern als Mitglied des Bundesverbandes Tattoo dafür ein, für Tätowierer eine anerkannte Ausbildung einzurichten.

„Alles in Deutschland ist geregelt“, sagt sie, „nur unser Berufsbild nicht. Dabei arbeiten wir mit einem Organ.“

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