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Spieglein, Spieglein ...

Wenn Sie im Museum am Ostwall Menschen sehen, die halb auf dem Boden liegen und versuchen, in das Innere eines 100 x 120 cm großen Quaders zu spähen, dann sind Sie richtig: Sie stehen vor dem Kunstwerk des Monats Oktober, ausgewählt von den Ruhr Nachrichten und dem Museum am Ostwall.

01.10.2007

Es besteht aus nichts als sechs Spiegeln und einigen Metern Paketband, und es erzählt von nicht weniger als der Unmöglichkeit, die Unendlichkeit zu beschreiben. Der Name: "Un metro cubo di infinito" - zu deutsch "Ein Kubikmeter Unendlichkeit".

Der italienische Künstler Michelangelo Pistoletto schuf es 1966, indem er die sechs Spiegel zu einem quadratischen Würfel anordnete und sie mit Bindfaden verschnürte - allerdings so, dass die Spiegelflächen ins dunkle, für den Betrachter uneinsehbare Innere des Würfels zeigen. Dass es Spiegel sind, ahnt der Betrachter nur dank der überstehenden Spiegelkanten. An manchen Ecken scheinen sich Lücken aufzutun, und so wandert man um das Objekt herum, blinzelt durch Schlitze - und sieht doch nichts, oder aber nur sich selbst.

Sechs Spiegel weisen im Dunkeln zueinander, bespiegeln sich nur in unserer Vorstellung ins Unendliche - besser kann man die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung und das Scheitern bei dem Versuch, ein Phänomen wie die Unendlichkeit zu erfassen, wohl kaum darstellen. "Gleichzeitig ist Pistoletto einer der wenigen Künstler, die sich mit diesem eigentlich naturwissenschaftlichen Thema überhaupt beschäftigen", sagt Dr. Rosemarie Pahlke, stellvertretende Leiterin des Museums am Ostwall. Das Werk, das seit den 1970er Jahren zur Sammlung am Ostwall gehört, zählt zu ihren Lieblingsstücken. Sie hat Michelangelo Pistoletto sogar selbst kennen gelernt und den Quader gemeinsam mit ihm aufgebaut, als die Kunsthalle Baden-Baden, Pahlkes alter Arbeitgeber, eine Retrospektive des Künstlers zeigte.

Pistoletto, Jahrgang 1933, begann als malender Autodidakt in der Restaurierungswerkstatt seines Vaters, bis er in den 1960er Jahren mit seinen Spiegelbildern und -objekten Anerkennung als konzeptueller Künstler fand. Fortan wechselte er seine Mittel ständig; Spiegel jedoch tauchen in seinen Werken immer wieder auf. Später wurde er zu einem wichtigen Vertreter der Arte Povera (Kunst mit "armen Mitteln"), einer Kunstrichtung, in der mit scheinbar unscheinbaren, alltäglichen Materialien gearbeitet wird.

Spiegel haben in der Kunstgeschichte eine lange Tradition: In der Malerei helfen sie Künstlern bei Selbstporträts, außerdem stehen sie als Symbol für Klugheit oder Wahrheit, Eitelkeit oder Vergänglichkeit. Mit Spiegeln, die, im Dunkeln ihrer Funktion beraubt, dem Betrachter nur seine eigenen Grenzen aufzeigen, damit hat Pistoletto dem Spiegel-Motiv wohl eine neue Bedeutungsebene gegeben. Katrin Pinetzki

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