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Filmemacher dreht Langzeit-Doku über Haltern

Nach Germanwings-Katastrophe

Eine Frage stellt sich Filmemacher Michael Harkämper momentan häufig: Wie verkraftet eine Stadt wie Haltern die Germanwings-Katastrophe? Abschließende Antworten hat der freie Produzent, der eine Langzeit-Dokumentation über Haltern im Jahr eins nach dem Flugzeugabsturz dreht, noch nicht gefunden.

HALTERN

, 08.08.2015

Als am Nachmittag des 24. März klar wurde, dass die Seestadt in besonders tragischer Weise von dem Unglück betroffen ist und Journalisten aus der ganzen Welt hierher strömten, blieb Michael Harkämper zuhause. Obwohl es nach der schrecklichen Nachricht vom Tod der 16 Halterner Schüler und der zwei Lehrerinnen nur eine Stunde dauerte, bis er die erste Idee für seine Dokumentation hatte.

„Ich habe mich direkt gefragt, ob man das thematisch nicht gegen den Strich anpacken kann“, so der 59-jährige Kölner. Er wolle einen anderen Weg wählen, als viele seiner Berufskollegen. „Ich wollte nicht sofort rausfahren, um möglichst nah an die Menschen und ihr Leid heranzukommen. Ich habe mir gesagt, dass man sich Zeit nehmen muss. Und dass man Zeit vergehen lassen muss.“

Dreh mit RTL-Chefmoderator Peter Kloeppel 

Wobei Themen, die hochsensibel sind, dem Produzenten nicht fremd sind: „Das Emotionale, das Bewegende – das hebe ich schon gerne hervor. Aber ich stehe dafür ein, dass ich das seriös angehe, integer, behutsam und vorsichtig.“ Michael Harkämper begleitete in der Vergangenheit beispielsweise eine Familie, die ihre im Wachkoma liegende Mutter zuhause pflegt. Und er drehte mit RTL-Chefmoderator Peter Kloeppel eine Dokumentation über die Starfighter-Affäre.

Dafür führte er Gespräche mit den Witwen der tödlich verunglückten Piloten. Deren Verlust liegt allerdings Jahrzehnte zurück, der Unterschied zu seiner Aufgabe in Haltern ist dem Dokumentaristen bewusst. Er merkt: Wenn er hier mit der Kamera unterwegs ist, spürt er auch Skepsis. „Die Leute denken, jetzt geht der Rummel von vorne los und die Fernsehleute wollen ,Blut und Tränen‘. Aber das ist nicht unser Begehr.“

Rückweg in den Alltag 

Der Kölner will nicht nur an der Oberfläche kratzen, er will im Laufe eines Jahres zeigen, wie sich Haltern durch das Unglück verändert hat – und wie der Rückweg in den Alltag möglich ist. „Viele meiner Interviewpartner haben mir gesagt, dass sie damit absolute Schwierigkeiten haben: Wie begegnet man jemandem, der sein Kind verloren hat und den ich jetzt auf dem Sportplatz oder beim Singen wieder treffe?“

Zu Michael Harkämpers Arbeitsweise passt es, dass er erst vier Wochen nach dem Absturz nach Haltern kam – alleine, ohne Kamera. Er schlenderte durch die Innenstadt, machte einen Stopp am Joseph-König-Gymnasium. Sein Eindruck: „Ich fand es beklemmend. Alles wirkte gedämpft, wie unter einer Glocke.“

Mehrfach in Haltern gedreht

Jetzt, über vier Monate nach dem Absturz, hat Harkämper bereits mehrfach in Haltern gedreht. Er lernte die Stadt kennen, baute Vertrauen zu Menschen auf, die er für seine Dokumentation interviewen möchte. Er sprach mit dem Bürgermeister, einer Bestatterin, dem Präsidenten der Schützengilde, drei Trauerbegleiterinnen, dem Leiter der Lokalredaktion der Halterner Zeitung. Wollte wissen, was Haltern für sie ausmacht, wie sich die Stadt verändert hat.

Und er fragte seine Interviewpartner nach ihrem Erleben der ersten Tage und Wochen nach der Katastrophe. Sein Eindruck: „Es fällt auf, dass alle Gesprächspartner ins Stocken geraten, wenn es um den Absturz geht. Da ist immer erst Stille und in sich Hineinhören angesagt.“ Oft hätten die Gesprächspartner über ihre eigenen Kinder gesprochen. „Da spürt man schnell eine Beklemmung, die man auch an sich selbst wahrnimmt. Es ist ein hochsensibles Feld.“

Schwieriger Kontakt

Der Filmemacher würde auch gerne mit den Eltern der Opfer sprechen. „Ich habe schon Briefe geschrieben, bisher sind sie unbeantwortet geblieben.“ Dass der Kontakt schwierig ist, weiß der 59-Jährige. „Wie geht man das an? Wann ist es zu früh, einen Hinterbliebenen anzusprechen? Das lässt sich nicht bemessen, das ist sehr individuell.“ Seine Hoffnung: Mit der Zeit entsteht vielleicht bei einigen Angehörigen der Wunsch, über die Situation zu reden.

Unabhängig von weiteren Gesprächspartnern – bis März nächsten Jahres, nach über 20 geplanten Drehtagen, will Michael Harkämper Antworten auf seine Fragen gefunden haben: Selber geben wird er sie jedoch nicht. Das bleibt den Protagonisten überlassen, die der Filmemacher bis dahin noch mehrfach befragen wird. Nur sie sollen zu Wort kommen. Nur sie können – vielleicht – Antworten finden.

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