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Ruhrfestspiele: Altmeister Zadek inszeniert „Nackt“

MARL In der Zeitung hat der Schriftsteller Rührendes gelesen: Vom Kindermädchen, das in Schimpf und Schande verjagt wurde, weil ihr Mündel vom Balkon stürzte. Von ihrem Selbstmordversuch, als der Geliebte eine andere zum Altar führen will.

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 04.06.2008
Ruhrfestspiele:  Altmeister Zadek inszeniert „Nackt“

Friedrich-Karl Praetorius gibt den distanzierten Beobachter.

Der Autor beherbergt die gestrauchelte Existenz, er wittert Stoff für einen großen Roman. Luigi Pirandello (1867-1936) verhandelt in „Nackt“, zu sehen bei den Ruhrfestspielen, die Zerrissenheit einer Frau. Sie erträgt ihr Scheitern nur im Spiegel der Kunst. Schreiberlinge schmarotzen gewissenlos an ihrem Elend, setzt Peter zadek einen eigenen Fokus. Einem alten Fuchs wie Zadek hätte aber auffallen müssen, dass das Stück erheblich schwächelt: Umständlicher Aufbau, verwirrende Motivlage und ein mühsam aus der Schale gepellter Konflikt, begraben unter einem Wust aus Lügen. Bis zur Pause nur Hörensagen aus zweiter und dritter Hand: Das arme Kind von Erzieherin. So böse herumgestoßen.

Erst im Nachklapp erfahren wir die ganze Geschichte. Von wegen verfolgte Unschuld. Die Frau hatte ein Techtelmechtel mit ihrem Dienstherrn, dem verheirateten Konsul. Heuchelei und Gefühl sind kaum aufzudröseln bei ihr. Was denn nun? Irgendwann ist unser Interesse erstickt. Leidensmonolog und Tod durch Gift lassen uns kalt. Zadeks Inszenierung laviert zwischen Drama und Possenbildern. Ein Bänkelsänger betritt die Szene, zwei Herren mit Hut legen ein Tänzchen hin. Tragik und Komik setzen sich gegenseitig Schachmatt. Die Darsteller stehen auf verlorenem Posten. Friedrich-Karl Praetorius quäkt nasal und leicht blasiert. Es klingt wie halbverdaute Prosa eines distanzierten Beobachters, und das macht Sinn. Wieder und wieder greift sein Schriftsteller zum Notizblock. Annett Renneberg gibt die hysterische Erzieherin, dringt aber aus erwähnten Gründen nicht durch. Nikolai Kinski (als ihr reumütiger Ex) bleibt blass und verhuscht. Kein großer Abend.