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Elfjähriger erklärt Erwachsenen die Kunst

Kunstmuseum Bochum

Civan Isik ist erst elf Jahre alt und hat ein Handicap, aber er führt Erwachsene durch das Kunstmuseum Bochum. Dort zeigt er, was er drauf hat.

Bochum

von Sandra Schaftner

, 24.06.2018
Elfjähriger erklärt Erwachsenen die Kunst

Der 11-jährige Schüler Civan Isik gibt einmal im Monat Führungen im Kunstmuseum Bochum. Er besucht eine Förderschule und hat eine Inselbegabung für Kunstbetrachtung. © Sandra Schaftner

Civan Isik, ein elfjähriger Junge im grauen Pullover, steht vor der weißen „Daphne II“ (1955) von Hans Arp. Er ist gerade einmal so groß wie die Marmorskulptur.

Aber in seiner Art wirkt er in diesem Moment nicht klein, sondern erfahren und selbstbewusst. Der Schüler führt erwachsene Museumsbesucher durch die Ausstellung „Bilder der Stille“ aus der eigenen Sammlung des Kunstmuseums Bochum.

Auf Augenhöhe mit der Skulptur

Die Erwachsenen stehen um Civan und Daphne herum und hören dem Jungen aufmerksam zu. Er viel jünger und kleiner als sie, aber er kann etwas, das sie nicht können.

Civan scheint einen besonderen Zugang zu Kunst zu haben. Auf Augenhöhe mit der Skulptur sagt er: „Ich kann mir vorstellen, wie sie mich ansieht.“

Unentdeckte Begabung

Seine Hände zeichnen in der Luft eine Linie zwischen seinen Augen und dem Kopf der Daphne. Dabei lächelt der Junge, seine Augen sind konzentriert und intensiv auf die Figur gerichtet. Während andere Elfjährige am Computer spielen oder fernsehen, hat Civan Spaß im Museum.

„Es macht mich glücklich, wenn ich über die Kunstwerke reden darf“, sagt er. „Ich kann nichts Falsches sagen.“ Agnes Motz, Mitarbeiterin der Kunstvermittlung, moderiert und wirft immer wieder Fragen ein. „Hier sieht es aus, als würde etwas fehlen, oder?“, fragt sie und deutet auf die flache Seite der Plastik.

Klassenausflug ins Museum

Motz kennt Civan seit ungefähr einem Jahr. Sie ist es, die den jungen Museumsführer entdeckt hat. Im Frühjahr 2017 besuchte Civan mit seiner Klasse das Kunstmuseum Bochum.

Er geht auf die LWL-Förderschule am Haus Langendreer in Bochum, viele seiner Mitschüler sitzen im Rollstuhl. Motz führte die Schüler durch das Museum, aber nicht lange.

Kunst in die Sprache der Kinder übersetzt

Civan übernahm mehr und mehr die Leitung. „Er erklärte seinen Mitschülern die Kunst in deren Sprache“, sagt Motz: „Das war so schön.“ Die Mitarbeiterin des Museums nahm danach Kontakt mit der Lehrerin auf, um mehr über Civan zu erfahren.

Die Antworten überraschten sie: Civans Begabung war bisher unentdeckt. Er hatte sich zuvor noch nie mit Kunst beschäftigt außer in der Schule. Dort malten sie Bilder.

Tränen in den Augen

Kurze Zeit später gab Civan eine Probeführung vor Museumsmitarbeitern und seitdem einmal im Monat vor Besuchern. An einem Samstag war Civans Lehrerin dabei. „Sie hatte Tränen in den Augen“, sagt Motz. „Niemand hätte gedacht, dass Civan so etwas kann.“

Der Junge hat Probleme beim logischen Denken und besucht deshalb den Bildungsgang geistige Entwicklung. „Aber er hat eine herausragende Inselbegabung in der ästhetischen Wahrnehmung“, sagt Kerstin Kuklinski, Leiterin der Kunstvermittlung am Museum Bochum. „Ich glaube, er kann sich die Welt mithilfe der Kunst besser erschließen.“

Traumberuf Künstler

Das Kunstmuseum will Civans Begabung mit den Führungen fördern. Als Dankeschön bekommt er Kleinigkeiten wie einen Malkasten geschenkt. Damit kann sich Civan auf seinen Traumberuf vorbereiten: Künstler.

Die Führungen mit Civan Isik finden jeden zweiten Samstag im Monat von 11-12 Uhr im Kunstmuseum Bochum, Kortumstraße 147, statt. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich und die Führung ist im Eintrittspreis enthalten.