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Für Harald Kühn vergingen 75 Jahre wie im Flug

DORSTEN 75 Jahre sind für ihn wie im Flug vergangen. Das ist kein Wunder: Tauben haben Harald Kühn von kleinauf begleitet, sein Leben bereichert und geprägt, ihm viel Arbeit und noch mehr Freude gemacht.

27.06.2008
Für Harald Kühn vergingen 75 Jahre wie im Flug

Stolz präsentiert Harald Kühn ein elektronisches Instrument, dass sein Enkel Rene Kühn entwickelt hat: Auf der Anzeige erscheint beim Scannen die Ring-Nummer am Taubenfuß, so dass Fachleute die Tiere sofort exakt zuordnen können. Im Hintergrund Kühns Taubenschlag, in dem seit ein paar Tagen der beste Vogel fehlt - vermutlich hat ein Wanderfalke zugeschlagen.

Schon als kleiner Junge auf dem elterlichen Bauernhof in Ostpreußen waren Tauben allgegenwärtig. Sein Opa unterhielt Haustauben, seine Oma empfing den schmächtigen Buben als erstes immer mit einer kräftigen Tauben-Suppe, „damit das Kind groß und stark wird.“ Aber die Tierliebe ging nicht in erster Linie durch den Magen. Harald Kühn: „Ich war von Anfang an von Tauben fasziniert. Und als nach dem Tod meines Vaters in Russland mein Stiefvater, der das Verhängnis kommen sah, uns 1944 zu sich nach Wüllen bei Ahaus holte, hatte ich ein Erlebnis, dass ich nie vergaß. Auf der ewig langen Bahnfahrt spielte in unserem Abteil ein Soldat Akkordeon. Das einzige Stück, das er konnte, immer und immer wieder - La Paloma!“ Noch heute schießen ihm die Tränen in die Augen, wenn er den „Tauben-Evergreen“ hört: „Das ist seitdem mein Lieblingslied, damit habe ich vielleicht den Bazillus eingeimpft bekommen.“ So dauerte es nicht lange bis Kühn unter dem Dachgiebel der Schule, in der sein Stiefvater unterrichtete, seinen ersten Brieftauben-Schlag einrichtete. 1947 war alles knapp, als Tauben-Futter mussten auf Stoppelfeldern Ähren und am Wegrand Kräuter-Samen gesammelt werden. Und es gab noch eine andere Quelle: „Meine Mutter hat sich immer gewundert, was für einen ungeheuren Appetit unsere Hühner hatten. . .“. Der Aufwand lohnte sich. Die acht bis zehn Tauben waren handzahm und gediehen prächtig. Das ist überhaupt ein Kühnsches Rezept: „Je besser der Kontakt zwischen Tier und Mensch, desto größer der Erfolg.“ Der stellte sich schnell ein, als Kühn 1950/51 erstmals Sporttauben auf die Reise schickte. Seine erfolgreichsten Jahre als Züchter folgten jedoch zwischen 1966 und 1970. So vertrat Harald Kühn wegen herausragender Ergebnisse 1966 den deutschen Taubensport bei einer internationalen Schau in London.

Seit 1968 Preisrichter

Längst war er in Vereinsvorständen aktiv und begann dann noch eine zweite Laufbahn: Seit 1968 ist Kühn als Preisrichter aktiv, unlängst wurde er für sein 40-jähriges Engagement ausgezeichnet. Die Beurteilung der Vögel erfolgt nach sichtbaren körperlichen Merkmalen: „Aber es ist wie beim Menschen - die Hübschesten sind längst nicht immer die Besten.“ Denn Tauben sind Hochleistungssportler, beim Fernflug von Barcelona nach Dorsten legen sie locker 1200 Kilometer zurück. Da Taubensport allmählich die ganze Welt erobert („in Südafrika, Russland und China ist unser Hobby mächtig im Kommen“), wächst auch die Nachfrage nach Spitzenvögeln. Für einen besonders erfolgreichen „Renner der Lüfte“ müssen Züchter mitunter 60 000 Dollar auf den Tisch legen, dafür können sie auch bis zu 125 000 Dollar bei Preisflügen gewinnen!

„Mach‘ mal lieber Tauben“

Es war aber nicht die Hoffnung auf Gewinne, die dafür sorgte, dass Kühn seiner liebsten Freizeitbeschäftigung bis heute treu geblieben ist. „Durch die Tauben gewinnt man viele gute Freunde“, weiß er aus eigener Erfahrung. Daher hat er es nie bereut, 1960 auf seine Frau gehört zu haben, als er sie fragte, was er weiter betreiben solle: Fußball und Leichtathletik oder Taubenzucht. „Mach‘ mal lieber Tauben“, hat seine Frau geantwortet und sich schnell selbst von dieser Leidenschaft infizieren lassen. Wie die drei Söhne Uwe, Hagen („er hat gerade wieder eine Goldmedaille gewonnen“) und Carsten war auch Renate Kühn mit Feuereifer bei der Sache und konnte bald Preise einheimsen.

Stets den Himmel im Blick

Als seine Frau nach 40-jähriger Ehe im letzten Jahr verstarb, war es nicht zuletzt das Vereinsengagement, durch das Harald Kühn nie in ein schwarzes Loch fiel: „Die Geselligkeit beschert Bekannte und viele Freunde, mit denen ich am 3. Juni meinen 75. Geburtstag feiern konnte. Zu den Weggefährten zählen unter anderem Ludwig Klapheck und Werner Schröer, keine Unbekannten in der regionalen Tauben-Szene. Eine ungewöhnliche und herzliche Freundschaft verbindet Harald Kühn außerdem mit dem letzten Krabbenfischer von Horumersiel, den er beim Nordsee-Urlaub kennen lernte. Günter Schmöckel lässt seinen Blick nämlich nicht nur übers Meer schweifen, er hat auch stets den Himmel im Blick, wo seine Vögel kreisen. Und obwohl Ostfriesen äußerst traditionsbewusst sind und bei ihren Feiern eigentlich keine Fremden dulden, war Kühn ein gern gesehener Gast: „Brieftauben-Sport verbindet unglaublich.“

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