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Heynckes' „Abenteuer“ ohne Triple-Krönung

Madrid. Trauer, Leere und deutliche Fehleranalyse. Der FC Bayern verpasst es, „das große Real in den Abgrund zu stoßen“. Jupp Heynckes gelingt das Triple-Revival nicht. Ein Bayern-Boss rühmt die Mannschaft. Und in einer bewegenden Kabinenansprache wird ein finaler Auftrag erteilt.

Heynckes' „Abenteuer“ ohne Triple-Krönung

Bayern-Profi Joshua Kimmich war nach dem Abpfiff enttäuscht. Foto: Andreas Gebert

Der große Jupp Heynckes rang nach dem dramatisch knapp verpassten europäischen Krönungsfinale mit feucht schimmernden Augen um Fassung.

Und auch auf dem Heimflug nach München herrschte im Charterflieger des FC Bayern weiter eine große Leere beim Trainer, den Spielern um den untröstlichen Torwart Sven Ulreich und den Bossen. „Leider sind wir nicht im Endspiel. Das bedeutet für meine Spieler und für mich eine große Enttäuschung“, sagte Heynckes nach seinem allerletzten Champions-League-Spiel, das eine finale Zugabe absolut verdient gehabt hätte. „Das 2:2 bedeutet für uns eine Niederlage“, sagte Heynckes nach dem bewundernswerten und glücklosen, aber eben auch zu fehlerhaften Halbfinalkampf gegen Real Madrid.

Heynckes hielt noch im Estadio Santiago Bernabéu eine bewegende Kabinenansprache, wie Anwesende berichteten. Er rühmte seine „Truppe“, mit der er die Zeit zurückdrehen und das einzigartige Triple von 2013 wiederholen wollte. „Ich habe den FC Bayern in der Verfassung, in der Form schon viele Jahre nicht mehr gesehen“, sagte der Coach nach 97 Minuten „Fußball vom Feinsten, Fußball, den man selten in Europa sieht“. Beim Bankett im Teamhotel pries Karl-Heinz Rummenigge die paralysiert zuhörenden Spieler in seiner Rede. „Wenn ich einen Hut aufhätte, würde ich ihn ziehen und mich vor der Mannschaft verneigen.“ Die Edelfans applaudierten. Morgens um 5.00 Uhr riss auch noch ein Feueralarm den Bayern-Tross aus dem Schlaf.

Ein Törchen fehlte gegen die Königlichen um den Ex-Münchner Toni Kroos, die am 26. Mai in Kiew den dritten Königsklassen-Triumph nacheinander anpeilen. Vielleicht war es aber auch ein Fehler zu viel, den sich die Bayern beim fünften Königsklassen-K.o. in Serie gegen eine spanische Mannschaft erlaubten. „Wir müssen uns natürlich auch die Frage stellen, was machen wir in diesen Spielen falsch?“, sagte Kapitän Thomas Müller - und gab die Antwort gleich selbst. „Es liegt nicht an irgendwas Grundsätzlichem, dass es nicht reicht. Das Einzige, was sich in den letzten Jahren wiederholt in den Spielen, in denen wir ausscheiden: Wir machen zu viele deutliche individuelle Fehler, ob es verschossene Elfmeter sind, ob es Rote Karten sind.“

Im Hinspiel hatte Abwehrspieler Rafinha den Überlebenskünstlern von Real ein Torgeschenk zum 1:2 gemacht. In Madrid war es Ulreich, der sich bei der Schlüsselszene zum erneuten 1:2 Sekunden nach der Pause einen „Blackout“ leistete, wie Heynckes schilderte. Den „unnötigen“ Rückpass von Corentin Tolisso habe Ulreich wohl erst mit den Händen aufnehmen wollen. Dann sei er „konfus geworden“, patzte, und Reals Doppeltorschütze Karim Benzema überstrahlte ausnahmsweise sogar den wie Robert Lewandowski in beiden Spielen torlosen Cristiano Ronaldo.

Vor über 80.000 Zuschauern konnten die Bayern nach Joshua Kimmichs frühem 1:0 trotz vieler Torschüsse nur noch einmal durch den starken James Rodríguez erfolgreich zurückschlagen. „Das ist sehr bitter für den Spieler“, sagte Heynckes über Ulreich, der aus dem Stadion wegen einer langwierigen Dopingkontrolle wortlos verschwand. „Es tut mir leid...für mein Team und für euch Fans“, schrieb der 29-Jährige am Mittwoch bei Instagram. Den Fehler könne er sich „nicht erklären“.

Ulreich habe „eine ganz tolle Saison gespielt“, erklärte Heynckes. Ein Manuel Neuer ist Ulreich aber nicht. Weltmeister Mats Hummels urteilte deutlich: „Natürlich ist es auch Unvermögen, wenn man jetzt vor allem jeweils das 1:2 für Real sieht in beiden Spielen.“ Heynckes verwies auf den Mann im anderen Tor, Reals Retter Keylor Navas: „Der gegnerische Torwart hat heute wirklich mitgespielt.“

Hummels berichtete vom kurzen Wortwechsel mit Weltmeister-Kollege Kroos. „Toni hat nach dem Spiel zu mir gesagt, Mats, das Ding haben nicht wir gewonnen, das habt ihr euch selber zuzuschreiben, dass ihr nicht im Finale seid. Und da hat er leider recht damit.“

Hinten patzten die Bayern fatal. Vorne fehlten in beiden Spielen zu häufig „Zentimeter“, wie es Hummels ausdrückte. Heynckes nannte die Chancenverwertung einen „Kritikpunkt“, den er akzeptieren müsse. Den seit sechs Meisterjahren national nicht geforderten Bayern fehlt im Bundesliga-Alltag anscheinend der Stressfaktor großer Spiele.

„Wir sind alle ein Stück traurig, weil es heute einfach möglich war, das große Real in den Abgrund zu stoßen“, haderte Rummenigge beim Bankett. Trotzdem war der Vorstandsboss auch stolz. „Wir haben das beste Spiel in der Champions League gesehen, das ich in den letzten fünf Jahren mit Bayern München erlebt habe. ich glaube, nicht nur Bayern, sondern Deutschland und die ganze Fußballwelt wird unserer Mannschaft und unserem Cheftrainer Jupp Heynckes mit seinem Gespann höchsten Respekt und höchstes Lob zollen“, sagte Rummenigge.

Heynckes machte das Fehlen von fünf Topspielern (Neuer, Boateng, Robben, Vidal, Coman) mitverantwortlich für das vierte Scheitern im Halbfinale seit 2013. Gerade in der Offensivabteilung habe er „nichts mehr zum nachlegen“ gehabt - abgesehen von Sandro Wagner.

Für Heynckes war es das letzte internationale Spiel. „Ich weiß, es ist endgültig, dass ich nie mehr auf die Trainerbank zurückkehre bei einem Champions-League-Spiel. Und ich finde, das ist auch gut so“, sagte Heynckes, der im vergangenen Oktober nach der Trennung von Carlo Ancelotti noch einmal beim FC Bayern eingesprungen war: „Ich denke, nicht viele gehen mit 72 Jahren noch solche Abenteuer ein.“

Dieses ist noch nicht beendet. Es war der Coach selbst, der den Blick gleich nach vorne richtete, auf das letzte Saisonspiel am 19. Mai gegen Eintracht Frankfurt mit seinem Nachfolger Niko Kovac, auch wenn das in der Trauernacht von Madrid noch nicht in die Köpfe der Profis vordrang. „Jupp hat sich in der Kabine bei den Spielern bedankt. Das war sehr emotional. Und er hat noch etwas Wichtiges gesagt: Wir haben zwar nicht das Champions-League-Finale erreicht, aber wir haben noch ein Finale im Pokal in knapp zweieinhalb Wochen“, sagte Rummenigge.

So endete die nächste glücklose Madrid-Reise mit einem finalen Auftrag des Vorstandsvorsitzenden an die Heynckes-Bayern in Berlin. „Ich glaube, es ist jetzt in unserer Verantwortung und das Ziel, dass wir zumindest das Double gewinnen und mit diesem Halbfinale heute eine Saison abrunden, die ihresgleichen sucht.“

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