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Abzocke vor Gericht

Rechnung vom Schlüsseldienst betrug 3167 Euro

Kleve Überflüssige Arbeiten, stümperhafte Ausführung, viel zu hohe Rechnungen – mit dieser Abzock-Masche soll ein Schlüsseldienst vom Niederrhein jahrelang seine Kunden in NRW abgezockt haben. Eine Rechnung für einen Wohnwagen betrug mehr als 3000 Euro. Vor Gericht müssen die Chefs sich aber auch noch für andere Dinge verantworten.

Rechnung vom Schlüsseldienst betrug 3167 Euro

Wer einen Schlüsseldienst braucht, muss keine überzogenen Forderungen begleichen. Zuschläge zum Beispiel sind oft gar nicht zulässig. Foto: dpa

Ein Fall von über Tausend: Die Tür fällt ins Schloss. Der Schlüssel steckt innen. Der Pechvogel ruft einen Schlüsseldienst – leider den falschen. Der Monteur schafft es nicht, die Tür zu öffnen, wechselt das Schloss aus – für 367 Euro. Als der Kunde die Rechnung kritisiert, baut der Monteur das neue Schloss kurzerhand wieder aus, packt das neue und das alte ein und verlangt vom Kunden trotzdem 260 Euro, wie Staatsanwalt Hendrick Timmer am Dienstag beim Prozessauftakt vor dem Landgericht Kleve in der Anklage schilderte.

Mit unnötigen Arbeiten und völlig überzogenen Rechnungen soll ein Schlüsseldienst am Niederrhein jahrelang und bundesweit Kunden abgezockt haben. Angeklagt sind die beiden 39 und 57 Jahre alten Geschäftsführer, die mit Handschellen in den Gerichtssaal geführt wurden.

Anrufe unbemerkt umgeleitet

Sie sollen deutschlandweit gearbeitet und sich dabei mit örtlichen Vorwahlen als angeblich ortsansässige Betriebe ausgegeben haben. Tatsächlich wurden die Kundenanrufe laut Anklage unbemerkt in die Zentrale der „Deutschen Schlüsseldienstzentrale“ nach Geldern am Niederrhein umgeleitet. Von dort wurden Monteure in den Regionen losgeschickt.

Rechnung vom Schlüsseldienst betrug 3167 Euro

Die Angeklagten Christian S. (3.v.l) und Karl-Leo S. (2.v.r) im Gerichtssaal in Kleve auf den Prozessbeginn. Den Angeklagten wird vorgeworfen, völlig überzogene Rechnungen für ihren Schlüsseldienst gestellt zu haben. Foto: dpa

Die oft kaum qualifizierten Mitarbeiter sollen dann die Rechnung mit allen Mitteln in die Höhe getrieben haben – etwa durch unnötige Arbeiten, mutwillige Beschädigung oder Wucher-Preise. Insgesamt 1009 Fälle von Betrug und Wucher wirft die Anklage den beiden Geschäftsführern vor - bundesweit, aber mit einem klaren Schwerpunkt in Nordrhein-Westfalen.

3167 Euro für ein defektes Schloss am Wohnwagen

Die Rekordrechnung betrug laut Anklage 3167 Euro. Eigentlich ging es in diesem von der Anklage skizzierten Fall nur um ein defektes Schloss an einem Wohnwagen. Aber am Ende hatte der Monteur gleich noch eine „besondere Schließvorrichtung“ mitverkauft. Wer sich telefonisch beschweren wollte, landete laut Timmer wieder automatisch in der Zentrale am Niederrhein – da die angeblichen örtlichen Betriebe ja in Wirklichkeit nicht existierten.

Der 57-jährige ältere Geschäftsführer ist für die Justiz kein unbeschriebenes Blatt: Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurde er schon einmal wegen der Betrugs-Masche mit einem Schlüsseldienst zu vier Jahren Haft verurteilt, nach der Hälfte der Zeit aber entlassen. Danach soll er seine kriminellen Machenschaften wieder aufgenommen haben. Der 57-Jährige hatte nach Einschätzung der Staatsanwaltschaft auch jetzt die Fäden in der Hand.

Verteidigung bezeichnet angeklagte Fälle als „Ausreißer“

Betrogen haben die beiden Manager laut Anklage auch den Staat: Die Staatsanwaltschaft wirft den Schlüsseldienst-Chefs neben banden- und gewerbsmäßigem Betrug und Wucher auch die Hinterziehung von Umsatzsteuern von knapp sechs Millionen Euro vor und die Veruntreuung von Arbeitsentgelten vor. Die Geschäftsführer sollen für die rund 250 Monteure Lohnnebenkosten in Höhe von 10 Millionen Euro nicht gezahlt haben.

Die Verteidigung relativiert die Vorwürfe: Bei rund 600.000 gefahrenen Einsätzen in der Zeit seit 2007 seien die angeklagten Fälle „Ausreißer“, sagte der Anwalt des jüngeren Angeklagten vor Prozessbeginn. „Wir halten die Anklage für sehr, sehr dünn.“ Er gehe davon aus, dass die Entscheidung des Landgerichts vom Bundesgerichtshof überprüft werde, griff Verteidiger Thomas Heine dem Urteil vor. Zu dem Verfahren, das bis Juli terminiert ist, sind rund 170 Zeugen geladen, darunter viele Opfer.

Probleme mit unseriösen Schlüsseldiensten gibt es immer wieder. Im November vergangenen Jahres etwa wurde eine Rentnerin aus Hombruch um viel Geld betrogen.

Hombruch. Ein Moment der Unachtsamkeit ist Elisabeth Bredemeier teuer zu stehen gekommen. Nachdem sich die Hombrucherin aus ihrer Wohnung ausgesperrt hatte, rief sie einen Schlüsseldienst. Doch anstatt einfach die Tür zu öffnen, baute der Monteur direkt ein neues Schloss ein - und verlangte eine horrende Summe.mehr...

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