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Berliner entdeckten "Fremdsprachen" bei Beethoven

ESSEN Er habe den Berliner Philharmonikern ihren typisch deutschen Klang genommen, werfen Kritiker Sir Simon Rattle vor. In der Tat spricht das Hauptstadtorchester nun auch musikalisch „Fremdsprachen“ – selbst bei Beethoven, dem Herz des Orchesters seit Karajan und Furtwängler.

von Von Julia Gaß

, 22.02.2008
Berliner entdeckten "Fremdsprachen" bei Beethoven

Gerade das machte die „Pastorale“ des 53-jährigen, gerade mit dem Grammy dekorierten Maestros mit den Berlinern am Donnerstag in der bis auf den letzten Stehplatz ausverkauften Philharmonie Essen so spannend. Zum zweiten Mal war das wohl beste deutsche Orchester nach dem „Eröffnungszauber“ dort zu Gast.

Rattle hat den berühmten deutschen Klang mit vielen anderen Farben angereichert. Nach fast sechs Jahren scheinen sich der junge britische Dirigent und das Traditionsorchester angenähert und eine gemeinsame Tonsprache entwickelt zu haben. Rattles „Pastorale“ ist auch in den Tempi breitbrüstiger als die legendären Karajan-Aufnahmen, detailverliebter, dynamisch weiträumiger und effektvoll. Sie hat mehr Feinheiten, große Tiefe, zielt mehr auf Durchsichtigkeit als auf den vollmundigen Beethoven-Klang und stellt die Holzbläser mehr heraus. Konzertant, kammermusikalisch ließ der Brite die 60 Musiker die Einleitung musizieren, eine zärtliche Idylle breitetet er in der Szene am Bach aus.

Pulsirende Wucht und präzise Härte

Als wenn man über weiches Moos geht, klang dieser behutsam ausgeformte Satz. Jedes der fünf Bilder war ein Ereignis unter Rattles Stabführung: auch das Gewitter mit Paukendonner und der Hirtengesang am Schluss – mehr frühlingsfrisch als auftrumpfend im Klang gespielt.

Vielfältig präsentierten sich die Berliner: Ein „Rhythm is it“ für Erwachsene machte Rattle mit seiner eruptiven Anlage aus Bartoks Konzertsuite „Der wunderbare Mandarin“. Mit der riesigen Besetzung von fast 100 Musikern brachte er mit pulsierender Wucht und präziser Härte die radikalen, bizarren Rhythmen in den Großstadtklängen in den Saal.

Denkbar größter Kontrast dazu war das andere Bild von Liebe und Tod, das die Berliner im Adagio aus Mahlers unvollendeter 10. Sinfonie in berührenden Tönen malten: Mit fließenden Klängen zum Dahinschmelzen schön, einem süffigen Wohlklang der legendären Streichergruppen, von denen nicht nur die zwölf Bratschen in den großen Soli wie ein Instrument klangen. – Ein legendärer Abend.