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Patientin Heidi Schütze erhebt schwere Vorwürfe

Krankenhausbesuch mit Folgen

Weil sie starke Schmerzen hatte wurde Heidi Schütze nach ihrer OP gleich zwei weitere Male operiert, jeweils jedoch erst mit einigen Tagen Verzögerung. "Keiner hat sich darum gekümmert", sagt sie. Heute muss sie mit schweren Beeinträchtigungen leben.

DORSTEN/MARBURG

von Von Angela Wiese

, 01.08.2012

Irgend etwas stimmt nicht. Heidi Schütze wacht nach der Operation im Uniklinikum in Marburg auf. „Atmen Sie, Frau Schütze. Atmen Sie!“, hört sie immer wieder jemanden rufen. Aber die 52-Jährige kann sich nicht bewegen, nichts sagen. Sie hat Todesangst. Mit dieser Szene beginnt für die Dorstenerin eine Tortur, von der sie sich möglicherweise nie erholen wird. Später wacht Schütze in ihrem Krankenzimmer auf. Sie liegt in Embryohaltung im Bett, hat unerträgliche Schmerzen an der Lendenwirbelsäule.

 Sie hat große Blutergüsse auf dem Rücken, sie spürt, wie es im Rücken tropft. So schildert Schütze, was sie nach der Operation in dem Krankenhaus erlebt hat, spricht von zu wenigen Ärzten mit knappem Zeitplan.Über ein Jahr ist es her, dass sie nach Marburg ging, um sich von den Schmerzen befreien zu lassen, die ihre aufeinander liegenden Wirbelkörper seit Jahren verursachen. Schütze hatte sich über das Krankenhaus informiert, Gutes gehört. „Ich habe auch einen Patienten im Warteraum getroffen, der von seinen guten Erfahrungen erzählt hat“, erinnert sie sich. Heidi Schütze sitzt im Wohnzimmer ihres Hauses in Wulfen. Neben ihr steht der Rollator, auf den sie nun dringend angewiesen ist. Das Laufen fällt ihr schwer, sie humpelt stark. Mit Mühe kann sie noch mit ihrem Hund ein Stück nach draußen gehen. Um mobil zu bleiben, musste sie sich ein Auto mit Automatikgetriebe kaufen. Eine Kupplung kann sie nicht mehr treten. Ihr linkes Bein funktioniert nicht mehr richtig, ist stellenweise gelähmt. Das Haus, in dem Heidi Schütze mit ihrem Mann und ihrem Sohn lebt, muss die Familie verkaufen. Die Wendeltreppe in die obere Etage kann Schütze kaum noch bewältigen. Ihr zuhause ist nicht behindertengerecht.  

Fünf Tage dauert es damals, bis das Klinikpersonal auf ihr Leiden reagiert. Immer wieder, erinnert sie sich, erzählt sie den Mitarbeitern von den starken Schmerzen. Auch eine starke Dosis Schmerzmittel hat kaum Wirkung. Ihr Mann ist ständig bei ihr in Marburg, unterstützt sie. „Die haben einfach nicht reagiert, haben gesagt, das wäre normal“, sagt Schütze. „Ich wusste aber ganz genau, dass etwas nicht stimmt. Ich konnte meine Beine kaum bewegen.“ Sie hat das Gefühl, dass das Personal sie nicht ernstnimmt. Schließlich wird sie doch genauer untersucht, eine MRT angeordnet. Noch am nächsten Tag wird Schütze erneut operiert. Grund: Die Blutergüsse haben innen auf Nerven gedrückt, sie beschädigt, erklärt Schütze, die Gutachten und medizinische Dokumente zu ihrem Fall in einem dicken Ordner gesammelt hat. Auch nach dieser zweiten OP ist Heidi Schützes Aufenthalt in dem Krankenhaus nicht beendet. Immer noch hat sie Schmerzen, ihre rechte Seite brennt.

„Keiner hat sich darum gekümmert.“ Es ist Anfang August 2011, als die Ärzte handeln. Sie röntgen Heidi Schützes Lendenwirbelbereich. Wieder sagen die Ärzte danach, dass eine Operation notwendig ist. Sie müssen eine Schraube aus Schützes Rückenmarkskanal entfernen, sie an die richtige Stelle setzen. 22 Tage steckte die Schraube dort. Schütze ist sich sicher, dass die Ärzte sie eher hätten entdecken können. Wenn sie mehr Zeit gehabt hätten.Mit Verweis auf das juristische Verfahren und die ärztliche Schweigepflicht äußert sich die Pressestelle des Krankenhauses derzeit nicht zu Schützes Vorwürfen. Heidi Schütze hat sich zu Beginn des Jahres an einen Anwalt in Marburg gewandt, sie will gegen das Krankenhaus vorgehen. Ganz wie früher werde es wohl nicht mehr werden, hat ihr ein Arzt schon gesagt. Schütze: „Aber vielleicht passiert ja noch ein Wunder.“ 

„In Verfahren gegen Krankenhäuser oder Ärzte handelt es sich entweder um Behandlungs- oder Aufklärungsfehler“, sagt Dr. Hans-Berndt Ziegler. Der Marburger Fachanwalt für Medizinrecht ist mit dem Fall Heidi Schütze befasst, die gegen die Uniklinik Marburg klagen will. „Bei Frau Schütze gibt es zwei Ansätze“, sagt Ziegler, „den Behandlungs- und den Aufklärungsfehler“. Ziel sei nun, dass Heidi Schütze Schadensersatz und Schmerzensgeld bekommt. Ziegler strebt eine außergerichtliche Einigung an. „Das dauert ungefähr ein Jahr“, sagt der Fachanwalt. Grund: „Jeder schlechte Vergleich ist besser als ein langwieriges Verfahren“, sagt er. Ein Gerichtsverfahren könne sich schließlich über zehn Jahre hinziehen. Er selbst betreue solche Fälle. Heidi Schütze muss nun ein Gutachten erstellen lassen, erst dann können die Verhandlungen mit der Gegenseite, in dem Fall das Klinikum, beginnen.

Heidi Schütze sei, so Ziegler, nicht seine einzige Mandantin, die von Personalmangel und Zeitknappheit in der Klinik berichtet. „Ich habe ein paar Verfahren, wo die Probleme weniger im ärztlichen Bereich als im medizinischen liegen“, sagt er. Dr. Hans-Berndt Ziegler arbeitet seit 25 Jahren im Bereich Medizinrecht. Und hat gut zu tun. Um das zu verdeutlichen, nennt er ein Beispiel: In Deutschland gebe es im Jahr ungefähr 4000 Verkehrstote. Demgegenüber stünden geschätzt 80.000 Medizintote. Etwa 40.000 hingen mit Krankenhauskeimen zusammen.

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