Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Erst saufen, dann randalieren

DORTMUND Die Zahlen sind erschreckend: An jedem Wochenende wacht mindestens ein alkoholisierter Jugendlicher nach seinem Koma-Absturz in der Kinderklinik auf. Allein am letzten Wochenende gab's in drei Problem-Bezirken in Dortmund 101 Platzverweise für betrunkene, randalierende Jugendliche.

von Von Ulrike Böhm-Heffels

, 17.06.2008
Erst saufen, dann randalieren

ARCHIV - Ein junges Mädchen liegt zwischen leeren Flaschen auf einer Bank, eine halbvolle Bierflasche hält sie noch in der Hand, aufgenommen in Schney im Landkreis Lichtenfels (Illustration, Archivfoto vom 26.03.2007, mit Zoomeffekt fotografiert). Immer mehr Jugendliche verabschieden sich regelmäßig für die Dauer eines Rauschs vom Alltag. Bier, Schnaps, Mixgetränke - das «Komasaufen» oder «Binge Drinking» geht durch alle Schichten. «Sie haben da genauso den Sohn des Arbeitslosengeld-II- Empfängers dabei wie die Tochter von Millionärshaushalten», sagte die Drogenbeauftragte Bätzing (SPD) am Montag (05.05.2008) bei der Vorstellung des Drogen- und Suchtberichts 2008 in Berlin. Foto: Marcus Führer dpa/lbn (zu dpa 4498) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Saufen ist unsexy. Von einem kriechenden, lallenden Partner fühlen sich Jugendliche abgestoßen. Saufen macht süchtig. Süchtig werden will aber keiner der Koma-Säufer, die in der Kinderklinik wach geworden sind. An jedem Wochenende mindestens einer. Viele sitzen später am Tisch von Kirsten Grabowsky, ihrer Hilfe im Jugendamt, die sie rausholen will aus der Falle Alkohol.

Ganz anders lesen sich die Realitäten aus den jüngsten Polizeiberichten: Gerade an Wochenenden kreisen die Flaschen in den Stadtteilen Brackel, Scharnhorst und Wickede, kommt es zu Ruhestörungen und Körperverletzungen. Bei Kontrollen zwischen Freitag, 16 Uhr, und Sonntagfrüh, 2 Uhr, sprach die Polizei 101 Platzverweise gegen Jugendliche aus. Elf mussten nach Hause gebracht werden. Drei Anzeigen gab‘s wegen Körperverletzung, eine Festnahme wegen Widerstandes.

Sogar zum Schlagstock greifen mussten die Beamten bei einem Einsatz in Mengede. Die Veranstalter des 31. TBV-Wochenendes, der Sportverein Mengede 09, hätte gerne auf die randalierenden „Gäste“ im Volksgarten verzichtet. Während mehrere tausend Besucher friedlich das Wochenende genossen, begann ein 22-Jähriger nachts, gegen 1.15 Uhr, völlig betrunken Gäste anzupöbeln.

Polizisten mit der Faust ins Gesicht geschlagen

Er weigerte sich nach dem Platzverweis durch die Polizei, das Gelände zu verlassen. Zwei Beamte fassten ihn am Arm, er riss sich los und schlug einem Polizisten (48) mit der Faust ins Gesicht. Noch am Boden erhielt der Beamte einen Fußtritt am Kopf. Die beiden Männer kämpften liegend miteinander. Erst nach dem Einsatz des Schlagstocks gelang es, den Betrunkenen zu fesseln.

Die Zahlen des statistischen Bundesamtes zeigen es: Nirgendwo in Deutschland werden so viele Jugendliche wegen Alkoholmissbrauchs in Krankenhäuser eingeliefert wie in NRW. Jedes vierte betroffene Kind kommt aus NRW: 2003 waren es 281 Mädchen, 2006 schon 409. Bei Jungen stieg die Zahl um 38 Prozent auf 383 stationäre Fälle. Bei Kirsten Grabowsky melden sich die, die etwas ändern wollen.

Beraten hat sie zuletzt 32 Jugendliche, von denen 20 aus alkoholkranken Familien stammen. Betroffen sind alle gesellschaftlichen Schichten, teils landen Jugendliche im lebensbedrohlichen Zustand in der Klinik und: Typisches Alter fürs erste Auffallen ist mit 14, 15 Jahren.

Hinweis: Ein ausführliches Interview mit Kerstin Grabowsky lesen Sie in der Mittwoch-Ausgabe der RN.

Lesen Sie jetzt