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Irgendwann ist die Gegenwart weg

Dr. Ott: Demente brauchen viel Nachsicht

30.05.2007

Haltern Wie verhalten wir uns im Umgang mit chronisch verwirrten Menschen richtig? Dr. Karl Ott konnte den Zuhörern im Josefshaus am Dienstagabend kein Patentrezept ausstellen. «Wir brauchen Kreativität», sagte der Ärztliche Direktor des Gertrudis-Hospitals Westerholt, «und eine Engelsgeduld. Aber niemand hat sie. Jedenfalls nicht immer.» Wie schon vor einer Woche referierte der Mediziner auf Einladung des Caritasverbandes zwei Stunden lang und niemand der Zuhörer empfand das als Zumutung. Ganz im Gegenteil. Weil Dr. Ott aus privater und beruflicher Erfahrung berichtete, empfahl er sich mit Glaubwürdigkeit und einer Nähe, die ihm viel Sympathie eintrug. Das Gedächtnis eines Verwirrten, so Dr. Ott, wird wie ein Bücherregal, in dem immer mehr Bände fehlen. Die Bibliothek im Kopf gerät in Unordnung. «Zuerst verlieren die Erkrankten die Namen, dann die Zahlen, dann die Zeit und irgendwann ist die Gegenwart weg» beschrieb Dr. Ott den geistigen Zustand. Der Kranke lebe in einer anderen Zeit, erkennt seine erwachsenen Kinder nicht mehr («weil sie anders aussehen als früher»). «Denn Demente leben in imaginären Welten, die ausschließlich mit der Vergangenheit zu tun haben.» In dieser Situation sei es wichtig, den Angehörigen dort aufzuspüren, wo er sich gerade aufhält. Dabei sei die Kenntnis seiner Biografie besonders hilfreich. «Demente können nur selten in unsere Welt zurückkehren», sprach Dr. Ott eine brutale Wahrheit aus. Daraus resultiert auch, dass Demente sich keine Gedanken mehr um ihre Angehörigen machen. Gleichzeitig entwickelt sich bei dem Patienten die Gewissheit, dass er selber alles richtig macht und vor allem gesund ist. «Demente kämpfen um den Erhalt ihrer Identität.» Es mache wenig Sinn, die Fehler aufzudecken, das führe sie nämlich in die Bankrotterklärung. Jeder demente Mensch sei wesentlich sensibler als der gesunde. Deshalb empfahl Dr. Karl Ott, vor allem Ruhe mitzubringen und sich nie entmutigen zu lassen. Und bat, dem dementen Menschen nach Möglichkeit Individualität, Würde und Selbstachtung zu belassen. «Da gehört Großherzigkeit dazu.» Aber er riet gleichzeitig den Angehörigen, sich selbst zu schützen. «Holen Sie sich Hilfe.» esc

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