Kinofest Lünen

Diane Krugers Energie ist ihre unbändige Wut

Lünen Bombe, Tod und Schmerz: Fatih Akins „Aus dem Nichts“ lehnt sich an die Morde der NSU-Nazis an, und Diane Kruger zeigt die beste Leistung ihrer Karriere. Der Film startet am Donnerstag und eröffnet zugleich das Kinofest Lünen.

Diane Krugers Energie ist ihre unbändige Wut

Ich will zu meiner Familie! Katja (Diane Krüger) traf eben am Tatort ein, die Polizei erspart ihr den Anblick. Foto Warner Bros.

Verdammt. Das Leben war so schön. Im Gefängnis (wo er wegen Dealerei saß) haben Nuri (Numan Acar) und Katja (Diane Kruger) geheiratet. Der Hamburger Kurde hat im Knast BWL studiert, eröffnet dann ein Übersetzungs-Büro, ackert als braver Familienvater für Frau und Sohn. Liebe, Harmonie, Elternglück, die Sekercis hatten alles.

Nagelbombe explodiert und tötet Vater und Sohn

Bis vor Nuris Büro eine Nagelbombe explodiert, die ihn und den Sohn tötet. „Aus dem Nichts“ sind zwei Leben erloschen und andere zerstört. Vor allem das von Katja, deren Schmerz Diane Kruger nicht als Eruption, sondern als das Einfrieren jeder Regung auf die Leinwand bringt. Später werden ihr die Gäule durchgehen, anfangs fällt sie in eine Schockstarre.

In ihrem ersten deutschen Film legt Kruger (die vor Jahren nach Amerika ging und blieb) eine Glanzleistung hin, für die sie in Cannes als beste Darstellerin prämiert wurde. Es spricht für Fatih Akin, dieses Potenzial hinter allem Hollywood-Talmi in Kruger gewittert und es ihr entlockt zu haben. Sie trägt den Film, der aus Katjas Perspektive erzählt. „Aus dem Nichts“ basiert lose auf dem Bombenanschlag des NSU in der Kölner Keupstraße, der Pate stand für das Drehbuch von Akin und Hark Bohm.

Alle reden über Zschäpe und die Nazis, aber Akin interessiert sich für die Opfer. Wo steht, dass die, die leiden, schicksalsergeben in Trauer verkümmern sollen? Sicher nicht in Akins Skript. Er lässt uns fühlen, wie die kalte Wut in Katja hochkriecht und einen Hass nährt, der irgendwann zur Entladung drängt.

Man spürt deutlich den Zorn des Regisseurs

Darin liegt die Grundspannung des Films, die Fatih Akin in den Momenten von Katjas Pein und Erniedrigung klug anfüttert. In der Rage seiner Hauptfigur spürt man deutlich den Zorn des Regisseurs: Wie kann die Polizei in eine Richtung ermitteln, nur mit Blick auf ein vermeintliches kriminelles Milieu?

Was Akin zeigt, ist noch milde, verglichen mit dem, was Hinterbliebene der sogenannten „Döner-Morde“ über Jahre ertragen mussten. Im Film präsentiert die Polizei schon nach Wochen zwei Verdächtige. Katja wusste es – Nazis! Die Beweise scheinen erdrückend, was meint der Richter? Widerwärtig, wie die Verteidigung Katjas Leumund besudelt. Das Urteil bringt das Fass zum Überlaufen.

Vom Melodram zum Gerichtsfilm zum Rache-Thriller: Kein Bruch in den Tonarten. Etwas Kintopp ist auch dabei, geschenkt. Was den Film stark und besonders macht, ist seine emotionale Wucht und Energie - akkumuliert in Diane Krugers Spiel.