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Experte fordert Offenlegung geheimer Pestizid-Studien

Wien. Die Debatte über Pestizide bekommt Schwung. Bienenschädliche Insektengifte sollen auf den Feldern in der EU nicht mehr eingesetzt werden. Deutschland rückt vom Glyphosat ab. Experten wollen, dass sich die Industrie mehr in die Karten schauen lässt.

Experte fordert Offenlegung geheimer Pestizid-Studien

Ein Landwirt versprüht Pflanzenschutzmittel auf einem Feld mit jungem Getreide im brandenburgischen Sieversdorf. Foto: Patrick Pleul

Ein Experte fordert im Streit um die Wirkung von Pestiziden auf den Menschen mehr Offenheit von der Industrie. Fast alle Studien der Konzerne seien geheim und nur den Behörden im Genehmigungsverfahren zugänglich.

Das kritisierte der Pestizid-Experte an der Universität für Bodenkultur in Wien, Prof. Johann Zaller. „Der unabhängigen Überprüfung durch die Wissenschaft und durch die allgemeine Öffentlichkeit bleiben sie verborgen.“ Beim höchst umstrittenen Herbizid Glyphosat behaupteten die im Detail geheimen Studien dessen Ungefährlichkeit, sonstige Forschungen sähen aber eine krebserregende Wirkung. „Wenn der Stoff schon unschädlich ist, sollte die Industrie ihre Studien offenlegen“, sagte Zaller der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Die Industrie verweist demgegenüber auf neue Möglichkeiten, Studien einzusehen. So sei im Zusammenhang mit der Diskussion um Glyphosat ein „virtueller Leseraum“ mit Zugang zu Studien eingerichtet worden, sagt der Sprecher des Industrieverbands Agrar, Martin May. „Die großen führenden Unternehmen bemühen sich um weitgehende Transparenz, auch über die gesetzlichen Anforderungen hinaus.“ Es gebe aber Rücksichten auf schützenswerte Betriebsgeheimnisse und den Datenschutz.

Aus Sicht von Zaller ist es generell ein großes Problem, dass nur der Wirkstoff, aber nicht dessen Beimischungen im Produkt auf Gefährlichkeit untersucht würden. „Die Beistoffe, die zum Beispiel die Haftfähigkeit auf Pflanzen verbessern sollen, sind möglicherweise schädlicher als der Wirkstoff selber.“ Überhaupt nicht getestet würden die Wechselwirkungen mit anderen Stoffen, so Zaller. In der EU seien 270 Wirkstoffe in Pestiziden zugelassen. Von den in Deutschland erhältlichen 1200 Pflanzenschutzmitteln enthielten mehr als 100 Glyphosat.

Angesichts der wachsenden Resistenzprobleme bei der Bekämpfung sogenannter Unkräuter gebe es erste Tendenzen, alte Mittel wieder aus der Schublade zu holen. In den USA, wo Glyphosat nicht mehr wie erhofft wirke, werde nun ein Bestandteil des aus dem Vietnam-Krieg bekannten Entlaubungsmittels Agent Orange einem Produkt beigemischt.

Die von Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) angestoßene Debatte um Pestizide sei ein wichtiger erster Schritt, meinte Zaller. Ein Glyphosat-Verbot in Parks und Gärten dürfe aber nicht an der grundsätzlichen Frage vorbeiführen: „Wollen wir wirklich so weitermachen?“ Es gebe Alternativen zum Einsatz der Chemie. So werde in der Schweiz nun ein autonomer Roboter auf Kartoffel-Feldern getestet, der autonom rund um die Uhr Unkraut jäte. „Das ist so ähnlich wie der autonome Rasenmäher“, so der Experte.

Von Grenzwerten bei Pestiziden und deren Einhaltung sollten sich die Verbraucher nicht täuschen lassen. „In den vergangenen Jahrzehnten wurden die Rückstandsgrenzwerte in vielen Fällen sukzessive angehoben.“ Beim Anbau gentechnisch veränderten Sojas sei inzwischen die 200-fache Menge an Glyphosat-Rückständen in den Bohnen erlaubt.

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