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Am „Ghost Bike“ scheiden sich die Geister

Mahnmal für getöteten Radfahrer in Lünen

Radfahrer in Lünen stellen am Mittwoch ein „Ghost Bike“ an der Kurler Straße auf. Das Mahnmal für einen getöteten Radfahrer sorgt schon vorher für hitzige Diskussionen und Schuldzuweisungen. In Köln, Essen, Dortmund, Bonn und Aachen wollen am Abend mehrere Hundert weiße Radfahrer schweigend demonstrieren.

Lünen

, 16.05.2018
Am „Ghost Bike“ scheiden sich die Geister

Im Rahmen einer Gedenkfahrt für getötete Radfahrer wurden in Dortmund bereits „Ghost Bikes“ aufgestellt. Am Mittwoch kommt ein solches Rad in Lünen hinzu. Schaper (A) © © Schaper

Seit 2017 tauchen in Dortmund sogenannte „Ghost Bikes“ auf. Diese weiß lackierten „Geisterräder“ markieren Stellen, an denen Radfahrer im Straßenverkehr getötet worden sind. Nach dem schweren Unfall an der Kurler Straße vor zwei Wochen erhält nun auch Lünen ein solches Mahnmal – schon die Ankündigung entfachte eine nicht immer sachliche Diskussion, in der es um Schuld, Trauer und Verhaltensweisen ging. Zeitgleich finden in NRW Kundgebungen in Köln, Essen, Dortmund, Bonn und Aachen statt. Bei den so genannten „Ride of Silence“ wollen mehrere Hunderte weiß gekleideter Radfahrer demonstrieren.

Radfahrer in Lünen starb am 2. Mai

Rückblende: Ein 58 Jahre alter Mann war am 2. Mai in Lünen von einem abbiegenden Lkw erfasst und mehrere Meter mitgeschleift worden. Er starb noch an der Unfallstelle. „Das ist im Raum Dortmund der dritte ähnliche Unfall in einem halben Jahr“, sagt Jürgen Heidenreich, Sprecher des ADFC Lünen. „Viele Radfahrer sind von dieser Nachricht sehr betroffen.“

Heftige Anschuldigungen

Deshalb wollen sie am Mittwoch um 20.30 Uhr mit der Aufstellung des „Ghost Bikes“ ihre Anteilnahme mit den Angehörigen zum Ausdruck bringen. Gleichzeitig fordern die Aktivisten, neben dem ADFC Lünen unter anderem auch der Verkehrsclub Dortmund-Unna und die Initiative Velocity Ruhr, bessere Bedingungen für den Radverkehr, „damit es weniger verunglückte Radfahrer gibt und mehr Lüner das Fahrrad benutzen“.

Vor allem letztere Absicht stieß einigen Nutzern des sozialen Netzwerks „Facebook“ offenbar sauer auf. „Wie viele Radrambos gibt es, die es wirklich drauf anlegen?“, lautete ein Kommentar auf der Seite der Ruhr Nachrichten Lünen. „Ich hab’ dafür kein Mitleid übrig.“ Etwas pietätvoller formulierte es ein anderer Nutzer, der in dem Ghost Bike ein Mahnmal für jene Radfahrer verstanden haben will, die „meinen machen zu können, was sie wolle, ohne zu schauen quer über die Straße fahren oder, Kopfhörer im Ohr, bei Rot über die Ampel fahren“.

Natürlich gibt es auch jene, die die Schuld beim Lkw-Fahrer suchen. „Jeden Tag vergessen Menschen tausendfach, dass sie mit tödlichen Maschinen operieren und spielen mit den Leben Unbeteiligter“, schreibt einer. Eine Nutzerin appelliert: „Einfach mal als Verkehrsteilnehmer erkennen, dass es immer Stärkere und Schwächere gibt.“ Außerdem sehen einige die Stadt in der Pflicht: „Derzeit leben Fußgänger, aber vor allem auch Radfahrer extrem gefährlich, weil es an Infrastruktur fehlt und Städte ausschließlich für den Autoverkehr planen.“

Ein Argument, das auch Jürgen Heidenreich anführt: „Wenn ich es polemisch formulieren wollte, müsste ich sagen: Wir leben in einer Autokratie.“ Seit mehr als 30 Jahren setze er sich für Verbesserungen der Sicherheit im Radverkehr ein, doch immer wieder würde am Ende im Sinne der Autofahrer – und der Autoindustrie – entschieden. Denn die vom ADFC geforderten Verbesserungen gingen natürlich zulasten des Autoverkehrs: „Breitere Radwege bedeuten weniger Platz für parkende Autos, längere Grünzeiten für Radfahrer ziehen längere Wartezeiten für Autofahrer nach sich.“

Am „Ghost Bike“ scheiden sich die Geister

An der Kreuzung Preußenstraße/Kurler Straße soll das „Ghost Bike“ aufgestellt werden. © Foto: Claeßen

Dass es auch Radfahrer gibt, die sich nicht an die Verkehrsregeln halten, steht für Heidenreich außer Frage. „Natürlich fahren auch mal Radler bei Rot über die Ampel, genauso wie nicht jeder Autofahrer sich an die vorgeschriebene Geschwindigkeit innerorts hält.“

Gegenseitige Rücksicht

Dabei gebe es durchaus Möglichkeiten, die Situation ohne zusätzlichen Raumbedarf zu lösen – sagt zumindest Prof. Dr. Christian Holz-Rau von der Fakultät Raumplanung der TU Dortmund. „Wobei der eigentliche Skandal ja ist, dass die Autoindustrie die Systeme für Lkw nicht verbessert“, findet der Verkehrsexperte. Man setze alles daran, Autos selbstständig fahren zu lassen. „Stattdessen könnte man mit dem gleichen Eifer die Sicherheitswarnungen, die es ja bereits an einigen Lkw gibt, verbessern.“ Doch das habe anscheinend nicht so hohe Priorität.

Am „Ghost Bike“ scheiden sich die Geister

Der Radfahrer war vom Lkw beim Abbiegen erfasst und mehrere Meter mitgeschleift worden. © Foto: Claeßen

Grundsätzlich müsse es Ziel der Verkehrsplanung sein, den Radfahrer ins Sichtfeld der Auto- und Lkw-Fahrer zu holen. „Das kann einerseits durch deutlichere Markierungen der Radwege geschehen. Andererseits gibt es Spiegel, die man an besonders unübersichtlichen Stellen montiert.“ Die Stadt Münster habe dieses Mittel ausgiebig genutzt, Holz-Rau will mit Studenten nun auswerten, ob diese Maßnahme tatsächlich zur Verringerung der Unfallzahlen führt. Denn: „Der Abbiegeunfall ist so ziemlich der häufigste Fall, bei dem Radfahrer zu Tode kommen.“

Experte: Schuldzuweisungen sind unangebracht

Das Problem sei, so Prof. Dr. Christian Holz-Rau, dass Lkw-Fahrer die Radler kaum sehen können. „Wenn die direkt vor einem stehen, hat der Fahrer keine Chance.“ Deshalb sei es auch wichtig, Radfahrer für die Situation der Lkw-Fahrer zu sensibilisieren. „Ohne gegenseitige Rücksicht klappt das nicht.“

Wobei im aktuellen Lüner Fall Schuldzuweisungen gänzlich unangebracht seien: „Hier kann keiner was dafür.“ Der Lkw-Fahrer habe angehalten, weil er sich in der abknickenden Vorfahrt orientieren wollte. „Der Radfahrer dachte aber, der Lkw hält, weil er ihn gesehen hat.“

Dieses verhängnisvolle Missverständnis hat nun ein Leben gekostet, an das ab Mittwochabend das Ghost Bike in Lünen erinnert.

Mit dpa

Die Kundgebung Ride of Silence Zu Rad-Korsos unter dem Motto „Ride of Silence“ werden am Mittwochabend in Nordrhein-Westfalen mehrere hundert überwiegend weiß gekleidete Teilnehmer erwartet. Auch bei dieser aus den USA übernommenen Aktion geht es um das Gedenken an im Straßenverkehr schwer verletzte oder getötete Radfahrer. Während der gesamten Fahrt sollen alle Teilnehmer schweigen. Allein in Köln rechnet der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) mit 200 bis 500 Teilnehmern. Weitere Aktionen sind zeitgleich unter anderem in Essen, Dortmund, Bonn und Aachen geplant. Weltweit sollen Demonstrationen in zahlreichen Städten stattfinden. Entstanden war der „Ride of Silence“ im Jahr 2003 nach dem Unfalltod eines Radfahrers in Dallas. Seit 2015 nehmen auch deutsche Städte an der Aktion teil. Bundesweit waren nach Angaben des ADFC im Straßenverkehr im vergangenen Jahr 383 Radfahrer getötet worden, darunter 15 Kinder.