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Leidenschaft für Leidende

Ahaus "Gott kann man nicht anbeten mit dem Rücken zur Leidensgeschichte der Welt", lautet ein viel zitierter Kernsatz der politischen Theologie. Was Johann Baptist formuliert hat, lebt Jon Sobrino in El Salvador - als einer der führenden Befreiungstheologen.

13.06.2008

Leidenschaft für Leidende

<p>Im Gespräch: Jon Sobrino und Martha Zechmeister.</p>

Auch wenn sie die meiste Zeit auf zwei verschiedenen Kontinenten zubringen, im Geiste sind die beiden Altmeister ihres Fachs vereint - und am Donnerstagabend waren sie es auch räumlich: während des Forums politische Theologie im Fürstensaal des Schlosses. Zwischen den beiden großen Männern hatte eine Frau Platz genommen, die in beiden Lehrgebieten und in beiden Welten zu Hause ist: Martha Zechmeister, die mehrere Jahre als Gastprofessorin für Fundamentaltheologie in San Salvador gearbeitet hat.

Lebendige Befreiung

"Compassion" - das Kunstwort, das Metz entwickelt hat, weil ihm der deutsche Begriff Mitleid zu gefühlsduselig erschien, um das Eingedenken fremden Leids zu bezeichnen - zieht sich wie ein roter Faden durch den Abend. Und durch die Befreiungstheologie.

Nein, tot ist dieser in den 60er Jahren begründete und zunächst in Lateinamerika umgesetzte Denk- und Handlungsansatz, der die ethische Maxime des Christentums ernst nimmt und in konkretes politisches Handeln übersetzt, ganz und gar nicht - daran haben weder der Fall des Eisernen Vorhangs noch die konsequent kalte Schulter des Vatikans etwas geändert. Indikator dafür sind die 100 Zuhörer im Saal, die aus dem ganzen Land angereist waren - trotz des Deutschland-Spiels. Sie erleben - anders als die Fußball-Fans beim Public Viewing hundert Meter weiter - echtes Temperament und Kampfgeist. Gegen die Ungerechtigkeit der Welt. Gegen Sklaverei. Gegen die Marginalisierung der Massen. Gegen die Globalisierung der Profitgier. "Jesu erster Blick galt nicht der Sünde der anderen, sondern dem Leid der anderen", begründet Sobrino, der selbst nur knapp einem Anschlag entkommen ist, seinen Kampf für die Verfolgten. "Ich bin überzeugt: Wenn wir Jesus folgen, der Kraft für Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Zärtlichkeit schenkt, können wir die Welt menschlicher machen."

Der Wahnsinn der Welt

Dazu müsse man sich aber erst einmal in die Welt begeben, ergänzt Zechmeister: aus dem klimatisierten Andachtsraum heraus und vom gedeckten Tisch weg. Die Spur Gottes lasse sich nun einmal in der "Andersheit des Anderen entdecken", zitiert auch sie Metz.

Zum Beispiel in San Salvador: "Ich sah dort Lack schnüffelnde Straßenkinder, verkrüppelte Bürgerkriegsinvaliden, Frauen, die mit ihren Babys auf dem Rücken, arbeiteten - den ganzen mörderischen Wahnsinn der Welt." Ihr Klein-Kinder-Glaube habe dem nicht standhalten können, erzählt die Ordensfrau. Er habe aber Platz gemacht für "echte Ahnung des Mysteriums Gottes" trotz oder gerade wegen des Leids: "Hinter die Einsichten der politischen Theologie kann ich seitdem nicht mehr zurück." sy-

Leidenschaft für Leidende

<p>Leidenschaftlich beteiligt sich auch Johann Baptist Metz, der Inspirator des Forums politische Theologie, an der Diskussion im Fürstensaal des Schlosses. MLZ Fotos (2) Lüttich-Gür</p>

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