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Die Nerven: Tanz das Unbehagen

Berlin. Auf ihrem vierten Studioalbum schwankt die Stuttgarter Rockband Die Nerven zwischen genialem Krach und sanften Melodien - und verhilft der deutschen Rockmusik damit zu neuer Relevanz.

Die Nerven: Tanz das Unbehagen

Die Nerven lassen es raus. Foto: David Spaeth/Glitterhouse Records

Was für eine Freude: Es gibt immer mehr Rockbands, die deutsche Texte singen - und dabei nicht peinlich klingen. Die aus dem Stuttgarter Umland stammende Band Die Nerven hat daran einen großen Anteil. Jetzt ist ihr viertes Studioalbum „Fake“ erschienen.

Wie man es von der Band gewöhnt ist, gibt es darauf mitreißenden Lärm: stürmende Gitarren, mauligen Gesang und krachscheppernde Drums. Dazu kommen auf „Fake“ aber viel mehr Melodien und Dynamik, manchmal sogar ein Dur-Akkord. Das macht „Fake“ zum besten Album der Nerven - und zu einem herausragenden Stück deutscher Rockmusik.

Es gibt viele Ebenen, auf denen die Musik von Max Rieger (Gesang, Gitarre), Julian Knoth (Gesang, Bass) und Kevin Kuhn (Schlagzeug) bemerkenswert ist. Die musikalische Dringlichkeit, die Sorgfalt, mit der jedes einzelne Instrument behandelt wird, die Textstärke.

In zehn Sekunden Schreigesang kann Rieger eine irre Wut legen. Zum Beispiel im Song „Frei“. „Lass alles los, gib alles frei, nichts bleibt“, schreit er immer wieder. Die Drums drängeln ihn mit wütenden Schlägen nach vorne - bis plötzlich ein totaler Dynamikwechsel einsetzt, völlige Ruhe herrscht.

Immer wieder folgt in den Liedern auf den Krach die Ruhe. Das macht den Punkrock und die ganze Wut noch viel zwingender: Die Musik der Nerven ist ein permanenter Aushandlungsprozess zwischen Aufbegehren und Kapitulation. Gitarren mögen in einem Moment heftig schreddern, der Bass aggressiv nach vorne dengeln, das Ganze sich immer weiter steigern - und dann ist es auch schon wieder vorbei, und die Gitarren hallen nur noch ganz verloren durch die Takte.

Das ist ein Motiv, das sich auch durch die Texte zieht. Sie handeln von Figuren, die hin- und hergerissen sind zwischen Konformität und Leistungszwang auf der einen, Flucht und Hedonismus auf der anderen Seite. Damit vertonen die drei Mittzwanziger auch das Lebensgefühl ihrer Generation und den permanenten Selbstoptimierungszwang, dem diese ausgesetzt ist. Sich in den sozialen Medien darstellen, skandinavische Möbel kaufen, die richtige Musik hören, die richtige Mode tragen... Alles Lügen, alles „fake“, wie Die Nerven meinen.

Aber was ist die Alternative? „Wo willst du hingehen, wenn du überall schon warst/ Wo gehst du hin, wenn dich überall was stört/ .../ Finde niemals zu dir selbst“, heißt es im Track „Niemals“. Dazu gibt es helle Echo-Gitarren, die an New Wave aus den 80er Jahren erinnern. Ein Lied, das sich als Indiehymne für alle eignet, die ihren Ängsten auf der Tanzfläche nicht stets zu den immergleichen Songs Ausdruck verleihen möchten.

Überhaupt wird die Auswahl in dieser Hinsicht größer: Inzwischen bei Glitterhouse Records, waren Die Nerven lange Zeit auf dem Label This Charming Man, das viele weitere spannende Bands beheimatet (an manchen sind Mitglieder von Die Nerven auch beteiligt): Karies, Wolf Mountains oder Messer. Und auch fernab des Labels verleihen Künstler wie Drangsal, Trümmer, Candelilla oder Isolation Berlin deutscher Rockmusik neue Relevanz.

Rieger ist fernab der Nerven auch als Produzent tätig, hat außerdem das Nebenprojekt All diese Gewalt. Auch die anderen beiden spielen nebenher in weiteren Formationen. Nun geht es aber erst einmal mit den Nerven auf Tour.

Eines der besten Stücke des Albums ist „Roter Sand“. Die Gitarren klingen so, wie man sich die Stimmung in einer Wüste vorstellt: weit, verloren, irgendwie bedrohlich. Fast endlos verharren die Instrumente in denselben, repetitiven Takten. Bis sich alles im Refrain entlädt: „Roter Sand, neues Land/ Weiß leider nicht, wohin genau/ Hört nicht auf, geht nicht vorbei/ Weiß leider nicht, warum genau.“ Was bleibt, ist Unbehagen. Schon lange hat keiner mehr diesem Gefühl einen schöneren Ausdruck verliehen.

Die Nerven live: 19.04. Wiesbaden - Schlachthof, 20.04. Leipzig - Conne Island, 21.04. Berlin - Festsaal Kreuzberg, 22.04. Hamburg - Hafenklang, 23.04. Köln - Gebäude 9, 27.04. Schorndorf - Manufaktur, 28.04. München - Strom

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