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Theater, kaum auszuhalten

DORMUND Bekannt wurde Schriftsteller Wilhelm Genazino mit seinen fast 30 Romanen. Erst seit 2005 schreibt er auch Theaterstücke. Nun kommt sein Stück "Der Hausschrat" als Gastspiel des Mülheimer Theaters an der Ruhr nach Dortmund. Mit dem Georg-Büchner-Preisträger sprach Katrin Pinetzki.

von Von Katrin Pinetzki

, 04.02.2008
Theater, kaum auszuhalten

<p>Noch lange nicht schreibmüde: Aktuell arbeitet Wilhelm Genazino an einem neuen Stück und einem neuen Roman. Foto dpa</p>

 

Genazino: In den vergangenen 35 Jahren habe ich etwa 50 Hörspiele geschrieben, das weiß nur kaum jemand. Dabei durfte ich viel experimentieren und mich langsam entwickeln, da habe ich den szenischen Aufbau und das Dialogeschreiben gelernt.

Aber im Theater muss es auch etwas zu sehen geben...

Genazino: Klar, auf der Bühne muss es poltern, die Leute wollen unterhalten werden. Ich will mit meinen Stücken einen Mittelweg zwischen Spektakel und Reflexion finden. Bei "Der Hausschrat" etwa interessiert mich die Verwandlung: Es geht um ein auf der Strecke gebliebenes Ehepaar. Sie sind nicht untergegangen, weil ihre Ehe einging, das wäre zu vordergründig. Sie haben sich verwandelt, indem sie den Niedergang ausgehalten haben. Ein geheimnisvoller Vorgang, den jedes ältere Ehepaar kennt.

Haben Sie Geschmack an der Dramatik gefunden?

Genazino: O ja. Am vierten Stück schreibe ich gerade, ebenso wie am neuen Roman. Das Irritierende am Dramenschreiben ist allerdings: Das Stück geht von meinem Kopf in die Schreibmaschine und auf die Bühne, es verwandelt sich in eine Art Leben. Das ist so irritierend, dass ich es kaum aushalten kann. Ich bin schon aus dem Theater gegangen, weil mir meine Figuren zu stark auf die Pelle rückten. Das geht mir auch bei meinen Lieblingsautoren so. Ich habe schon geheult, wenn Winnie in Becketts "Glückliche Tage" im Sandhügel steckt, als spräche sie aus einem heraus. Diese Identifikation geht mir zu weit. Natürlich muss Theater so sein, das ist klar.

Gefallen Ihnen die Inszenierungen Ihrer Stücke? 

Genazino: Ja, aber ich glaube auch, ich mache klar genug, was ich mit einem Text will, so dass die Regie nicht so sehr daneben greifen kann. Letztens wurden in Einar Schleefs "Gertrud" die Kinder als Kohlköpfe dargestellt und gegen die Wand geschmissen. Wieso so roh? Das fand ich fehl am Platze.

Werden Sie je müde werden, die Merkwürdigkeiten des Alltags zu sezieren?

Genazino: Nein. Eines Tages werde ich abtreten mit dem Gefühl, dass es leider noch vieles gibt, was ich nicht mehr beschreiben konnte. Ich werde das Gefühl haben, weggerissen zu werden - das habe ich teilweise schon heute. Die Realität entwickelt sich in einer Weise, dass mein Rezeptionsapparat das nicht mehr packt.