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Kulturrevolution: Tunesien eröffnet „Kulturstadt“

Tunis. Die „Cité de la Culture“ war ein Prestigeprojekt des früheren Diktators Ben Ali. Es wurde von der Revolution überholt und eröffnet nach 16 Jahren Bauzeit. Nicht nur deswegen ist das Projekt umstritten in Tunesien.

Kulturrevolution: Tunesien eröffnet „Kulturstadt“

Die Cité de la Culture (Kulturstadt) wurde von der Revolution überholt und nun nach 16 Jahren Bauzeit eröffnet. Foto: Simon Kremer

Der Bau im Herzen von Tunis ist eine Mischung aus Pharaonenpalast, Klassizismus und Einkaufszentrum in Dubai. Wie ein Pokal ragt ein 65 Meter hoher Turm mit blau-grüner Glaskugel aus dem Komplex.

Der Blick geht von dort auf das Meer, hinunter auf die Flaniermeile im Zentrum der Hauptstadt, die sich in Richtung der historischen Altstadt mit ihren glatt gelaufenen Gässchen und den schmucken Pforten zieht, aber auch über die verwitterten Betonfassaden der 60er und 70er Jahre, die von Sonne und Meerwind angegriffen werden und um die sich niemand kümmert. Der Bau wirkt aus der Zeit gefallen - wie das ganze Projekt.

Schon unter dem früheren Diktator Zine el-Abidine Ben Ali kamen in den 90er Jahren Pläne für die „Kulturstadt“ auf, einen riesigen Kulturkomplex, in dem Film, Oper, Theater, Konzerte unter einem Dach vereint werden sollten. 2003 war der Baubeginn, Ende März wurde das Haus nach gut 16 Jahren Planungen und Bauzeit offiziell eröffnet. Nicht nur der sogenannte Arabische Frühling und der Sturz Ben Alis hatten das Projekt verzögert, sondern auch wirtschaftliche Probleme. Davon war bei der Eröffnung keine Rede.

„Das ist ein Stolz für ganz Tunesien, ein historischer Moment“, sagte Kulturminister Mohamed Zine el-Abidine, der schon unter Ben Ali in der Kommission tätig war, die das Projekt planen sollte. „Wir sehen die Errichtung eines ambitionierten Projekts für die zukünftigen Generationen.“

In einem Land wie Tunesien, das im gesamten Land gerade einmal ein gutes Dutzend Kinosäle hat, ist das Projekt, das etwa 130 Millionen Dinar (etwa 44 Millionen Euro) gekostet hat, tatsächlich ambitioniert. Zwei Kinos gibt es in der neuen „Cité de la Culture“, drei Theater, einen großen Saal für 1800 Zuschauer, ein Museum für zeitgenössische Kunst, Arbeitsräume und Produktionsstudios für Musiker und Filmemacher. Tunesien will bald selbst auch Ballett und Opernaufführungen ins Repertoire aufnehmen. Die Ankündigungen zur Eröffnung wirken bombastisch.

Staatspräsident Beji Caid Essebsi wird auf der Internetseite des Projekts mit einem Grußwort zitiert: Die Eröffnung sei ein Zeichen, dass Tunesien trotz aller Probleme auf dem Weg in die richtige Richtung sei. „Kultur ist kein Luxus, sondern lebenswichtig für jede freie und ambitionierte Gesellschaft.“

Doch bei Kritikern stößt unter anderem gerade der luxuriöse Bau auf Kritik, der im Inneren mit seinen Säulenhallen und Marmorböden eher einschüchternd wirkt. Tunesien kämpft seit der Revolution im Jahr 2011 mit großen wirtschaftlichen Problemen. Das Land wird von internationalen Geldgebern mit hunderten Millionen Euro gestützt. Immer wieder kommt es zu teils gewaltsamen Protesten und Demonstrationen gegen die Regierung.

Der Neubau soll jetzt aber der Hauptstadt, die in der Regel früh schlafen geht und ermüdet ist von den politischen Diskursen der letzten Jahre, neue Impulse geben. Nach acht Uhr abends ist im Zentrum von Tunis meist wenig los, die sonst überfüllten Straßen sind dann leer.

„Die Zeit ist für Tunesien da, einen kulturellen Übergang zu schaffen“, sagt der Autor Kamel Rihai, der die literarische Abteilung des Komplexes leitet. Das Zusammentreffen von bildender Kunst und Literatur, zusammen mit Musik und Film unter einem Dach, könne neue Dynamiken schaffen, hofft der Autor. „Wir brauchen eine kulturelle Revolution in Tunesien. Wir müssen Kinos, Theater und Literatur in einer angemessenen Form präsentieren.“

Aber die Meinungen gehen auseinander. Während die einen betonen, wie imposant und notwendig die neue Kulturstadt sei, verweisen die anderen auf die hohen Kosten und befürchten eine Kontinuität des alten Regimes. Künstler und Intellektuelle in Tunis fürchten, dass die Kultur- zu einer Geisterstadt werden könnte, wenn sich der erste Rummel gelegt hat. Die aktuellen Kinovorführungen sind kaum besucht.

Dabei verändert sich die Kulturszene in Tunesien allmählich, beobachtet Judith Mirschberger, die Leiterin des Goethe-Instituts in Tunis. „Die Kulturszene im Land dümpelt daher“, sagt sie. Gerade in den Regionen abseits der Hauptstadt gebe es kaum innovative Projekte. Aber mittlerweile entstehe eine Art Mäzenatentum, und auch die Filmszene habe sich zuletzt sehr positiv entwickelt.

„Die Herausforderung wird sein, nicht nur die alten Kader zu berücksichtigen, sondern auch die junge Szene einzubinden und Experimente zuzulassen“, sagt Mirschberger. Das Problem sei weniger, dass nicht genügend Geld für Kultur in Tunesien ausgegeben werde, sondern eher, wie das Geld verteilt wird. „Man setzt immer noch sehr stark auf die großen Festivals, auf Filmtage, das Jazzfestival in Karthago.“ Wenn es gelänge, dass die jungen Künstler ohne große Hürden die Probenräume nutzen dürften, dann könne das einen Mehrwert schaffen.

Momentan setzt Tunesien vor allem auf seine reiche Geschichte, auf Archäologie und repräsentative Aufführungen in antiken Stätten. Doch etwas tut sich in dem kleinen nordafrikanischen Land. Vor allem die Filmbranche konnte zuletzt mit Produktionen wie „Vent du Nord“ international für Aufsehen sorgen. Auf diesen frischen Wind hoffen auch die Macher der Kulturstadt.

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