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Heinz Budes Sicht auf 1968

Berlin. Welche Bedeutung hat die Studenten- und Jugendrevolte von 1968 in der deutschen Nachkriegsgeschichte und was ist von ihr geblieben? Der Soziologe Heinz Bude versucht es mit seinem kleinen Buch „Adorno für Ruinenkinder - Eine Geschichte von 1968“, West, wohlgemerkt.

Heinz Budes Sicht auf 1968

Etwa 3000 Personen, meist Studenten, nahmen 1968 an der Internationalen Vietnam-Konferenz in Berlin teil. Foto: Volkmar Hoffmann

Nach dem damaligen Studentenführer Rudi Dutschke ist eine zentrale Straße in Berlin benannt, und der „68er Protestsänger“ Bob Dylan ist inzwischen Nobelpreisträger. Dutschke wurde auf dem Höhepunkt der Hochschul- und Vietnamdemonstrationen am 11. April 1968 auf dem Berliner Kurfürstendamm niedergeschossen.

Seither gelten die Ereignisse vor 50 Jahren - auch in Frankreich und in den USA - als Zäsur in der Nachkriegszeit. Heinz Bude ist 1968 mit 14 Jahren bei der ersten Demonstration seines Lebens (in Wuppertal) mitgelaufen, die gegen die gewaltsame Niederschlagung des Prager Frühlings durch russische Panzer protestierte. Für manche waren diese Panzer schon damals „das Ende von 68“.

In seinem jetzt erschienenen Buch „Eine Geschichte von 1968“ (hier eher eine kurze Geschichte) mit dem Titel „Adorno für Ruinenkinder“ (Hanser Verlag) haben „die 68er“ ihre gewichtige „Rolle im Familienroman der Bundesrepublik“ gefunden, unabhängig von Misserfolgen oder gelungenen Reformen der Gesellschaft. Wichtig sei das kollektive Gefühl der Befreiung gewesen, meint der Soziologe Bude, vor allem von verkrusteten und autoritären Strukturen in Familie, Schule und Politik, beispielhaft an den Hochschulen festgemacht mit der Parole „Unter den Talaren der Muff von 1000 Jahren!“.

Das Wort „Gesellschaft“ tauchte damals im allgemeinen Sprachgebrauch erstmals auf. Das Wort des Philosophen Theodor W. Adorno („Minima Moralia“) von der „natürlichen Gewalt der Gesellschaft“ wurde für viele der „Jungrevolutionäre“ zur Grundlage ihrer Auflehnung („Legal, illegal, scheißegal!“). Bude erinnert aber in diesem Zusammenhang auch an Adornos scheinbar paradoxe Warnung, die er den jungen Menschen mit auf den Weg gab, wonach es umso schwerer sei, sich in der Gesellschaft zu engagieren, „je mehr man von der Gesellschaft versteht“, was in der Tat später viele wieder resignieren ließ.

Zwar hätten viele das spätere „rot-grüne-Projekt“ als „zweite Chance der 68er“ angesehen, meint Bude, das habe es in anderen Ländern auch nicht gegeben, doch hätten Kritiker auch die Hinwendung von Rot-Grün zum Neoliberalismus bis hin zur Öffnung der Finanzmärkte als Verrat der 68er Ideale verstanden. Damit endete der „lange Marsch durch die Institutionen“ wieder in einer Sackgasse, die aber für manche der einstigen 68er Protagonisten auch „Privilegien des Establishments“ bereithielt.

Budes Buch ist nach eigenen Angaben ein „Remix“ früherer Gespräche mit Zeitzeugen, die er Ende der 80er Jahre geführt hat und die er geschickt in die Gegenwart führt und mit aktuellen Bezügen und Reflexionen verbindet. Die „klassischen 68er“ sind heute zwischen 70 und 80 Jahre alt, denen die Altersgenossen und Wegbegleiter „links und rechts wegsterben“. Ihnen bescheinigt Bude rückblickend einen „erstaunlichen Mut“, alles in Frage zu stellen, für Bude möglicherweise sogar zum letzten Mal für einen kurzen Moment der Geschichte, verbunden mit der uralten Sehnsucht nach einem selbstbestimmten Leben, „das man aushält“.

Also nicht Weltveränderung, sondern „Selbstveränderung“, wie es einer der damaligen Akteure ausdrückt. Die Musik der Beatles und der Rolling Stones oder von Bob Dylan habe dabei eine große Rolle gespielt. Das West-Berliner Nachtleben zum Beispiel war in den 70er Jahren auch von diskutierfreudigen Intellektuellen und Künstlerrunden in legendären Treffs wie „Dschungel“, „SO 36“, „Exil“ oder „Paris Bar“ geprägt mit streitlustigen Gästen wie Max Frisch, David Bowie, Heiner Müller und Rainer Werner Fassbinder.

Nach der zwischenzeitlichen „Generation Golf“ setzt Bude heute etwas sehr optimistisch auf die Enkel der oft vaterlosen Generation der 68er, „die jungen Bernie-Sanders-Jeremy Corbyn-Jean-Luc Mélenchon-Anhänger, die weder die Kandidatin des Finanzkapitals noch den Kandidaten des Hasses wählen wollen“. Für sie finde die politische Willensbildung vor allem im Netz statt. Den jüngsten Facebook-Skandal konnte Bude dabei noch nicht im Blick haben. Eine Generation, deren Lage nach Ansicht des Autors heute weitaus schwieriger ist als die der 68er damals.

- Heinz Bude: Adorno für Ruinenkinder - Eine Geschichte von 1968, Hanser Verlag, München, 128 Seiten, 17,00 Euro, ISBN 978-3-446-25915-7.

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