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Kolumbien: Rechter Newcomer und linker Veteran in Stichwahl

Bogotá. Auf der ganzen Welt wird Kolumbien für das Abkommen mit den Rebellen bejubelt, daheim aber ist es aber äußerst umstritten. Bei der Abstimmung über den neuen Präsidenten geht es um die Zukunft des Friedens: Die Kolumbianer haben die Wahl zwischen zwei Extremen.

Kolumbien: Rechter Newcomer und linker Veteran in Stichwahl

Der konservative Kandidat Ivan Duque von der rechten Partei Centro Democrático ging in der ersten Runde der Präsidentenwahl mit 39,14 Prozent als Sieger hervor. Foto: Fernando Vergara

Der konservative Anwalt Iván Duque und der Ex-Guerillero Gustavo Petro sind als Sieger aus der ersten Runde der Präsidentschaftswahl in Kolumbien hervorgegangen. Der Erfolg der beiden Bewerber, die unterschiedlicher kaum sein könnten, lässt tief blicken.

Am 17. Juni haben die Kolumbianer nun die Wahl: Sie stimmen bei der Stichwahl nicht nur über den künftigen Staatschef ab, sondern auch über die Zukunft des Friedensprozesses in dem einstigen Bürgerkriegsland.

Kolumbien ist tief gespalten: Zwischen jenen, die den Friedensvertrag mit den linken Farc-Rebellen für eine Kapitulation vor skrupellosen Schwerverbrechern halten und jenen, die in dem Abkommen den einzigen Ausweg aus Leid, Tod und Zerstörung sehen. Der künftige Präsident des südamerikanischen Landes wird diesen Riss kitten und die kolumbianische Gesellschaft versöhnen müssen.

Duque von der rechten Partei Centro Democrático erhielt in der ersten Wahlrunde am Sonntag 39,14 Prozent der Stimmen, sein stärkster Konkurrent Petro von der linken Bewegung Colombia Humana kam auf 25,08 Prozent. Präsident und Friedensnobelpreisträger Juan Manuel Santos durfte nach zwei Amtszeiten nicht erneut kandidieren.

Bei der Abstimmung ging es vor allem um die Zukunft des historischen Friedensabkommens mit der linken Guerillabewegung Farc. Der international bejubelte Friedensprozess ist in dem südamerikanischen Land selbst äußerst umstritten. Duque will den Vertrag in wesentlichen Punkten ändern und könnte die Ex-Rebellen damit zurück in den Untergrund treiben. Petro hingegen will an dem Abkommen festhalten und die Umsetzung beschleunigen.

„Wir sollten solidarisch sein mit den einfachen Rebellenkämpfern, die die Waffen niederlegt haben, aber wir müssen auch sicherstellen, dass die Verantwortlichen keine Verbrechen mehr begehen, die Wahrheit sagen und die Opfer entschädigen“, sagte Duque. Schon leichte Veränderungen an dem mühsam ausgehandelten Vertrag dürften die Farc vor den Kopf stoßen, die dem Staat bereits jetzt vorwerfen, seine Zusagen nicht einzuhalten.

„Wenn Duque die Wahl gewinnt, gerät der Friedensprozess in ernsthafte Schwierigkeiten“, sagt Adam Isacson vom Forschungsinstitut Washington Office on Latin America. „Er will Teile des Friedensvertrags ändern, die für die Farc unverhandelbar sind. Das birgt die Gefahr, dass die ehemaligen Kämpfer in den Dschungel zurückkehren.“

Auch Esperanza Cárdenas findet, dass der Staat zu seinen Zusagen stehen sollte: „Als Land haben wir uns dazu verpflichtet, den Vertrag mit den Farc zu erfüllen. Wenn wir das nicht tun, wird es uns teuer zu stehen kommen“, sagte sie vor der Stimmabgabe in der Hauptstadt Bogotá. Diana Almanza steht einige Meter hinter ihr in der Schlage. Sie macht sich Sorgen: „Wenn Petro gewinnt, könnte es hier wie in Venezuela werden, mit enteigneten Firmen und einer Diktatur.“

Nach mehr als einem halben Jahrhundert der Gewalt hatten die Regierung und die Farc den Bürgerkrieg im Herbst 2016 mit einem Friedensvertrag beigelegt. In dem Konflikt waren mehr als 220 000 Menschen ums Leben gekommen und Millionen vertrieben worden. Die Farc haben nun die Waffen niedergelegt und wollen künftig als politische Partei für ihre Ziele eintreten. Für ihre schweren Verbrechen haben sie nach dem Vertrag nur mit relativ milden Strafen zu rechnen. Zudem erhalten die Ex-Rebellen für zwei Legislaturperioden zehn Sitze im Kongress.

„Wir wollen einen sozialen Rechtsstaat für die Gesellschaft in all ihrer Vielfalt aufbauen. Wenn wir regieren, wird der Staat niemanden verfolgen, weil er anders denkt oder weil er sein Recht auf Opposition wahrnimmt“, kündigte der Zweitplatzierte Petro an. „Wir werden gewinnen und die Geschichte Kolumbiens neu schreiben.“

Zwar hat die Gewalt in Kolumbien seit dem Friedensvertrag deutlich nachgelassen, Experten erwarten in den kommenden Jahren ein solides Wirtschaftswachstum. Trotzdem sind viele Menschen mit dem Abkommen unzufrieden. „Welch ein Widerspruch. Der Krieg hat uns geeint und der Frieden spaltet uns“, sagte der unterlegene Präsidentschaftskandidat und frühere Chefunterhändler der Regierung, Humberto de la Calle.

Fraglich ist nun, für wen die Anhänger der ausgeschiedenen Kandidaten in der zweiten Runde stimmen. Der Ex-Bürgermeister von Medellín, Sergio Fajardo, kam immerhin auf 23,73 Prozent. Die Wähler des liberalen Mathematikprofessors dürften in der Stichwahl wohl eher zum linken Petro als zum rechten Duque tendieren.

Duque wiederum spielt es in die Karten, dass er sich nach dem Ausscheiden der moderaten Mitte-Kandidaten nun voll auf seinen linken Kontrahenten einschießen kann. Bereits seit Monaten versucht sein Team, Petro unter dem Schlagwort „Castrochavismus“ in die Nähe der sozialistischen Regierungen in Kuba und Venezuela zu rücken.

„Der künftige Präsident wird eine Menge ungelöster Probleme erben: die Umsetzung des Friedensvertrags mit den Farc, die andauernden Gespräche mit der kleineren Guerillaorganisation ELN und der Umgang mit den zahlreichen Flüchtlingen aus Venezuela“, sagt der Analyst der International Crisis Group, Kyle Johnson. „Bei dieser polarisierten Wahl steht der Frieden auf dem Spiel.“

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