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Flüchtlinge: Kaminers kleine Szenen zu einem großen Thema

Berlin. Über Russen und Deutsche, seine Familie, Schrebergärten und Staubsauger hat Wladimir Kaminer viele amüsante Geschichten erzählt. Jetzt wendet sich der Berliner Erfolgsautor einem ernsteren Thema zu. Viel zum Schmunzeln und zum Lachen gibt es dennoch wieder.

Flüchtlinge: Kaminers kleine Szenen zu einem großen Thema

Der Schriftsteller Wladimir Kaminer erzählt in seinem neuen Buch von Flüchtlingen und Einheimischen. Foto: Uwe Zucchi

Er hatte es schon länger angekündigt.

„Ich möchte über Deutschland im Umbruch schreiben. Die Hauptrolle werden die Flüchtlinge spielen, weil sie Deutschland zu einer Projektionsfläche machen für so viele Träume von einem besseren Leben“, sagte Wladimir Kaminer im Sommer 2016 dem TV-Sender 3sat über sein nächstes, stärker als bei ihm gewohnt politisches Buch.

Damals war die „Flüchtlingskrise“ das alles und alle beherrschende Thema. Der russischstämmige deutsche Erfolgsautor und Entertainer („Russendisko“, „Mein Leben im Schrebergarten“, „Meine Mutter, ihre Katze und der Staubsauger“) hatte für sein neues Projekt daher schon früh „einen super Titel: „Ausgerechnet Deutschland!“ Ein Land, das überhaupt nicht tauglich ist als Paradies für alle.“

Dieses Buch hat der Schriftsteller, der seit fast 20 Jahren Millionen Leser mit klugen, warmherzigen Schmunzelgeschichten - oft aus dem eigenen Leben als Ehemann, Vater und Familienmensch - versorgt, nun vorgelegt. Und zum Glück ist „Ausgerechnet Deutschland. Geschichten unserer neuen Nachbarn“ trotz des diesmal ernsteren Hintergrundes wieder ein typischer Kaminer geworden - mit Dutzenden kleinen Szenen zu einem großen Thema.

Voller Sympathie für die plötzlich in seinem brandenburgischen Dorf und im Berliner Kiez auftauchenden Asylbewerber, mit amüsierter Distanz zu manch fremden Gebräuchen und ganz ohne das Pathos vieler Integrationstheoretiker erzählt er im Plauderton: wie die Migranten „das beste Land in Europa“ suchen, um „ausgerechnet in Deutschland, einem Land der Ordnung und des Fleißes“, zu landen; und wie sie sich hier in absurden, aber auch ermutigenden Situationen zurechtfinden - mehr oder weniger.

„Begrüßen oder abschrecken? Die öffentliche Meinung teilte sich“, so beschreibt Kaminer gleich zu Beginn, noch ganz ohne augenzwinkernde Ironie, die Gegenpole jener historischen Monate 2015/16. „Die einen begrüßten die Ankömmlinge am Bahnhof und brachten ihnen ihre alten Decken, die anderen zündeten die Flüchtlingsunterkünfte an und demonstrierten gegen die Fremden.“

Und weil „die Syrer“ - die sich dann häufig als Afghanen oder Iraker entpuppen - für ihn „als Geschichtensammler eine große Bereicherung“ sind, macht sich Kaminer ans Werk. Er sammelt die „syreralistischen“ Begebenheiten aus seinem Umfeld und Freundeskreis, schreibt sie teilweise zum Schreien komisch auf, leitet daraus aber auch viel Ernsthaftes und Allgemeingültiges über Deutschland als unwahrscheinliches Exil- und Gastland ab.

Manche Passagen des kurzweiligen Buchs mit dem Wasserpfeife rauchenden Gartenzwerg auf dem Cover kokettieren durchaus mit Elementen der politischen Unkorrektheit. Etwa wenn Kaminer die notorische Unpünktlichkeit vieler Flüchtlinge, syrische Familienverhältnisse („schwer zu verstehen“), Pass-Betrügereien oder Pascha-Gehabe männlicher Asylbewerber karikiert. Aber er macht sich eben auch über vermeintlich selbstlos hilfsbereite Deutsche lustig: „Es sah fast danach aus, als würden die Einheimischen ihre Keller auf Kosten der Flüchtlinge entrümpeln.“

Kaminers grundsätzliche Menschenfreundlichkeit offenbart sich gleichwohl immer wieder in den skurrilen Alltagsszenen aus Brandenburg, Berlin und von seinen Lesereisen durch die sich verändernde Republik. Noch klarer wird diese unzweifelhaft humane Haltung, wenn der seit 1990 in Deutschland lebende geborene Moskauer über seine eigene Vergangenheit als junger Asylbewerber erzählt. Oder wenn er sich massiv ärgert über die von staatlicher Propaganda angeheizte Flüchtlingsfeindlichkeit vieler Russen der Putin-Ära.

Wärme sei „das wertvollste Gut, das wir Menschen weitergeben können“, betont Wladimir Kaminer im Epilog seines neuen Buchs. Am Schluss schreibt der 50-Jährige außerdem ahnungsvoll, „es kursierten bereits Gerüchte im Dorf, bald würden neue Flüchtlingswellen erwartet, und wir würden möglicherweise neue Syrer bekommen. Diesmal wahrscheinlich aus Afrika.“ Das wäre dann wohl genug Stoff für „Ausgerechnet Deutschland, Teil 2“.

- Wladimir Kaminer: Ausgerechnet Deutschland: Geschichten unserer neuen Nachbarn. Goldmann Verlag, München, 240 Seiten, 13,00 Euro, ISBN 978-3442487011.

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