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Brief an Wolfgang Engels

Kann man jemandem verzeihen, der bereit war, einen Landsmann zu töten, der es in der DDR nicht mehr aushielt ?... Diese Woche schreibt Hermann Beckfeld an Wolfgang Engels.

von Hermann Beckfeld

, 22.06.2018
Brief an Wolfgang Engels

Wolfgang Engels © Archiv

Sehr geehrter Wolfgang Engels,

per Zufall entdeckte ich in einer Zeitung die Geschichte Ihres Lebens. Eigentlich hatte ich wenig Zeit, trotzdem las ich die Reportage bis zum Schluss. Natürlich fesselte mich Ihre spektakuläre Flucht in den Westen, ich suchte aber auch nach Antworten auf meine Fragen. Antworten, die mir der Autor nicht geben konnte. Wie verzweifelt muss ein Mensch sein, dass die Sehnsucht nach Freiheit größer ist als die Angst vor dem Tod? Wie brutal muss ein Regime sein, wie sehr muss es sein Volk unterdrücken, dass die Bürger aus der Heimat flüchten? Wie kann es sein, dass eine Mutter die Partei mehr liebt als den eigenen Sohn? Kann man jemandem verzeihen, der bereit war, einen Landsmann zu töten, der es in der DDR nicht mehr aushielt?

Oder, heute so aktuell wie damals: Können wir alle, die niemals haben flüchten müssen, nachempfinden, was es heißt, vor abgeriegelten Grenzen zu stehen?

Der 17. April 1963, 19.44 Uhr, Ost-Berlin. Vom Gelände der Nationalen Volksarmee in Friedrichsfelde stehlen Sie, der 19-Jährige, einen russischen Schützenpanzerwagen. Ihr Ziel: die Mauer an der Ecke Elsen-straße/Heidelberger Straße. Eine Mauer, deren Bau Sie zwei Jahre zuvor als Soldat mit abgesichert haben.

Sie geben Vollgas, der Panzer rast auf die Mauer zu, doch der Wagen bleibt stecken; der Ausstieg befindet sich noch auf ostdeutscher Seite. Jetzt geht alles blitzschnell und dauert doch unerträglich lange. Sie steigen aus, verheddern sich im Stacheldraht. Sie schreien „Nicht schießen!“, ein Grenzpolizist schießt Ihnen mit seiner Kalaschnikow trotzdem in den Rücken.

Sie klettern blutüberströmt wieder in den Wagen, springen von der anderen Seite des Fahrzeugs aus über die Motorhaube auf die Mauer, hängen erneut im Stacheldraht fest. Mitten im Kreuzfeuer, denn zwei West-Berliner Polizisten schießen auf die DDR-Kollegen.

Was für ein Glück, dass in der Eckkneipe „Heidelberger Krug“ Mitglieder eines Sparvereins gerade das Ersparte versaufen. „Sie haben ihr Leben riskiert, um meines zu retten.“ Die Männer rennen zur Mauer, machen eine Räuberleiter, ziehen Sie aus dem Stacheldraht und schleppen Sie in die Kneipe. Dort bestellen Sie ein Bier und einen Schnaps und fallen in Ohnmacht.

Die vielen Geschichten hinter der Geschichte. Von dem irgendwie irrsinnigen Versuch, auf der Fahrt zur Mauer ein Pärchen zur Flucht zu überreden. „Ich haue ab, wollt ihr mit?“ Von den Verkehrspolizisten, die damals noch an den Kreuzungen in Häuschen saßen und die Ampel für den russischen Panzer manuell auf Grün stellten. Von dem Auslöser für die Flucht. Auf einer Kneipentour mit Freunden nahe der Mauer wurden Sie einkassiert, in eine Wohnung transportiert, stundenlang verhört und beleidigt. Man unterstellte Ihnen geplante Republikflucht. „Da wurde mir klar. Ich wollte nicht länger in einem Staat leben, der so mit seinen Bürgern umgeht.“

Die Erinnerungen. An die mehrstündigen Notoperationen, die Kugeln hatten das Herz verfehlt, die Lunge gestreift; die Narben werden für immer bleiben. An die Angst im Westen. Die Stasi setzte einen Inoffiziellen Mitarbeiter an, der Sie Tag und Nacht beobachtete, und plante Ihre „Rückführung“, sprich Entführung. An die größte Enttäuschung. 1952 war Ihre Mutter auf Anordnung der KPD mit Ihnen von Düsseldorf nach Ost-Berlin umgezogen; da waren Sie gerade neun Jahre alt. Nach Ihrer Flucht hat sich Ihre Mutter von Ihnen losgesagt. Sie gab Ihre Briefe ungelesen an die Stasi weiter, für die sie als Hauptfeldwebel arbeitete. Wie schrecklich muss es gewesen sein, als Sie diesen Verrat aus den Stasi-Akten erfuhren?

Sehr geehrter Wolfgang Engels,

heute, mit 73 Jahren, leben Sie in Niedersachsen, waren früher Geschichts- und Biologielehrer. Der ein Jahr jüngere Mann, der Sie an der Mauer fast erschossen hätte, wohnt in Thüringen; Sie hassen ihn nicht. Ganz im Gegenteil: Sie hätten ihn sogar gerne besucht, um mit ihm Frieden zu schließen, ihm zu verzeihen. Ihre Ehrlichkeit verblüfft mich: „Ich weiß doch bis heute nicht, was ich gemacht hätte, wenn für mich der Befehl gekommen wäre zu schießen.“

Mit besten Grüßen

Hermann Beckfeld