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Plötzlich arm, plötzlich reich

Berlin. „Macht Geld wirklich glücklich?“ Sat.1 glaubt, diese Frage mit einem neuen Reality-TV-Format beantworten zu können. Tränen der Freude und der Wut gibt es schon in der ersten Folge. Doch tiefschürfende Erkenntnisse bleiben aus. Kritiker sehen sogar Gefahren.

Plötzlich arm, plötzlich reich

Ein Gläschen Sekt - Symbol für Reichtum. Foto: Frank Rumpenhorst

Es soll ja Leute geben, die von nichts anderem träumen: einfach mal die eigene schnöde Existenz hinter sich lassen und so leben wie die Schönen und Reichen. Für ein paar Familien lässt Sat.1 diese Fantasie wahr werden.

In der neuen Reality-TV-Serie „Plötzlich arm, plötzlich reich“ tauschen Menschen mit sehr wenig Geld eine Woche lang ihr Leben mit Millionären.

In der ersten Folge, die der Privatsender am Mittwoch um 20.15 Uhr zeigt, prallen die Gegensätze gleich effektvoll aufeinander. Familie Bongé aus Berlin-Marzahn tauscht da ihre Hochhaus-Wohnung gegen die 500-Quadratmeter-Villa der äußerst wohlhabenden Familie Worm.

Plötzlich gibt es Kaviar und ein mehrere tausend Euro schweres Geldbündel für Mutter Bongé und ihre vier Töchter, die sonst jeden Euro zweimal umdrehen müssen. Die fünfköpfige Patchwork-Familie Worm muss sich dagegen mit Tiefkühl-Cordon-Bleu und einem Wochenbudget von 225 Euro begnügen. Auch den Alltag der jeweils anderen sollen die Tauschfamilien leben: Golf und Tennis für die einen, Gratis-Spielplatzbesuche für die anderen.

So viel zum Versuchsaufbau, der vom britischen Original „Rich House, Poor House“ übernommen wurde. Große Emotionen scheinen programmiert. Neid? Verzweiflung? Demut? Oder Herablassung? Eigentlich sind alle Voraussetzungen erfüllt für ein neues trashiges TV-Format mit Streit und Drama à la Frauentausch.

Aber die erste Folge kommt überraschend einfühlsam daher - was zum Großteil an den reflektiert denkenden Protagonisten liegen dürfte. Beide Seiten bemühen sich um Verständnis für das Leben der Anderen: Die „Reiche“ Mareike Worm bewundert vor der Kamera Nicole Bongé für ihre Arbeit als Altenpflegerin, die wiederum kann sich in den Stress des Unternehmers Thomas Worm hineinfühlen. Die Vorschau auf kommende Folgen lässt erahnen, dass so viel Harmonie nicht die Regel sein wird.

Die Macher selbst jedenfalls können sich eine gewisse Arroganz nicht verkneifen. Sie zeigt sich vor allem in den Kommentaren aus dem Off: „So viel Geld hatten Nicole und die Kinder noch nie. Sie sind überfordert“, heißt es einmal. Ein anderes Mal: „Das kennen die Kinder sonst nur aus dem Fernsehen.“ Dabei soll es hier eigentlich um die Frage der Fragen gehen: „Macht Geld wirklich glücklich?“

Ja, scheint die Szene zu antworten, in der die Bongés sich einen ausgiebiges Beauty-Programm gönnen und Mutter Nicole vor Freude die Tränen kommen. Nein, sagt dagegen die Szene, in der die reichen Worms bei ihrem kostenlosen Trip zum Spielplatz so viel Spaß zusammen haben wie lange nicht.

Für den Armutsforscher Christoph Butterwegge ist das Experiment aber viel zu künstlich, als dass es wirkliche Erkenntnisgewinne liefern könnte. Besonders schwer laste nämlich auf den Armen die Perspektivlosigkeit. Die Reichen jedoch kämen nur für eine Woche und mit ganz anderen Voraussetzungen in ihr Tauschleben - fast wie Schauspieler, sagt Butterwegge. „Sie erfahren Armut als Rolle, nicht als Schicksal.“ Stets sei klar, dass sie bald in ihren Reichtum zurückkehren könnten. Den Armen hingegen gehe es hinterher möglicherweise schlechter als zuvor, weil sie nun konkreter wüssten, was ihnen entgehe.

Doch Butterwegges Kritik ist grundsätzlicher: „Es hat natürlich erst einmal einen großen Reiz für den Zuschauer, sich in die Lage beispielsweise eines Hartz-IV-Empfängers zu versetzen“, sagt er. Aber wenn man Armut nur in Form von Einzelfällen zeige, gerate das Wesentliche aus dem Blick: nämlich das strukturelle Problem der Kluft zwischen Arm und Reich. So spiele die Sendung denjenigen in die Karten, die Armut gern als selbstverschuldet und Reichtum als verdient darstellen wollen.

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