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Europa-Freund und Historiker Ian Kershaw wird 75

London. Ursprünglich ein Mittelalter-Fan, wurde der renommierte Geschichtsprofessor Ian Kershaw in den 90er Jahren einem breiten Publikum als Hitler-Biograf bekannt. Nun wird er 75.

Europa-Freund und Historiker Ian Kershaw wird 75

Ian Kershaw erhält wenige Tage nach seinem 75. Geburtstag die Karlsmedaille. Foto: Arno Burgi

Der glühende Europäer scheut sich nicht, politisch Stellung zu beziehen: etwa gegen den Ausstieg Großbritanniens aus der EU oder gegen Frankreichs Rechtsextreme.

Doch obwohl er einige oberflächliche Parallelen zwischen dem Populismus der 30er Jahre und heute sieht, schätzt er Deutschland als „friedfertigste Nation“ Europas. Nun wird Sir Ian Kershaw am 3. Mai, wenige Tage nach seinem 75. Geburtstag am Sonntag (29.4.), die Karlsmedaille für europäische Medien im Aachener Rathaus erhalten. Damit werden Menschen ausgezeichnet, die in besonderer Weise zur Herausbildung einer europäischen Identität beigetragen haben.

Geboren wurde Kershaw 1943 in eine typische Arbeiterfamilie in der Nähe von Manchester: Der Vater reparierte tagsüber Kampfflieger und spielte nachts in einer Tanzkapelle, die Mutter arbeitete in einer Baumwollspinnerei. In der Oberstufe entdeckte der junge Ian seine Leidenschaft fürs Mittelalter, promovierte darin in Oxford und kehrte als Geschichtsdozent an die Manchester-Uni zurück.

Doch auch Deutsch hatte es ihm seit der Schulzeit angetan; er lernte die Sprache am Goethe-Institut bei Frau Spät, wie er sich noch vierzig Jahre später erinnerte - eigentlich um die Geschichte der Bauernaufstände zu recherchieren. Doch 1968 und die Studentenrevolte kamen ihm dazwischen: Es faszinierte ihn, „wie Deutschland mit dem Vermächtnis des Krieges umging“, sagte er dem „Guardian“.

Als er den Sommer 1972 in München verbrachte, begegnete er einem früheren Nationalsozialisten. Dem „Guardian“ erzählte er 2011, was dieser ihm sagte: „Ihr Engländer, ihr wart so dumm, ihr hättet im Krieg auf unserer Seite sein sollen. Wir hätten die Bolschewiken besiegt und die Welt zwischen uns aufgeteilt.“ Kershaw war „völlig erschüttert“ und fragte sich, was in München damals vor sich ging.

Das war für ihn der Auslöser, sich ab 1974 nur noch auf moderne Geschichte und vor allem die Nazizeit zu konzentrieren - Kershaw sprach zu diesem Zeitpunkt schon fließend Deutsch. Kurz danach wurde er vom Historiker Martin Broszat (1926-1989) eingeladen, am großen Münchner Forschungsprojekt über die bayerische Gesellschaft unter dem Nationalsozialismus mitzuarbeiten, „Widerstand und Verfolgung in Bayern 1933-1945“.

Kershaw erinnerte sich auf der Geschichtsplattform „Making History“: „Sie begrüßten mich mit offenen Armen, als sie sahen, dass ich vorhatte, die öffentliche Meinung im Dritten Reich zu erforschen.“ Die systematische Erforschung der Alltagsgeschichte von Nazi-Deutschland steckte damals noch in den Kinderschuhen. Manche örtlichen Ämter öffneten ihre Türen und Dokumente zum ersten Mal: „Ich ging in mehrere Behörden, wo das Zeug noch nicht einmal in die Archive gebracht worden war. Es wurde einfach aus den Kellern geholt, wo es seit 1945 verkümmerte. Ich war manchmal der Erste, der es sah.“

Die Ergebnisse wurden 1983 veröffentlicht. Zu dieser Zeit interessierte sich Kershaw schon mehr für die Machtstrukturen, sagte er dem „Guardian“, „und ich konnte nicht die Augen davor verschließen, dass Hitler der bestimmende Charakter war.“

In seinem monumentalen Schlüsselwerk, der zweibändigen Biografie Adolf Hitlers (1998 und 2000), verbindet er zwei Konzepte zum Verständnis des Nationalsozialismus: zum einen den Führerkult und zum anderen die Vorstellung, dass der gesamte Verwaltungsapparat daran arbeitete, Hitlers Wünsche zu interpretieren. „Die Leute mutmaßten, was er wollte“, erklärte Kershaw im „Guardian“. „Er musste nicht alles anordnen.“

Der Fall der Mauer ermöglichte ihm Zugang zu Goebbels Tagebüchern in Moskau - eine wichtige Quelle für Kershaw. Denn, so sagte er im Kulturmagazin „Eurozine“, sie seien „über lange Zeit ein fortlaufender Kommentar zu Hitlers eigenen Gedanken und Handlungen“.

2011 beschrieb er in „Das Ende“ den Untergang Hitler-Deutschlands - das letzte Buch, das er über die Nazis schreiben wolle, vertraute er dem „Guardian“ an. „Ich wollte fragen, wie das Regime so lange weiter funktionieren könnte. Das war die letzte Herausforderung.“

In seinem letzten Werk „Höllensturz“ analysiert der inzwischen emeritierte Professor der Universität Sheffield die europäische Geschichte vom Vorabend des Ersten Weltkriegs bis zum Beginn des Kalten Krieges. Dem ungemein produktiven Historiker wurde 1994 das Bundesverdienstkreuz verliehen - eine Auszeichnung, die er nach eigenen Worten besser fand als den „neo-feudalen“ Ritterschlag der britischen Königin 2002.

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