Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Brian Merkel macht aus seinem Herzen keine Mördergrube: Pünktlich zur WM wird sein Wohnungsfenster mit der britischen Fahne versehen. Die heutige Partie schaut er in tierischer Begleitung.

Eving

, 11.07.2018

Deutschland-Fahnen an Autos oder Balkonen sah man – zumindest bis zum Südkorea-Spiel – reichlich in Eving; und auch russische oder kroatische Flaggen sind keine Seltenheit. Englische Fan-Utensilien gehören seit dem Abzug der englischen Soldaten aus dem Dortmunder Nordosten aber weitgehend der Vergangenheit an. Doch Brian Merkel hält die britische Fahne im wortwörtlichen Sinne weiterhin hoch: An den Fenstern seiner Wohnung an der Evinger Straße 252 weisen der Union Jack und ein England-Schal alle Autofahrer und Passanten unmissverständlich darauf hin, dass hier ein eingefleischter Fan der Kicker mit den drei Löwen auf der Brust lebt.

Für Merkel nahm das Schicksal auf der Insel seinen Lauf

Ein Brite namens Merkel? „Ja, ja“, sagt der 58-Jährige und lacht, „wie die Kanzlerin.“ Sein unnachahmlicher Akzent, der schon bei der ersten Silbe an „Mr. Pumpernickel“ Christ Howland erinnert, lässt aber keinen Zweifel daran, dass er tatsächlich von der Insel stammt. „Mein Vater kam aus Chemnitz, das damals noch Karl-Marx-Stadt hieß“, erklärt Merkel seinen deutschen Nachnamen. „Nach dem Zweiten Weltkrieg ist er aber nach England geflüchtet, wo er sich schließlich auf der Isle of Wight niedergelassen hat.“

Dort, auf der Insel vor der südenglischen Küste, nahm das Schicksal seinen Lauf: Vater Merkel lernte eine Engländerin kennen, man verliebte sich, heiratete und gründete eine Familie. Den Kinderschuhen entwachsen, absolvierte Sohn Brian eine Lehre als Bäcker und Konditor, wobei er jeden Dienstag zum College-Besuch mit der Fähre nach Southampton übersetzen musste. „Denn so etwas wie eine Berufsschule für Bäcker gab es auf der Insel nicht.“

Von Frühaufstehern und ewiger Treue

Nichtsdestotrotz schloss er seine Lehre ab und folgte als 18-Jähriger seinen Eltern und Brüdern, die kurz zuvor nach Deutschland gezogen waren. Hier erlebte er allerdings eine böse Überraschung: Während Bäcker im Königreich um 7 Uhr morgens mit der Arbeit beginnen und den ganzen Tag über frisch backen, steht der deutsche Bäcker bereits um 3 Uhr am Ofen. „Diese Nachtarbeit“, sagt Merkel, „die war nichts für mich.“ Also sattelte er zum Lagerarbeiter um, womit er bis heute seine – nicht mehr selbst gebackenen – Brötchen verdient.

Ein Engländer namens Merkel möchte den Fußball heimholen

Der in Eving lebende Engländer Brian Merkel zeigt für alle deutlich sichtbar, wessen Fan er ist. © Michael Schuh

40 Jahre sind seit dem Wegzug von der Isle of Wight vergangen, doch auch in diesem Fall gilt die alte Fußballer-Weisheit: Einmal Fan eines Teams, immer Fan eines Teams. „Ich habe noch ein großes Herz für England“, sagt Merkel – und man merkt dem kräftigen Mann an, dass er diesen Satz nicht einfach so daher sagt. Denn den Three Lions drückt er schon seit Kindesbeinen an die Daumen, kann sich an deren größten Triumph allerdings nicht erinnern: „Als England 1966 Weltmeister wurde, war ich gerade sechs Jahre alt. Das weiß ich nicht mehr.“ Aber natürlich hat Merkel das Finale mit dem legendären Wembley-Tor ungezählte Male am Fernseher gesehen: „Bobby Moore, Jack und Bobby Charlton – das waren schon große Namen.“

„Die beste englische Mannschaft seit Jahren“

Seitdem verpassten die englischen Kicker bei EM und WM aber ein ums andere Mal den ganz großen Wurf, wobei sie mehrfach gegen Deutschland den Kürzeren zogen. „Meine Arbeitskollegen haben auch vor dieser Weltmeisterschaft gesagt: ‚Spätestens im Viertelfinale ist Schluss, wenn England gegen Deutschland spielt‘“, erzählt Merkel grinsend. „Und jetzt sind sie alle ein bisschen neidisch.“

Auf das heutige Halbfinale gegen Kroatien ist der 58-Jährigel bestens vorbereitet: „Ich gucke jeden Tag im Videotext, ob es Neuigkeiten zum Fußball gibt, einen Computer oder ein Smartphone brauche ich nicht.“ Und nach dem Studium dieser Nachrichten und dem Schauen zahlreicher WM-Partien kommt Merkel zu dem Schluss: „Kroatien ist machbar. Denn das ist die beste englische Mannschaft seit Jahren. Und gegen Schweden haben wir bewiesen, dass nicht nur Harry Kane treffen kann.“

Die heutige Partie schaut sich Merkel „bei einem guten Fläschchen Wein oder Sekt“ daheim mit seinen drei Hunden Snoopy, Angel und Krümel an. „Und wenn wir gewinnen sollten, dann befestige ich auch noch ein England-Fähnchen am Auto.“

Es geht um den Titel – und ein Treffen mit der Queen

Und was passiert, wenn sein Team sogar den Titel holt? „Dann rastet die Insel aus“, ist Merkel sicher, „und anschließend werden alle Spieler von der Queen eingeladen und bekommen einen Orden.“

Allerdings haben die Engländer mindestens noch 180 Minuten vor der Brust, ehe es heißen könnte: Football‘s coming home, der Fußball kommt nach Hause. Nach England – und ein bisschen auch nach Eving.