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Matthias Lilienthal über „babylonische Sprachverwirrung“

München. In München hat Matthias Lilienthal für sein Programm an den Kammerspielen einigen Gegenwind zu spüren bekommen. Zu viel Performance und Diskurs, bemängeln Kritiker. Anderswo kommt die Arbeit des Intendanten gut an - die Inszenierungen sind bei renommierten Festivals gefragt.

Matthias Lilienthal über „babylonische Sprachverwirrung“

Matthias Lilienthal will in den kommenden zwei Jahren noch viel Spaß in München haben. Foto: Peter Kneffel

Theater als Raum für gesellschaftliche Debatten, Experimente und Reibung: Als der gefeierte Theatermacher Matthias Lilienthal 2015 als Intendant der Münchner Kammerspiele anfing, wurde er erst hochgelobt, dann kam der Gegenwind.

Zu viel politischer Diskurs und Performance statt klassischem Sprechtheater, sagten die Kritiker, während andere begeistert waren. Inzwischen zog der 58-Jährige Konsequenzen und erklärte im März, mangels Rückhalts 2020 zu gehen. Seitdem wird spekuliert, ob er etwa die Berliner Volksbühne übernehmen könnte. Zu seinen Zukunftsplänen will Lilienthal aber nichts sagen. Sein Ziel: „Die nächsten zwei Jahre viel Spaß mit den Kammerspielen und den Münchnern zu haben“, sagt er im Interview der Deutschen Presse-Agentur in München.

Frage: Die Münchner Kammerspiele sind mit zwei Produktionen beim Berliner Theatertreffen vertreten, „Mittelreich“ von Anta Helena Recke und „Trommeln in der Nacht“ von Christopher Rüping. Freut Sie das?

Antwort: Bei diesem Theatertreffen sind wir das einzige Haus, das mit zwei Produktionen eingeladen ist, und das freut mich total. „Trommeln in der Nacht“ von Christopher Rüping ist eine fantastische Arbeit und „Mittelreich“ von Anna-Sophie Mahler war schon vor zwei Jahren beim Theatertreffen. Anta Helena Recke hat eine Kopie dieser Inszenierung nur mit People of Colour gemacht. Dass diese „Schwarzkopie“ auch eingeladen wurde, freut mich besonders.

Frage: In München haben Sie neben Lob auch immer wieder viel Kritik für Ihre Arbeit bekommen. Empfinden Sie diese Einladung nach Berlin als Bestätigung Ihrer bisherigen Leistung an den Kammerspielen?

Antwort: Na klar, das ist eine Anerkennung. Die Theatertreffen-Jury ist eine unabhängige Jury von Theaterkritikerinnen und Theaterkritikern aus der Schweiz, aus Österreich und aus Deutschland. Deren Aufgabe ist es, die zehn bemerkenswertesten Inszenierungen einzuladen. Nicht die besten, sondern die bemerkenswertesten. Das verstehe ich immer so, dass es Inszenierungen sind, die formal oder inhaltlich neue Anstöße für die Theaterszene formulieren.

Frage: Sie sind jetzt nur noch zwei Jahre als Intendant in München, dann läuft der Vertrag aus. Was sind ihre Pläne für diese Zeit?

Antwort: Die nächsten zwei Jahre viel Spaß mit den Kammerspielen und den Münchnern zu haben. Mich interessiert nach wie vor das Internationale des Theaters. Sehr viele Inszenierungen bei uns werden auf Englisch erarbeitet. Die Kammerspiele sind eine große, babylonische Sprachverwirrung und das macht mir total gute Laune. Und ab der kommenden Spielzeit macht es den Münchnern auch gute Laune.

Frage: Die Zahl der Abonnements ist zurückgegangen, dafür kommen mehr Studenten. Wie haben Sie das Münchner Publikum bisher erlebt?

Antwort: Extrem gebildet, extrem kunstverständig. Das Publikum der Kammerspiele hat eine sehr deutliche linksliberale Haltung. Es gibt eine enge Beziehung der Münchner zu den Kammerspielen, die sie als ihr Jugendstilwohnzimmer empfinden.

Frage: Viele Ihrer Stücke wecken auf, reißen einen als Zuschauer aus der Komfortzone.

Antwort: Das ist ästhetische Absicht, intellektuelle Welten oder Gefühlswelten von Zuschauern zu verstören.

Fragen: Was haben Sie an München denn liebgewonnen?

Antwort: Da bin ich ein stinknormaler Münchner. Natürlich die Isar, die Füße in das kalte Wasser stecken. Und natürlich liebe ich die Gasthäuser, auch als demokratischen Ort, wo sich Leute aus allen Schichten treffen, und natürlich diese südlich-mediterrane Lebensart.

Frage: Könnten Sie sich auch einen Wechsel zum Film vorstellen?

Antwort: Das war durchaus immer eine Alternative. Christoph Schlingensief wollte immer, dass ich einen Film produziere. Wenn er nicht gestorben wäre, wäre das bestimmt früher oder später passiert, das interessiert mich. Zwischen Film und Theater gemeinsame Projekte zu denken, finde ich lustig. Aber die nächsten zwei Jahre gibt es nur dieses Haus und damit basta und alles andere kommt danach.

Frage: Sie haben viel vor.

Antwort: Eigentlich bin ich ein phlegmatischer Mensch, der sich auf einen Stuhl setzen will und dann möchte, dass alle zu ihm kommen.

Frage: Trotzdem gehen Sie oft den unbequemen Weg, wollen die Zuschauer aufrütteln.

Antwort: Damit ich mein eigenes Phlegma schachmatt setzen kann.

ZUR PERSON: Matthias Lilienthal ist ein renommierter Theatermacher, der schon mit vielen bekannten Persönlichkeiten gearbeitet hat, unter anderem mit Frank Castorf, Christoph Schlingensief und Christoph Marthaler. Der 58-Jährige war unter anderem stellvertretender Intendant und Chefdramaturg an der Volksbühne Berlin und von 2003 an Intendant des Theaters Hebbel am Ufer in Berlin. 2015 kam er an die Münchner Kammerspiele, als Nachfolger von Johan Simons.

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