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Banalität des Augenblicks: „Die Tagesordnung“

Berlin. Zwischen Lächerlichkeit und Entsetzen: Der französische Autor Éric Vuillard seziert den Aufstieg der Nationalsozialisten in brillanten Momentaufnahmen.

Banalität des Augenblicks: „Die Tagesordnung“

„Die Tagesordnung“ von Eric Vuillard. Foto: Matthes & Seitz Berlin

Am 20. Februar 1933 traf sich im Amtssitz von Hermann Göring ein illustrer Kreis. 24 Industriekapitäne kamen zusammen, die Crème de la Crème der deutschen Wirtschaft, klangvolle Namen wie Opel, Siemens oder Krupp. Die Herren hatten ein folgenschweres Stelldichein mit dem neuen Reichskanzler Adolf Hitler.

Hitler hatte ein Problem: Er musste einen teuren Wahlkampf finanzieren und brauchte dringend Geld. Ob die Herren vielleicht zu einer kleinen Spende bereit wären?

Die Industriebosse ließen sich nicht lumpen, und so kam ein hübsches Sümmchen zusammen. Der Pakt der Wirtschaft mit den Nazis war besiegelt. Ein historischer Augenblick. Für die Krupps, die Opels und die Siemens jedoch nicht mehr „als eine alltägliche Episode des Geschäftslebens, ein banales Fundraising“, resümiert Éric Vuillard (49). Das geheime Treffen der „vierundzwanzig Echsen“, wie Vuillard sie nennt, mit den Nazis ist ein grandioser Auftakt seines Buches „Die Tagesordnung“, für das der Franzose im vergangenen Jahr mit dem renommierten Prix Goncourt ausgezeichnet wurde.

Darin seziert Vuillard den Aufstieg der Nationalsozialisten in 16 kurzen Sequenzen. Es sind Augenblicksaufnahmen, Flashs, die sich fast immer hinter den Kulissen abspielen: Geheime Absprachen, Mauscheleien, Erpressungen, Taktierereien, nichts davon ist für das Scheinwerferlicht oder die große Bühne bestimmt. Doch genau bei diesen Hinterzimmergesprächen wurde Geschichte gemacht. Die Brutalität des Regimes manifestiert sich hier in Drohungen, Einschüchterung und verbaler Überwältigung.

Unnachahmlich etwa, wie Vuillard die Begegnung zwischen dem österreichischen Bundeskanzler Schuschnigg und Hitler im Februar 1938 auf dem Berghof schildert, bei der Schuschnigg dazu verdonnert wurde, die Macht an die Nationalsozialisten zu übergeben. Dabei war er beileibe kein schüchternes Würstchen, sondern ein mit allen Wassern gewaschener Diktator. Doch hier ist er von Beginn an schwach und machtlos: „Auf Hitlers Geheiß hat sich der österreichische Bundeskanzler soeben gesetzt, mit leichtem Unbehagen schlägt er immer wieder die Beine übereinander. Er fühlt sich bleiern und kraftlos. Die Angst von vorhin ist wieder da, baumelt von der Kassettendecke, verkriecht sich unter den Sesseln.“ Nach Stunden voller Angst, unterschwelliger und offener Drohungen unterschreibt Schuschnigg das Dokument seiner Unterwerfung.

In einer anderen Sequenz entführt uns Vuillard nach London in die Downing Street. Der Premier Neville Chamberlain hat den deutschen Botschafter Joachim von Ribbentrop zu einem Abschiedslunch eingeladen. Während der ganzen Zeit doziert Ribbentrop über seine Tenniskünste, langweilt seine Gastgeber mit seinen ausschweifenden Exkursen - und hält sie von der Arbeit ab. Denn während sich der Lunch so in die Länge zieht, ist Hitler gerade in Österreich einmarschiert. Der höfliche Chamberlain aber wird durch Ribbentrops Geschwätz ausgetrickst und kann so erst sehr verspätet reagieren.

All diese Geschichten sind historisch belegt. Vuillard hat intensiv recherchiert - genauso wie schon bei den Vorgängerbüchern „Ballade vom Abendland“ über den Ersten Weltkrieg oder „Traurigkeit der Erde“ über Buffalo Bill. In der für ihn typischen Mischung hat er die Fakten in tragikomische, oft auch satirische kleine Szenen gegossen. Seine Sprache ist düster, poetisch, brillant. Entstanden ist so ein Puzzle aus sehr verschiedenartigen Mosaiksteinchen, das doch eine erstaunlich schlüssige Einheit ergibt: Herrschaft erscheint hier als eine Mischung aus Lächerlichkeit und Entsetzen. Der Leser bleibt beklommen zurück.

- Éric Vuillard: Die Tagesordnung, Matthes und Seitz, Berlin, 128 Seiten, 18,00 Euro, ISBN 978-3-95757-576-0.

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