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Zwischen Armut und Freude

Grafenwald "Ich war schockiert, als ich die Häuser zum ersten Mal von außen gesehen habe", berichtete Alfred Drabiniok.

02.10.2007

Er ist einer der Helfer von Lebenszeichen Tschernobyl, der im Frühjahr im Rahmen der Paketaktion zum ersten Mal mit in die Vororte von Mozyr gefahren ist.

"Als ich die Arbeit hier vor Ort sah, war ich beeindruckt. Es gibt eine handvoll Leute, die sich das ganze Jahr darum kümmern, Spenden zu sammeln", so Drabiniok. Da die Paketaktion am 16. Oktober bereits zum 22. Mal statt findet, läuft die Zusammenarbeit natürlich in der Zwischenzeit wie am Schnürchen. "Das ist wie ein geöltes Uhrwerk. Jeder hat seine Aufgabe." Nach dem Aufladen ging es im Konvoi los nach Mozyr. 1750 km weit von zu Hause weg, verschlug es Drabiniok fast die Sprache. "Wir wurden mit offenen Armen aufgenommen. Die Leute da haben so wenig und dennoch geben sie davon gerne ab." Und das alles aus lauter Dankbarkeit. "Es ist einfach überwältigend", so Drabiniok. Er erinnerte sich daran, wie ihm eine gut 80-jährige Frau plötzlich dankbar weinend um den Hals fiel. "Da muss man selbst schon schlucken", meinte er.

Es sind jedoch nicht nur positive Erinnerungen, die er wieder mit nach Deutschland nahm. "Ich hatte die ganze Zeit über ein gemischtes Gefühl", erklärte Drabiniok. "Auf der einen Seite gab es die Menschen, die sich über die Hilfe so freuten und man konnte sehen, dass etwas getan wird. Andererseits ist es schockierend, wenn man die alten Menschen auf dem Feld gesehen hat, wie sie mit Pferd und Pflug den Acker bestellten und uns hinterher mit ihren kaputten Händen was zu trinken angeboten haben. Man ist ständig zwischen Armut und Lebensfreude."

Zum Heulen

Werner Menke gehört zu den Helfern, die bereits ein fester Bestandteil der Paketaktion sind, doch auch er kann sich noch gut an sein erstes Mal in Mozyr erinnern. "Ich war seelisch und körperlich krank", berichtete der heute 68-Jährige. "Ich konnte niemanden über die Zustände dort erzählen. Ich bin einfach in den Keller gegangen und habe geheult." Heute habe sich dort vieles verändert. Die Häuser haben wieder Dächer, die Risse in den Öfen, aus denen damals noch beißender Qualm stieg, als die Frauen kochten, sind behoben. Wenn die Kartoffelernten durch das miese Wetter Fäule bekommen, kriegen die Leute trotzdem etwas zu essen, auch wenn es nicht viel ist. Auch die Infrastruktur habe sich sichtlich verbessert. Für Menke ist dieser Hilfstransport in der Zwischenzeit schon wie ein Nach-Hause-kommen. "Ich bin jetzt zum 20. Mal in derselben Familie. Ich habe gesehen, wie ihre Kinder groß wurden. Die älteste Tochter ist jetzt Lehrerin."

Doch trotzdem sich die Zustände in Mozyr und Umgebung allmählich bessern, sind die Bewohner immer noch auf Hilfe angewiesen. "Trotz der vielen Spenden, die wir zweimal im Jahr dort runter bringen, ist das alles nur ein Tropfen auf den heißen Stein, denn die Pakete werden an alle Dörfer rund um Mozyr verteilt", erklärte Menke. dzi

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